Die Cover Story des neuen Bookmag N&N entstand in den Räumlichkeiten von Vanguard in Prag – Modřany

Vanguard, ein in Tschechien einzigartiger Komplex von Loftwohnungen vor Ort einer ehemaligen Fabrik, war Schauplatz für das Fotoshooting der jungen Unternehmerin Francesca Kolowrat für die neue Ausgabe des Bookmag N&N. Ihre Altersgenossin, die Dichterin Michaela Fenkl, nutzte diese Gelegenheit und führte dort ein Gespräch mit ihr.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Cover story nového N&N se zrodila v prostorách modřanského Vanguardu

Junger Körper, alte Seele. Die fünfundzwanzigjährige Philanthropin, Unternehmerin, Studentin, Investorin und Inhaberin von x anderen Titeln stammt aus dem Adelsgeschlecht Kolowrat, einer der ältesten in unserem Land. Auf den ersten Blick bestätigt das ätherische und exzentrische Geschöpf das Sprichwort, dass man ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen sollte. Ich sehe sie zum ersten Mal in meinem Leben und bereue schnell, dass ich die Aufnahme nicht schon beim ersten „Small Talk“ eingeschaltet habe. In der Wärme eines Prager Frühlingstages setzen wir uns gemeinsam auf die Terrasse und gehen direkt in die Tiefe, denn in ihr fühlen wir uns schließlich immer am besten.

Wie ist es, aus einer adeligen Familie zu kommen? Die Menschen sind sicher voller Vorurteile und Annahmen, aber wie sieht die Realität aus? Ist es eher ein Fluch oder ein Segen?

Es gibt kein Licht ohne Dunkelheit und kein Geschenk ohne eine Steuer. Viele Menschen verbinden mit dem Adel ein bestimmtes Vorurteil oder eine bestimmte Schublade, ohne sich die Realität anzusehen. Das war in meiner Kindheit eine ziemliche Herausforderung. Besonders nach dem Tod meines Vaters. Meine Lebenswirklichkeit war im Vergleich zu meinen Klassenkameraden in der Schule ziemlich bescheiden, materiell gesehen. Ich fühlte deshalb und eben wegen dieser Schubladen eine Art Ausgrenzung, eine Spaltung, weil man mich mit etwas assoziierte, das durch eine gewisse Dekadenz oder Pompösität definiert war, und niemand fragte, ob das stimmte oder nicht. Das war ein Grundpfeiler in der Entwicklung meiner Persönlichkeit. Ich habe einen wichtigen Aspekt der psychologischen Entwicklung, nämlich „irgendwo hinzugehören“, nicht erlebt. Aber es machte mir auch klar, dass es sinnlos ist, andere von meiner Wahrheit zu überzeugen, wenn sie sich bereits eine Meinung über mich gebildet haben. Ich möchte auch anderen nicht das antun, was mir widerfahren ist. Ich will sie nicht verurteilen. Das ist auch der Grund, weshalb ich so viel Zeit mit Tieren verbracht habe. Mit Pferden. Sie verurteilen mich nicht. Sie sind einfach mit mir.

Nehmen wir einfach an, das Gefühl der Aus-gren-zung war die Dunkelheit. Was war das Licht?

Für mich ist es die ganze innere Erfahrung, für die ich dankbar bin. Durch sie habe ich gelernt, als Independent Soul, unabhängige Seele zu funktionieren. Man konzentriert sich auf die eigene Wahrnehmung der Realität, ohne Rücksicht auf die Wahrnehmung anderer Menschen, die meist auf der Grundlage der Bindung an eine Gruppenidentität funktionieren, anstatt wirklich zu wissen, wer sie sind. Andererseits habe ich dank meiner Familie und dem, was sie auch außerhalb des historischen Erbes aufgebaut hat, eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Es wäre heuchlerisch zu behaupten, dass diese Freiheit nicht auch Chancen mit sich bringt, die anderen verwehrt bleiben. Nichtsdestotrotz sind auch viele Menschen ohne Titel abgesichert…

Was wird von Dir im Zusammenhang mit Deinem Titel erwartet?

In unserer Familie geht es sehr liberal zu. Das Motto unseres Wappens lautet Pro fidelitate – mit anderen Worten: Treu und beständig. Das heißt, mit Respekt auf das zu schauen, was unsere Vorfahren aufgebaut haben. Es zu akzeptieren, zu respektieren und weiter zu pflegen, dabei aber auch uns selbst nicht zu vergessen. Die Tradition zu bewahren, sie fortzuführen und sie im Lichte dessen, was die Gesellschaft braucht, um sich zu entwickeln, zu verbessern. Aristokratische Familien wurden oft mit Philanthropie in Verbindung gebracht. Unsere Familie war an der Entwicklung des Nationalmuseums oder des Nationaltheaters beteiligt. Auch für mich persönlich ist Philanthropie auch im Rahmen meiner Möglichkeiten wichtig, vor allem im Bereich der Wissenschaft und des Gesundheitswesens. In der Tat gibt es heute in der Wissenschaft große Möglichkeiten für Veränderungen, die für die gesamte Gesellschaft grundlegend sind.

Hat Dich der Titel jemals eingeschränkt? Abgesehen von dem bereits erwähnten Gefühl der Ausgrenzung während der Schulzeit …

Das kommt auf die Sichtweise an. Einschränkungen durch die Eltern gibt es in vielen Familien, nicht nur in den Adelsfamilien. Natürlich gab es gewisse Erwartungen, in welche Richtung ich gehen sollte. Aber meine Authentizität und meine Vision waren mir immer sehr wichtig. Ich wollte nicht mein eigener Gefangener sein. Also habe ich meine Entscheidungen so getroffen, dass sie zwar niemandem weh taten, aber auch mit dem übereinstimmten, was ich für mich selbst wollte. Letztlich wird niemand anderes unser Leben für uns leben.

New York oder London? Du kennst beide Städte gut. Ich weiß, wie schwer das Leben in London ist, deshalb würde mich Deine Erfahrung interessieren…

Sie haben beide etwas für sich. Ich bin von Natur aus ein Pendler, daher habe ich nicht das Bedürfnis, mich an einem Ort niederzulassen. Ich habe jede Stadt als Teil meiner Reise gesehen, als ein vorübergehendes Zuhause, zu dem mich meine Intuition geführt hat. Bei beiden Städten wusste ich, dass ich nicht dauerhaft dort sein wollte. Dort ist alles sehr schnell. In Amerika können die Leute 16 Stunden am Tag arbeiten und dann für eine halbe Stunde in einen Besprechungsraum gehen, um einen Nervenzusammenbruch zu erleiden und dann wieder an die Arbeit zu gehen. Sie wissen, dass sie ersetzbar sind. In Kontinentaleuropa ist das Leben anders aufgebaut. Hier legen die Menschen mehr Wert auf ihren Seelenfrieden, sie haben ein Mañana, was natürlich auch Nachteile hat…

Wohin fährst Du gern in Europa?

Ich mag Berlin sehr. Es ist bewundernswert für seine Kunst-, Musik- und Architekturszene. Ich mag den Brutalismus, die dunklen Farben und die dunklen Ecken. Underground. Auch diese Orte haben ihre eigene Magie. Durch die verschiedenen Milieus und ihre Energien spüre ich verschiedene Prozesse an mir … man könnte sagen, ich erlebe durch den Raum immer wieder eine neue Geburt. Es ist, als würde man sich selbst ganz neu kennen lernen.

Ich mag auch Barcelona. Aber dort war ich vorrangig aus gesundheitlichen Gründen, wegen einer orthognatischen Operation… Ich hätte nicht gedacht, dass es so revolutionär für mich sein würde. Während der Operation hatte ich das Gefühl, ein Bewusstsein ohne Körper zu haben, ich sah mein ganzes Leben wie einen Film. Tatsächlich schaltete sich die Herzmaschine mehrmals wegen Unterdrucks ab, und ich dachte: „Das ist toll, jetzt bin ich tot“ (lacht). Plötzlich war ich bei all meinen Lebensentscheidungen präsent, auch bei denen, die aus Angst vor Ungewissheit und Unbekanntem getroffen wurden. Ich begann auf einmal, die Angst als eine offene Tür zu einer neuen Dimension zu sehen. Meine Großmutter sagte immer: „Du musst lernen, die Ungewissheit zu lieben. Denn die einzige Gewissheit, die man hat, ist der Tod.“ Und ich habe tatsächlich das Gefühl, dass meine verschiedenen gesundheitlichen Komplikationen ein Ansporn waren, mir meiner selbst bewusst zu werden. Alles geschieht aus einem bestimmten Grund.

Francesca Kolowrat. Foto: Alexander Dobrovodský

Außer einem unverwechselbaren Charakter hast Du auch einen unverwechselbaren Look. Woher nimmst Du Deine Inspiration?

Tätowierungen sind Metaphern, Symbole, die Lebensabschnitte und -situationen festhalten, das Bewusstsein für sich selbst und die Welt um einen herum. Wie die schwarzen Punkte des Leoparden der Königin der Stäbe aus Crowleys Tarot. Die Figur ist mit ihrem Leoparden abgebildet, den sie am Kopf hält. Sie war schwarzhaarig und veränderte sich jedes Mal, wenn sie eine Art von Verwandlung durchmachte. Zuerst in eine rothaarige Frau mit einem Leoparden und dann in eine goldhaarige Frau mit einem Löwen, der symbolisch für die größte Macht stand. Jeder Leopardenfleck stand für die Dunkelheit, durch die sie gehen musste, um die letzte Stufe der Erleuchtung zu erreichen. Wie sie sehe auch ich meine Symbole in meine Haut geritzt, schwarz auf weiß. In der Gegenwart, die allein die Zukunft bestimmt. Die japanischen Wolken auf meiner Hand sind eine Anspielung auf meinen Lieblingsschriftsteller Murakami. Dort werden Schichten verschiedener Realitäten projiziert, oft bemerke ich, dass wenn etwas in einer bestimmten Form erscheint, sich dahinter aber ein Inhalt verbirgt, der viel umfangreicher ist, als wir uns vorstellen können.

Was ist Deine größte Angst?

Man sagt, dass das Leben am Ende unserer Komfortzone beginnt. Mehr als Angst empfinde ich den Schmerz, wenn ich feststelle, dass manche Dinge so sind, wie sie sind. Für mich als hypersensible Person ist der Schmerz des Unverständnisses präsenter, weil ich spüre, dass ich manchmal Dinge fühle, die andere nicht fühlen, und sie deshalb nicht erklären kann. Selbst wenn ich es wollte. Früher hatte ich Angst, bestimmte Entscheidungen zu treffen, weil ich befürchtete, missverstanden und im Stich gelassen zu werden. Dass ich einfach allein sein würde. Aber dann habe ich erkannt, dass ich mich trotz dieser Angst dafür entscheiden kann, etwas zu tun. Ich kann die dunkle Seite der Angst erleben, aber ich kann auch die helle Seite der Angst erleben. Wenn man etwas erleben will, dann will man es mit allem: mit dem Schwierigen und dem Guten. Ich denke, die Menschen sollten sich ständig mit ihren Grenzen auseinandersetzen und an ihre Grenzen gehen. Wir haben zu viel Angst vor Urteilen, vor Veränderungen, vor Ungewissheit, vor Einsamkeit… Und das hält uns zurück. Anstatt das Leben zu leben, überleben wir das Leben.

Ich glaube, unsere Generation der 20-Jährigen ist in der Selbstentwicklung viel weiter als die Generation vor uns…

Ich führe oft Gespräche über dieses Thema. Die ältere Generation ist in einer ganz anderen Zeit aufgewachsen, mit einer anderen Mentalität. Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, in eine Ära der Dopaminsucht nach schnellen Informationen hineingeboren zu werden. In seinem Vortrag verglich Professor Stránský dieses Thema mit der Tatsache, dass, wenn Elefanten mit Stoßzähnen eine Zeit lang ausgerottet werden, dann Elefanten ohne Stoßzähne geboren werden. Die Epigenetik tut das ihre, bei Tieren und bei Menschen … Aufgrund der Technologie beginnen sich die Prozesse im Gehirn zu verändern, wobei Teile, die früher genutzt wurden, allmählich absterben, während sich andere Teile des Gehirns stärker entwickeln. Genau in diese Situation werden die heutigen Kinder hineingeboren. Und wenn sie anfangen, Dinge zu kommunizieren, die die ältere Generation nicht verstehen kann, entsteht eine enorme Last von Missverständnissen, die zu einer Verschließung führt und Kompensationsmechanismen entwickelt. Und das führt zu allen möglichen Schmerzen und psychischen Problemen. Es ist eine komplizierte Zeit. Wie Gabor Mate sagt, geht es bei einem Trauma nicht darum, was „mit dir“ passiert ist, sondern darum, was sich in diesem Moment „in dir“ abgespielt hat. Und man weiß nie, wann die eigenen Worte oder Reaktionen einen großen Einfluss auf das Funktionieren der anderen Person haben könnten. Daher denke ich, es wäre gut, wenn wir uns als Gesellschaft kollektiv dazu entschließen würden, uns ein wenig von den Mustern der Vergangenheit zu lösen und zu lernen, besser wahrzunehmen und mit einem offenen Geist und Herzen zu kommunizieren, gerade jetzt. In unserer Gegenwart.

Verrätst Du mir etwas von Dir, was sonst niemand weiß.

Ich habe eine Vorliebe für Hermetik, Mystik und das Okkulte. Die Hölle zum Beispiel wird normalerweise mit etwas sehr Hässlichem assoziiert. Aber Luzifer ist auch als „Lichtbringer“ bekannt. Und das klingt für mich nicht mehr nach einem negativen Attribut, oder?

Du hast sehr viele Projekte in Deinem Portfolio: Restaurants, Studios in London,
Du bist Schirmherrin der Stiftung für psychedelische
Forschung, investierst in Kunst… woran arbeitest Du gerade?

Ich gehöre zu den Menschen, die einen Mix aus verschiedenen Dingen machen müssen, ich habe einfach viele Interessen. Aber ich brauche eine gewisse Struktur, damit ich mich nicht darin verliere. Das ist auch der Grund, warum ich Neurowissenschaften und Psychologie studiere, und ich möchte mich dem widmen, individuelle Ansätze für die psychische Gesundheit und alternative Methoden zu verbreiten. Ich habe gerade ein Projekt in Arbeit, über das ich noch nicht sprechen kann, aber ich freue mich schon sehr darauf. Ich glaube, es wird wichtig sein und einen gewissen Einfluss haben. Selbst wenn es nur die Saat für etwas ist, das später über mich hinauswachsen wird.

Außerdem werde ich Anfang des Sommers ein Restaurant sowie eine Galerie und einen Concept Store in unserem Kolowrat-Palast eröffnen. Damit möchte ich der heutigen individualistischen Tendenz, sich zu verschließen, entgegenwirken. Ich möchte, dass es vielfältig ist und dass jeder das Seine findet. Wir haben es in einer Art brutalistischem, industriellem Stil umgestaltet und gleichzeitig mit einer angenehmen Umgebung voller Pflanzen und Holz verbunden, damit die Menschen dort gern verweilen. Auch die Philanthropie ist mir wichtig, ich unterstütze die Wissenschaft und vernetze gern Menschen aus der Wirtschaft für neue Projekte. 

Wie sieht Dein tägliches Leben aus?

Jeder Tag ist völlig anders. Manchmal fange ich um fünf Uhr morgens an und höre um neun Uhr abends auf. Glücklicherweise habe ich nicht ständig Projekte. Aber ich würde sowieso sagen, dass ich nachts am besten arbeite. Ich bin eine Nachteule. Es passt zu mir, wenn die Stadt im Schutz der Dunkelheit still wird, die Menschen sich verstecken und alles plötzlich wie eine ruhige See vor dem Morgensturm ist. Nachts kann ich besser in den Flow kommen. Bei meinen vielen Interessen ist es manchmal schwierig, das Gleichgewicht zu halten. Auch deshalb habe ich angefangen, mit einem Coach zu arbeiten, um in der täglichen Hektik Raum zur Regeneration zu finden. Manchmal vergesse ich, mir Raum zum Nichtstun zu geben.

Wobei fühlst Du Dich am lebendigsten?

Das ist eine gute Frage. Ich liebe es, wenn ich spüre, wie die Energie in einer liegenden Acht durch mich hindurch und wieder hinausfließt. Unendlichkeit. Energie kann nicht zerstört werden, sie kann nur transformiert werden. In dem Moment, in dem man sich dessen bewusst wird, ist es das schönste Gefühl der Welt. 

Dieser Artikel erschien in der sechsten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag