Jaroslav Rudiš: Uns verbinden die Geschichte, die Züge, das Bier, aber auch die Einsamkeit

Jaroslav Rudiš ist einer der erfolgreichsten tschechischen Schriftsteller dieses Jahrtausends. Er hat auch Drehbücher für Filme geschrieben, die auf seinen Büchern basieren (Alois Nebel, Grandhotel), und er hat auch Theaterstücke und Hörspiele geschrieben. Er lebt nun seit langem in Berlin und hat sein letztes, hochgelobtes Buch, Winterbergs letzte Reise, auf Deutsch geschrieben. Nach drei Jahren wurde es in diesem Herbst in tschechischer Sprache veröffentlicht, kurz nach dem ihm der deutsche Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz verliehen hatte.

“Die Schweiz und Österreichisch sind die Länder, die wir besuchen sollten, um zu sehen, wie die Eisenbahn funktionieren kann. Deutschland eigentlich nicht (…), meint Jaroslav Rudiš Foto: Jan Malý

Winterbergs letzte Reise, ein Roman über die Wanderung zweier lebenslanger Außenseiter, Winterberg und Kraus, auf den Bahnstrecken der ehemaligen Monarchie mit Hilfe eines Baedekers von 1913, war auch die Inspiration für dieses Interview.

Wie nehmen Sie den tschechischen und den deutschen Humor und den Sinn für ihn?

Ich glaube, dass die Deutschen Selbstironie und Ironie schätzen können, was die Tschechen wohl mit den Österreichern gemeinsam haben. Ironie ist etwas, was uns gleichzeitig rettet und zerstört. Ich mag Humor, und ich habe das Gefühl, dass ein Buch, das ihn nicht hat, mich irgendwie deprimiert, runterzieht, genauso wie ein Film oder ein Theaterstück ohne Spass. Aber gleichzeitig ist es toll, wenn sich hinter dem Humor auch eine dunkle Seite verbirgt – wie zum Beispiel bei Hrabal.

Was den deutschen Humor angeht: Deutschland ist ein großartiges Land und es hat seinen Humor. Natürlich hat jede Kultur ihren eigenen Humor. Ich sehe es an mir selbst, meine deutschen Leser beispielsweise lieben ihn in meinen Büchern unheimlich. Sogar als ich aus dem Roman über Winterberg vorgelesen habe, haben sie viel gelacht, obwohl ich denke, dass es ein sehr melancholisches Buch ist. Gleichzeitig kann man es aber auch als eine Art „dunkler“ Groteske lesen. Was den deutschen Humor selbst angeht, so ist das eine schwierige Frage.

Ich mag eine Art von „Loser-Humor“, es ist über die Leute, denen es nicht so gut geht. Wenn man zum Beispiel das Buch Herr Lehmann von Sven Regener liest, das ich sehr mag und aus dem ich im Goethe-Institut vorgelesen habe, enthält es viel Humor, der auf diesem „Verlierertum“ basiert. Es gibt natürlich viele deutsche Komödien, die einen vordergründigen Humor anbieten, aber die gibt es auch in der Tschechischen Republik.

Ich bevorzuge eher den österreichischen Humor, aber auch einige deutsche Komödien sind großartig. Zum Beispiel der Film Good Bye, Lenin! ist hervorragend, und natürlich gibt es diese Art Humor auch in Büchern. Zum Beispiel mag ich ein Buch über einen sympathischen Verlierer, das noch nicht auf Tschechisch erschienen ist. Dieser Mann will seinem Leben ein Ende setzen, steigt in einen Zug und im Jahre 1981 durch die ehemalige Bundesrepublik reist. Es ist eigentlich eine Ode an die Eisenbahn, die hat mir viel Inspiration gegeben über Winterberg zu schreiben. Als ich es zum zweiten Mal vor Publikum las, wurde mir klar, dass es auch eine Art Komödie zum Thema Zugfahren ist.

Wie stark ist Ihr Heimweh?

Mal so und mal so. Ich denke, Heimweh gehört zum Leben, besonders in Mitteleuropa. Ich weiß, dass viele meiner Leser Familienangehörige haben, die verschwunden sind, oder solche, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, vielleicht sogar gestorben sind.

Eisenbahn und Züge, das ist auch ein bisschen Heimweh. Wenn ich zum Beispiel Heimweh habe, steige ich in einen Eurocity-Zug und esse Lendenbraten. Aber ich sehne mich eher nach dem alten Europa, das ich in dem Buch beschreibe. Ich idealisiere es nicht (ja gut, vielleicht mache ich das ein wenig), aber es war ein großes Gebiet mit miteinander verbundenen KultureN&Nbsp;- und die Eisenbahn hat auch alles verbunden.

Ich sehne mich nicht nach der Rückkehr der Monarchie, aber ich habe das Gefühl, dass, wenn man zum Beispiel mit diesem Buch von mir oder mit dem Baedecker von 1913 reist, der darin eine Schlüsselrolle spielt, werden all diese Verbindungen und Zusammenhänge plötzlich sehr lebendig, genauso wie die Erkenntnis, wie furchtbar nah wir uns trotz all den Unterschieden stehen. 

Und wie nehmen Sie die Einsamkeit wahr?

Die Einsamkeit ist gerade auch das, was uns verbindet. Es geht auch um das Alter und den Abschied und um die große Einsamkeit, die uns im Alter erwarten kann. Winterberg ist eigentlich furchtbar einsam – er ist neunzig neun Jahre alt und hat niemanden. Und plötzlich erscheint Kraus. Und Winterberg hat die Möglichkeit, jemandem zu erzählen, was bisher niemanden interessiert hat – auch den Kraus vielleicht nicht – aber er kann es jemandem erzählen. Er will uns etwas anderes sagen. Das Schreiben, das ist auch Einsamkeit. Deshalb mache ich sehr gerne andere Sachen, wie die Veranstalltungen mit Jaromir 99 oder Kafka-Band, die EKG-Shows mit Igor Malijevsky, oder ich schreibe fürs Theater, woran viele Leute beteiligt sind, damit ich nicht alleine mit meinen Geschichten bin. Gleichzeitig genieße ich es aber auch, mit den Menschen aus meinen Geschichten und Büchern zusammen zu sein. Es war eine wunderbare Zeit, die ich mit Winterberg und Kraus verbracht habe. 

“Ich mag Humor, und ich habe das Gefühl, dass ein Buch, das ihn nicht hat, mich irgendwie deprimiert, runterzieht, genauso wie ein Film oder ein Theaterstück ohne SpassFoto: Jan Malý

Haben Sie mal über Selbstmord nachgedacht?

Nein. Obwohl es ein großes Thema in fast allen meinen Büchern ist.

Wie geht es Ihnen mit dem Rauchen und dem Alkohol?

Zum Glück habe ich nie gelernt zu rauchen. Ich mag Bier, und ich muss ein bisschen vorsichtig sein, damit ich nicht zum Biertrinker werde, zum Kraus meines Buches. Aber: Bier ist auch etwas, was uns verbindet! Für mich ist es Teil der Kulturgeschichte dieser Region, genau wie die Eisenbahn. Und ich sehe nichts Falsches daran. Ich freue mich immer darauf, in Tschechien in die Kneipe zu gehen. 

Hatten Sie schon mal das Gefühl, am Rande des Wahnsinns zu stehen?

Davon habe ich viel in meinen Büchern, manchmal bin ich selbst überrascht, wie viel, und einige Freunde haben sich Sorgen um mich gemacht. Aber in meinem Fall ist es glücklicherweise nur in Büchern.

Welche Bahnunglücke haben Sie erlebt? Und ich meine nicht nur die an der Eisenbahn…

Ich habe Bahn-Suizide erlebt, und es ist furchtbar traurig, wenn die Lokführer darüber sprechen. Aber bei solchen Katastrophen stellt man oft fest, dass unsere eigene „Katastrophen“ keine wirklichen Katastrophen sind. Ich bin eigentlich ein glücklicher Mensch – oder ich versuche immer glücklich zu sein. Ich versuche, die Welt mit Abstand und aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Das macht mir vielleicht auch etwas leichter sich auf den Schienen zu bewegen.

Wie prägt die Vergangenheit die tschechischdeutschen Beziehungen heute? Werden sich Tschechen und Deutsche die Schrecken der Vergangenheit – zum Beispiel Besatzung und Vertreibung – jemals gegenseitig verzeihen?

Winterbergs Vater war Anhänger der Republik, weshalb ihn ein fanatischer deutscher Nazi aus Reichenberg mit einem Bierkrug erschlug. Das sind Geschichten, die damals tatsächlich passiert sind. Aber Nationalismus in Mitteleuropa ist ein Weg in die Sackgasse. Vergebung ist eine furchtbar individuelle Sache, man kann sie nicht verallgemeinern. Dennoch glaube ich, dass sich viele Dinge bewegt haben. Vielleicht ist es gut, dass Bücher darüber geschrieben werden, Bücher über das Unrecht der Vergangenheit. Aber das würde ich eher den Schriftstellern als den Politikern überlassen. Ich will die Politik dafür kritisieren, dass sie manchmal die nationalistische Karte spielt. 

Noch zur Politik: Wie zufrieden waren Sie mit den diesjährigen Wahlen in der Tschechischen Republik und in Deutschland?

Unsere Wahl – das ist für mich ein schöner kleiner tschechischer Sieg. Ich hatte Angst, dass es dieses Ergebnis nicht haben würde. In Deutschland war ich auch froh, dass die Mitte der Gesellschaft de facto gestärkt wurde, dass die radikalen Ränder ein bisschen abgeschnitten wurden. Dies gilt sicherlich für die AfD, die in der Vergangenheit von einigen als der Geheimfavorit der Wahl, als die neue große Partei, angesehen wurde, aber das ist nicht geschehen. 

Und die Coronavirus-Pandemie, wie erleben Sie die?

Mit den traditionellen Worten meines Buches gesagt, genauer mit den Worten Winterbergs Vater, Gründers des ersten Krematoriums in der Monarchie: Diejenigen die an Swindsucht starben, sind keine schönen Leichen. Und die Opfer von Covid sind sicherlich auch keine schönen Leichen. Das wird uns wahrscheinlich noch lange verfolgen. Es war ein Schock für mich, dass die Grenzen wieder da waren. Ich dachte, es würde nie wieder passieren, dass es wieder Grenzen zwischen uns geben würde. Und plötzlich fuhren die Züge nicht mehr! Ich glaube, dass so etwas niemals in der Geschichte passiert ist. 

Schaffen es die Tiere sich noch an uns jemals zu rächen?

Die Natur wird sich sicher an uns rächen. Oder das Universum. Und auch die Tiere sind in dem Buch sehr präsent – vor allem die Rehe, die ich gerne vom Zug aus beobachte.

Wie sehen Sie die Zukunft der Eisenbahn? Und was halten Sie von den Änderungen, die es auf diesem Gebiet gibt? Für die Nostalgiker muss es ein Schock seiN&Nbsp;- die Barrieren, die es unmöglich machen, die Umgebung zu sehen, das Rumpeln des Zuges, das allmählich verschwindet…

Einfach mehr davon! Ich meine neue, moderne Gleise und Strecken, aber nicht diese Betonmauern, die die Landschaft und die Aussicht verschandeln. In der Schweiz zum Beispiel sind sie wirklich nur da, wo es absolut notwendig ist. Ich mag natürlich die alte Eisenbahn. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass eine radikale Modernisierung die einzige Chance ist, die Bahn zum Verkehrsträger der Zukunft zu machen.

Nach dem Schweizer Modell, aber auch nach dem österreichischen Modell. Das sind die Länder, die wir besuchen sollten, um zu sehen, wie die Eisenbahn funktionieren kann. Deutschland eigentlich nicht, denn dort ist vieles in die falsche Richtung gelaufen. Obwohl das Land früher eine Eisenbahnmacht war, spielt die Bundesrepublik in dieser Hinsicht heute meiner Meinung nach immer noch die zweite Geige. Aber auch dort beginnt man nun zu verstehen, dass sich die Dinge ändern müssen.

Und die letzte Frage: Warum haben Sie das Buch dem Egbert gewidmet?

Er ist ein Freund von mir. Es waren seine Geschichten und seine Reisen durch Mitteleuropa mit altem Baedecker von 1913, die mich inspiriert haben. 

Dieser Artikel erschien in dem zweisprachigen Heft N&N Czech-German Bookmag, das sich mit faszinierenden Persönlichkeiten auseinandersetzt, die die Tschechen mit deren wichtigsten Nachbar Deutschland verbinden. Das N&N Czech-German Bookmag is bei Albatros Media zu bestellen.

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