Melanie von Schilling, Baronin von Prag

Nach Prag kam sie vor dreißig Jahren – und mit einer kurzen Unterbrechung lebt sie hier bis heute. Langweile ist ein Fremdwort. Denn ihren Alltag füllen Familie, Charity und Kunst aus.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Melanie von Schilling, baronka z Prahy

Ich wurde als Gräfin geboren, doch mit der Ehe wurde ich Freifrau. Aber was tut man nicht aus der Liebe!“, beginnt Melanie Freifrau von Schilling lachend zu erzählen. Amüsiert reagiert sie auch auf meine Bemerkung, ob sie ihre Kindheit auf dem Familienschloss verbrachte? „Nein. Meine Eltern mussten im Zweiten Weltkrieg flüchten und ihre Besitze zurücklassen. Mein Vater kommt aus Oberschlesien, meine Mutter aus Sachsen. Beide sind auf Schlössern aufgewachsen, doch im Zweiten Weltkrieg wurde ihnen der Familiensitz weggenommen. Daher bin ich in einem gewöhnlichen Haus in Köln, Frankfurt und München groß geworden“, fährt sie fort. Sie gebe zu, dass das Leben im Schloss auf den ersten Blick wunderbar erscheint, doch viele wissen nicht, dass solcher Besitz mit Verantwortung, Instandhaltung und Sorgen verbunden ist. Denn nur in eimen gewarteten, gepflegten und funktionstüchtigen Schloss lebt man gerne, das ist auch in Häusern und Wohnungen nicht anders, betont sie.

Böhmische Abstammung väterlicherseits

„Lustigerweise ist der ursprüngliche Familienzweig meines Vaters böhmisch, wobei er bis ins 14. Jahrhundert zurückgeht. Seine Vorfahren, die Grafen von Oppersdorff, bauten in Ostböhmen das Schloss Častolovice, das später die heutigen Besitzer, die Familie Sternberg, erwarben. Bei unserem Besuch des Schlosses Častolovice fiel uns sofort das „Oppersdorff’sche“ Familienwappen in der Eingangshalle ins Auge, das als Zeichen der Erbauer von oben prangt.  Nachdem der schlesische Familienzweig ausgestorben war, haben sich ihre Vorfahren aus Böhmen in Schlesien niedergelassen und waren von da an der schlesische Zweig. „Da mein Ursprung auch böhmisch ist, hat meine Familie nach Jahren den Kreis symbolisch in Prag geschlossen“, betont sie. 

Von München nach Prag

Sie erinnert sich an das Jahr 1994, als sie ihrem Ehemann Kai in seine Lieblingsstadt Prag folgte, wo er den Doktortitel ablegte, noch dazu als erster ausländischer Doktorand an der Prager Wirtschaftsuniversität. Seine Prüfungen machte er auf Deutsch, Französisch oder Englisch – je nach der Sprache, welche der jeweilige Professor sprach. Hierzulande erlebten sie die Aufbruchstimmung der 90er Jahre, etwas später zogen sie wieder nach München, wo ihre drei Söhne auf die Welt kamen. Nachdem ihr Jüngster neun Jahre alt wurde, wollten sie ihr eingefahrenes Leben erfrischen – und so kehrten sie erneut nach Prag zurück, wo sie seit 2014 wohnen.

„Hier zu sein bedeutet für mich eine Herausforderung, nicht nur sprachlich sondern auch die Art und Weise, wie Menschen auf mich in einem Geschäft oder Café zukommen. Wenn mich jemand anlacht, sage ich immer „danke“. Und falls mich jemand sichtlich verdutzt nach dem Grund fragt, antworte ich immer, es sei deshalb, weil man mich angelächelt hat. Oft füge ich hinzu, dass sie es beibehalten sollen, denn es kostet sie nichts und bereitet viele Freude. Es ist doch viel schöner in ein freundliches lachendes Gesicht zu schauen. Ich glaube, das ist das, was man hier noch ein bisschen lernen könnte,“ behauptet Melanie.

Melanie von Schilling, foto: Tomáš Železný

Ob diese positive Einstellung auf die Erziehung in ihrer Kindheit zurückzuführen sei? „Ganz bestimmt. Denn meine Eltern waren schon immer positiv, ich denke, weil sie durch den Krieg düstere Zeiten erlebt haben und daher alles was nach dem Krieg kam, positiv empfanden. Sie brachten uns bei, dass man stets zusammenhält und dass man seinen Mitmenschen helfen muss. Sie selbst haben sich schon immer sozial engagiert, denn sie haben mit dem Malteser Hilfsdienst einmal im Jahr für eine Woche Kranke in Lourdes gepflegt. Das habe ich von Kindheit an mitbekommen, es wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Wenn es einem gut geht und man die Möglichkeit hat, sollte man der Gesellschaft etwas zurückgeben und sich sozial engagieren. Das war mir auch bei der Erziehung meiner Söhne wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass es mir gelungen ist.“

Für Menschen und Kunst

Im Sozialbereich engagiert sie sich seit Jahren. Erst in München, wo sie charitative Veranstaltungen organisierte, nun auch in Prag. Im Jahr 2016 rief sie den  Stiftungsfonds Act For Others ins Leben, mit dem sie den Verein Neratov, auf Deutsch Bärnwald, im Adlergebirge fördert, der Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung zur Seite steht. In diesem kleinen Bergdorf an der tschechisch-polnischen Grenze lebt und arbeitet eine Gemeinschaft von Menschen, die sich nicht bemitleiden, sondern wissen, dass sie der Gesellschaft etwas anzubieten haben. Sie flechten Körbe, stellen Keramik her, weben Teppiche, nähen alles oder betreiben eine Brauerei und nutzen das Wasser aus dem örtlichen Gebirgsfluss. Zugunsten des Vereins Neratov organisiert Melanie von Schilling gemeinsam mit ihrem Team alljährlich den Charity Advent Market und Let’s Party For Charity, deren Erlös einem guten Zweck dient. „Immer wieder, wenn ich nach Neratov fahre, sehe ich, was da im Laufe der Zeit aufgebaut wurde, was alles sich verändert hat, das freut mich natürlich sehr. Ich spüre gleichzeitig Dankbarkeit, die einem entgegenkommt und die mich sehr erfüllt.

Hang zu Kunst & Design

Als studierte Modedesignerin hatte sie schon immer eine Vorliebe für Design und Kunst. Sie arbeitete in München bei Escada beim Label Laurel im Design als Stoffeinkäuferin, anschließend wechselte sie in die Stoffproduktion und arbeite in Como bei einer italienischen Seidendruck-Firma. Später ging Sie nach Zürich zu einem Baumwollstoff-Produzenten, wo sie als Koordinatorin zwischen Design und Stoffproduktion tätig war Damit, verband sie Design und Umsetzung, was ihr Spaß machte, vor allem die Planung und Vorbereitung der Messestände in Paris. „Als ich nach Prag kam, dachte ich, dass ich auch hier weiterhin in der Textilindustrie arbeiten könnte, denn Tschechien war auf diesem Gebiet schon immer eine Großmacht. Das Handwerk hier war großartig. Woran es  den Menschen jedoch immer noch fehlt, ist Selbstbewusstsein in puncto ihrer Fähigkeiten und des eigenen Handwerks. Erfreulicherweise hat sich das in den letzten 10 Jahren schon positiv verändert. Man sieht es unter anderem an verschiedenen Veranstaltungen, die hier stattfinden, wie beispielsweise das internationale Festival Designblok.“

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sie gemeinsam mit Isabella Ponta-Ebm, Olga Trčkova, Nicole Stava und Silvia Lepiarzcyk den One Piece Club Europe gründeten, um der breiten Öffentlichkeit die zeitgenössische Kunstwelt näherzubringen und damit eine wachsende gleichgesinnte Community entstehen zu lassen.

„Es ist schön, eine Galerie oder ein Museum zu besuchen. Noch viel schöner ist es, wenn man einfach aber fachlich geführt wird, dadurch bekommt man mehr Hintergrundwissen und versteht viele Zusammenhänge besser“, betont Melanie. In der Praxis heißt das, dass die zukünftigen Club-Mitglieder ein Jahr lang, einmal monatlich durch Ausstellungen, Ateliers und Kunstschulen begleitet werden, wo sie nicht nur Kunstobjekte, sondern auch die jeweiligen Künstler persönlich kennenlernen werden. Dass solche Begegnungen einzigartig sind, weiß Melanie zu schätzen. Denn als sie selbst vor ein paar Jahren die Ausstellung nervous trees des tschechischen Gegenwartsbild­hauers Krištof Kintera im Rudolfinum sah, war sie dermaßen fasziniert, dass sie den Künstler persönlich kennenlernen und ein Werk von ihm erwerben wollte, was ihr schließlich auf Umwegen auch gelang. Ähnlich soll auch der neue Kunstclub funktionieren: „Jedes Club-Mitglied wird dazu aufgefordert, im Kreise Gleichgesinnter selbst zum Kunstsammler zu werden, d.h. im Club-Jahr ein Kunstobjekt zu erwerben und es dann beim Jahresabschlusstreffen im Dezember zu präsentieren. Beim Erwerb spielt der Preis keine tragende Rolle, sondern nur, dass es demjenigen gefällt und dass man mit seinem Kauf wiederum den Künstler und die Kunst auch im kleinen Rahmen fördert“, erläutert Melanie. Der One Piece Club Europe, der auf dem japanischen Vorbild basiert, wird im Januar 2025 starten. 

Dieser Artikel erschien in der siebten Ausgabe des Printmagazins N&N – Noble Notes