Tomáš Stařecký: Glocken und Glöckner 

Ab und zu fliegt er nach oben, wobei ihn das Seil fast bis zum Herzen der Glocke zieht. Es ist, als würde er die Schwerkraft überwinden. Schalldämpfer auf den Ohren, Handschuhe an den Händen. Ja, der Glöckner der St.-Veits-Kathedrale auf der Prager Burg hat es in der Tat nicht einfach…

Es ist Sonntagmorgen, kurz nach 9,30 und die Gläubigen strömen in die St.-Veits-Kathedrale auf der Prager Burg. Unweit steht eine Gruppe von Touristen, an mir vorbei eilt ein älteres Ehepaar mit dem Hund. Ich stehe auf dem dritten Burghof und blicke hinauf zum großen Südturm der Kathedrale. Hinter dem goldenen Renaissance-Gitter hängt Böhmens berühmteste Glocke Zikmund (Sigismund). Eine Etage höher befinden sich seine sechs Brüder, die ich beinahe bis zum Abreissen der Ohren aus nächster Nähe bald hören werde.

Zikmund und seine Brüder

Zikmund wurde 1549 von dem Prager Glockengießer und Metallarbeiter Tomáš Jaroš gegossen. Der zwei Meter hohe Koloss wiegt rund 14 Tonnen und konnte wegen seines Gewichts im Glockenturm nicht höher aufgehängt werden. 

Heutzutage hört man Zikmund nur noch an den wichtigsten kirchlichen Feiertagen wie Weihnachten, der Karwoche, bei Staatsbegräbnissen und bei Veranstaltungen in der Kathedrale läuten. Das letzte Mal schlug Zikmund beim Wenzelsfest, bei der Übergabe der Kronjuwelen und bei der Beerdigung des Fürsten Karel Schwarzenberg. 

St.-Veits-Kathedrale in Prag. Foto:Tomáš Železný

Das Glockengeläut in der St.-Veits-Kathedrale wird heute in der Regel von sechs Glocken übernommen, Es sind: Maria, Joseph, Johannes der Täufer, Dominik, Wenzel und Jesus, die um ein Stockwerk höher als Zikmund, hinter dem Gitterdoppelfenster des Turms, aufgehängt sind. Die letzten drei Glocken wurden 2013 wieder in den Glockenturm gebracht, symbolisch zum Tag des Läutens, der auf den 30. April fällt. Sie wurden von der Glockengießerin Leticie Vránová-Dytrychová aus Brodek u Přerova hergestellt.

In dem Glockenturm

Ich werde von einer Gruppe, die sich mir nähert, aus meinen Gedanken gerissen. Es sind die Glöckner der St.-Veits-Kathedrale. Unter ihnen ist ihr Hauptglöckner Tomáš Stařecký. Er fordert mich auf, durch das Metalltor des Turms zu gehen. Ich steige die steinerne Wendeltreppe hinauf, und schon bald ringe ich nach Atem. Ich kann kaum mit den Andern mithalten. Ich weiss, dass ich noch 294 Stufen zu überwinden habe, zu den sechs Glocken zu gelangen! Ich kann mir nicht vorstellen, wie oft die etwa zwanzig Glöckner der Campanarii Sancti Viti Pragenses dasselbe wie ich machen, denn sie kommen zweimal pro Woche hierher, um die Glocken läuten zu lassen. Jeder von ihnen, ob Mann oder Frau, Student oder Rentner, besteigt den Turm mindestens hundert Mal im Jahr. Darüber hinaus finden in der St.-Veits-Kathedrale weitere außergewöhnliche Ereignisse statt. Die Glocken läuten jeden Sonntag zweimal: zuerst vor dem Gottesdienst um 10 Uhr und dann zum Mittag.

Der Hauptglockenspieler des Veitsdoms, Tomáš Stařecký, bestimmt die Ankunft der Glocken vor dem Läuten. Er ähnelt einem Dirigenten, der über das Orchester herrscht. Das ist kein zufälliges Gleichnis, denn der Glöckner muss den Rhythmus genauso spüren wie der Musiker. Würde er zu wenig läuten, würde die Glocke gewissermaßen einschlafen. Die Frequenz der Läutestriche würde abnehmen, was sich in der Klangfarbe niederschlägt. Foto: Tomáš Železný

Zügig hinauf

„Wer nicht zügig die Treppe hinaufläuft, hat bei uns nichts zu suchen“, sagt Tomáš Stařecký kompromisslos, und ich finde mich damit ab, dass ich wohl keine Glöcknerin sein werde. Die Glöckner müssen die Treppe so flink hinauflaufen, dass sie genügend Zeit haben, ihre Positionen während des Läutens einzunehmen, dessen Beginn und Art je nach Läuten variiert. Für das optimale Läuten aller sechs Glocken über Zikmund ist das Zusammenspiel von mindestens acht Glöckner erforderlich. Wenn auch Zikmund geläutet wird, wird ein zusätzlicher Glöckner benötigt. Er lenkt das Herz der Glocke, damit die Schläge die Glocke nicht beschädigen. Die Glöckner wechseln sich beim Läuten der Glocken ab. Einer von ihnen hält den Takt. Um ihre Gesundheit zu schützen, tragen die Glöckner und Glöcknerinnen Schalldämpfer auf den Ohren und Handschuhe an den Händen. Langsam dehnen, aufwärmen.

Es geht nicht um Kraft

Ich stehe in einem kleinen Raum im Glockenturm, umgeben von einer massiven Metallkonstruktion. An der Wand hängen eine Funkuhr und ein „Fahrplan“ für das Glockengeläut. Ich beobachte, was um mich herum passiert. Wenn Tomáš Stařecký die Rollen unter den Glockenspielern verteilt, erinnert er mich an einen Dirigenten, der sein Orchester leitet.

Glockengießer der Campanarii Sancti Viti Pragenses bei der Arbeit. Foto: Tomáš Železný

Das ist kein zufälliges Gleichnis, denn der Glöckner muss den Rhythmus genauso spüren wie der Musiker. Würde er zu wenig läuten, würde die Glocke gewissermaßen einschlafen. Die Frequenz der Läutestriche würde abnehmen, was sich in der Farbe des Klangs widerspiegelt. „Die Magie des Läutens ist daher vielmehr als nur physische Kraft. Und als eine gute Glöcknerin kann auch eine zierliche Frau werden“, erklärt Tomáš Stařecký, der meiner Meinung nach die Vorstellung vom idealen Glöckner erfüllt: Er nahm früher an den Tanzwettbewerben teil, er kann Trompete spielen, er ist ein begeisterter Sportler, der am Langstreckenlauf in vielen europäischen Städten teilnahm.

Er betont, dass die St.-Veits-Kathedrale eine von nur vier Kathedralen weltweit sei, die sich heute noch mit der Tradition der „lebenden“ Glöcknern rühmen könne, während diese andernorts schon längst durch elektrische Energie ersetzt wären, so dass das Handglockenläuten langsam aussterbe. 

Glocke Nr. 9801

Am gegenüberliegenden Moldauufer in der Nähe von Palacký-Platz, von dem aus der imposanten Silhouette der Prager Burg mit dem St.-Veits-Dom zu sehen ist, kann man die majestätische Glocke #9801 bewundern. Sie erinnert an insgesamt 9801 Glocken, die während des Zweiten Weltkriegs von den deutschen Besatzungsbehörden in Böhmen und Mähren beschlagnahmt wurden. Im Rahmen einer öffentlichen Sammlung im Jahre 2021trugen Spender zu ihrer Herstellung bei, so dass eine einzigartige Glocke entstanden konnte, die 23 symbolische Fragmente von beschlagnahmten Glocken zieren. 

Palupín erklingt wieder

Nicht nur der Krieg, sondern auch Totalitäten verfolgten Glocken. Bespielsweise im Dorf Palupín, etwa siebzehn Kilometer von Telč (Teltsch) und weniger als einhundertfünfzig Kilometer südlich von Prag entfernt. Erst vor kurzem wurde die Palupíner Glocke, die vom kommunistischen Regime in der damaligen Tschechoslowakei entfernt worden war, wieder feierlich angebracht. 

Tomáš Stařecký an der Glocke Zikmund, die 1549 vom Prager Glockengießer und Metallarbeiter Tomáš Jaroš gegossen wurde. Foto: Tomáš Železný

Auf der kleinen, etwa 80 cm hohen Glocke liest man folgende Inschrift: „Für Frieden, Gerechtigkeit, Schönheit und die Liebe Gottes“. Gegossen wurde die Palupíner Glocke von Jan Šeda in seiner Glockenwerkstatt in Deštná im Adlergebirge. „Die Herstellung von Glocken ist ein bisschen wie Alchemie. Das Geheimnis liegt im Sand und in der atmungsaktiven Form, im Verhältnis von Bronze und Zinn im Glockenmetall“, erklärt der Glockengießer. Er fügt hinzu, dass die ersten Glockengießer in unserem Land überraschenderweise Mönche wären, insbesondere die Benediktiner aus Rokycany (Rokitzan) im Pilsner Bezirk.

„Früher waren es die Glocken, die die Menschen nicht nur an Gebete und kirchliche Feste erinnerten, sondern auch vor Gefahren warnten oder freudige Ereignisse einläuteten. Ohne den Klang der Glocken wäre unsere europäisch-christliche Kultur nicht denkbar“, betonte beim Einweihungsfest der Palupíner Glocke eine Bewohnerin, die sich über die neue Glocke sehr freut.

Dieser Artikel erschien in der siebten Ausgabe des Printmagazins N&N – Noble Notes