🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Zuzana Čaputová: Když je v čele státu máma
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Mit Erik Tabery, dem Chefredakteur des renommiertesten tschechischen Mediums, der Wochenzeitung Reflex, hat Zuzana Čaputová das Buch „Sich nicht selbst verlieren“ geschrieben. Es ist ein Buch über die „Nummer Eins“. Über eine liebenswürdige, sympathische, gewissenhafte Frau, die in jungen Jahren eine schwindelerregende politische Karriere machte, dann aber freiwillig die Leiter der Macht wieder auf den Boden hinabstieg. Auch solche Politiker gibt es heute.
Tao Te Ching
Trotz der Emanzipation hat sich die Spitzenpolitik in unserem Teil der Welt nicht wesentlich verändert. Polen, Tschechien, Ungarn und nicht einmal Deutschland oder Österreich hatten eine Frau an der Spitze des Landes. Eine Ausnahme geschah in der Slowakei, wo die erste Frau in der modernen Geschichte Mitteleuropas das Präsidentenamt antrat: Zuzana Čaputová. Eine Politikerin im Alter von nur 45 Jahren und – auch wenn man es heute wahrscheinlich nicht mehr betonen sollte – eine sehr charmante, geschiedene Mutter von zwei Töchtern im Teenageralter.
Es kommt nicht oft vor, dass die New York Times in den höchsten Tönen über eine Politikerin aus dem postkommunistischen Europa schreibt. Schließlich hat seit Václav Havel kein Staatschef aus dieser Region mehr eine große Rolle gespielt. Doch dann kam Zuzana und die Times wurde aufmerksam. Im Artikel „The Lawyer Who Took on the Mob Becomes Slovakia’s First Female President“ schrieb sie über ihre lange Kampagne gegen Korruption im Zusammenhang mit dem Bau illegaler Mülldeponien in Pezinok. Trotz der Einschüchterungen ließ sie sich nicht abschrecken, was ihr 2016 den Goldman-Umweltpreis einbrachte, möglicherweise der erste Schritt in Richtung ihrer Präsidentschaft.

Schon in jungen Jahren war sie leidenschaftlich bei der Sache und eine Musterschülerin. „Seit ich siebzehn bin, liegt auf meinem Nachttisch das Buch Tao Te Ching von Lao Tzu. Es ist ein Buch, das zu einem persönlichen Weg im Einklang mit höheren Prinzipien inspirieren soll, aber es geht auch darum, wie man im Einklang mit ihnen die Gesellschaft leiten und regieren soll, wie er das vor 2600 Jahren nannte.“
Die Samtene Revolution erlebte sie als Teenager und ihre Mutter erzählte ihr von Vaclav Havel. Zuzana war fasziniert vom Dissens. „Pezinok liegt nicht weit von der österreichischen Grenze entfernt, wo wir nicht hin durften, was völlig absurd war”, erinnert sie sich.
Bevor sie Präsidentin wurde
Als Anwältin vertrat sie Frauen in Not und engagierte sich später in Sachen der erwähnten Mülldeponien. Sie wurde Analystin und Vizepräsidentin der liberalen Bewegung Progresívne Slovensko. 2018, kurz nach der Ermordung des slowakischen Investigativjournalisten Ján Kuciak und seiner Lebensgefährtin Martina Kušnírová, kündigte sie ihre Kandidatur für das Präsidentenamt der Slowakischen Republik an.
Zu Beginn des Wahlkampfs rangierte sie auf den letzten Rängen der Präferenzleiter, nach den ersten Debatten schnellte ihre Popularität jedoch in die Höhe. Gegenüber anderen Kandidaten sprach sie spontan und positiv und griff ihre Gegner nicht an. In der slowakischen Politik war sie eine Offenbarung.
Der berufliche Erfolg überschnitt sich jedoch mit schwierigen Momenten in ihrem Privatleben, als bei einer ihrer Töchter ein Tumor diagnostiziert wurde. Zuzana war bereit, auf die Präsidentschaft zu verzichten, aber als die Ärzte ihr erklärten, dass es sich glücklicherweise nicht um eine schwere Form der Krankheit handele, nahm sie das Mandat an.
Zu Hause wie im Gefängnis
Am Tag ihrer Wahl begleitete sie ein Sicherheitsbeamter nach Hause, der ihr und den beiden Töchtern ein ständiger Begleiter wurde, denn als neue Präsidentin sah sie sich Drohungen ausgesetzt. „Ich hatte damals ein sehr starkes Gefühl, eine Gefangene zu sein“, sagt sie und fügt hinzu, dass man plötzlich zwar alles tun kann und gleichzeitig nichts darf. „Ich habe mich mein ganzes Leben bemüht, sinnvolle Dinge zu tun, und gleichzeitig im Einklang mit mir selbst zu leben. Diese beiden Dinge miteinander zu verbinden, ist mir wichtig. Und ich weiß, dass ich jetzt bei mir selbst in der Schuld stehe.“

Sie reflektierte darüber, wie sehr die Präsidentschaft ihr Verhältnis zu sich selbst veränderte, als sie das Frausein als Schwäche empfand, die sie mit Leistung kompensierte. Mit der Zeit erkannte sie, dass sie in vielerlei Hinsicht ihr eigenes Selbst verleugnete. Tabery erklärt das so: „Die Geschichte einer Frau ist gänzlich anders als die eines Mannes, die Männer denken oft, dass es für alle das Beste ist, wenn sie ihre Perspektive auf alles anwenden. Aber eine rein männliche Perspektive kann nicht funktionieren. Die Gesellschaft braucht wahrscheinlich das, was Zuzana Čaputová durchgemacht hat – erkennen, dass wir nicht alle die gleichen Chancen haben und wir Verständnis aufbringen müssen, um die Unterschiede zu sehen. Das zeigt, dass wir das weibliche Element in der Politik genauso brauchen wie das männliche.“
Der Vater und der Heilige Vater
Zuzana wechselte von der Rolle der Präsidentin nicht nur in die der Mutter, sondern auch in die der Tochter. Ihr Vater war seit vier Jahren an Krebs erkrankt. Auf ihren Vorschlag hin verbrachte er seinen Lebensabend zu Hause, und die Familie löste sich bei ihm ab. „Das war eine sehr wertvolle Erfahrung. Am Anfang hatten wir alle Angst, aber ich glaube, dass es in gewisser Weise ein Geschenk war. Die Vorstellung vom Tod war beängstigender als die Realität des Todes“, erinnert sich die ehemalige Präsidentin.
Auch der Besuch des Papstes fiel in diese Zeit. Ihr Vater wünschte sich, den Papst persönlich zu sehen, doch aufgrund seiner Krankheit war dies nicht mehr möglich. Zuzana überbrachte ihm den Segen des Heiligen Vaters und besuchte die Messe des Papstes in Šaštín. „Ich saß in der Messe, war plötzlich von einem Gefühl der Beklemmung überwältigt und fing an zu weinen. Anscheinend waren das genau die Minuten, in denen mein Vater seinen letzten Atemzug tat. Als die Messe zu Ende war, erfuhr ich, dass mein Vater gestorben sei. Es war, als wäre er gekommen, um sich in diesem Moment von mir zu verabschieden“. Nach der Messe verabschiedete sie sich vom Heiligen Vater am Flughafen. „Ich winkte dem Papst und gleichzeitig meinem Vater im Himmel zu. Mir kamen die Tränen. Das war eine ganz außergewöhnliche Situation, in der ich die Rolle des Staatsoberhauptes spielen musste, aber gleichzeitig aber auch die Tochter eines gerade verstorbenen Vaters war, was traurig und schön zugleich war.“
Dank ihres Vaters knüpfte sie eine persönlichere Beziehung zum deutschen Bundespräsidenten FrankWalter Steinmeier, der kurz vor dem Tod ihres Vaters die Slowakei besuchte. Ihre Tochter Emka sollte zu einem wichtigen Check-up ins Krankenhaus. Der Bundespräsident sprach ihr ermutigend zu. „Ich habe mich gefragt, wie ich das alles schaffen soll, und ich bin froh, dass wir mit einigen der Staatsoberhäupter über Familie und Privatsphäre sprechen können. Und das ist es wohl auch, was eine gewisse menschliche Verbundenheit zwischen den Staatsoberhäuptern schafft“, betonte Čaputová.
Das Gute verbreiten
Das Buch über Zuzana Čaputová, um die die Tschechen ihre slowakischen Freunde während der Präsidentschaft von Miloš Zeman aufrichtig beneideten, ist in Bezug auf die politischen Verhältnisse sehr menschlich. „Während ihrer gesamten Amtszeit ist sie dieselbe geblieben. Das habe ich bei noch keinem Politiker erlebt. Sie hat nicht das Gefühl, mehr als andere zu sein und dass irgendein Amt, die sie gerade bekleidet, das ändern sollte. Das war in gewisser Weise der ausschlaggebende Moment, weshalb sie sich entschied, kein zweites Mal zu kandidieren. Sie befürchtete, dadurch irgendwohin zu gelangen, wo sie nicht sein wollte, wo sie die Kontrolle verlieren würde“, erklärt Erik Tabery.
Nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt wirkt sie entspannt und glücklich. „Das ist nur natürlich, sie hat Zeit, sich zu entspannen und die Dinge zu tun, die ihr Spaß machen – Fahrrad fahren, Bücher lesen, Zeit mit ihren Töchtern verbringen. Fünf Jahre ständiger Verpflichtungen ohne Pausen sind eine große Herausforderung“, bemerkt Tabery und fügt hinzu, dass Zuzana den neuen Lebensabschnitt als ‚stille Freude‘ bezeichnet.
Ihre Zukunft sieht Zuzana Čaputová im akademischen Bereich. „Ich möchte mich etwas Positivem widmen. Das Böse kann besiegt werden, indem wir dem Guten mehr Raum geben“, so die zweiundfünfzigjährige ehemalige Präsidentin.
Dieser Artikel erschien in der siebten Ausgabe des Printmagazins N&N – Noble Notes



