Ist es Neugier? Eitelkeit? Oder der unbändige Drang, Neues zu wagen, Potentiale zu erkunden?
An der Seite eines hochrangigen deutschen Managers in Tschechien kennt sie die Mechanismen öffentlicher Wahrnehmung. Doch ihre Geschichte handelt nicht von Rollen, sondern von Haltung. Ein Gespräch über Sichtbarkeit, Souveränität und die Freiheit, den Lebensrahmen immer neu zu ziehen.
PRÄSENZ BEGINNT INNEN
Wenn Sie sich heute selbst sehen – ohne Rollenbezeichnungen – welche drei Begriffe beschreiben Sie am besten?
Zentral für mich sind: wach, reflektierend und zugewandt. Wach im Denken, reflektierend im Urteil, zugewandt im Umgang mit Menschen. Begriffe wie beliebig, narzisstisch oder neidisch spielen in meinem Selbstverständnis keine Rolle. Ich habe nie danach gestrebt, unsichtbar zu bleiben oder mich kleiner zu machen, als ich bin. Mein Motor ist gesehen zu werden – aber nicht um der Aufmerksamkeit willen, sondern um wirksam zu sein mit dem, was ich denke und vertrete.
Was bedeutet Sichtbarkeit für Sie – und wann wird sie fremdbestimmt?
Sichtbarkeit bedeutet Präsenz mit Haltung. Sie ist dann kraftvoll, wenn sie aus innerer Klarheit entsteht. Sie kippt, wenn andere Narrative über mich schreiben, die ich nicht autorisiert habe. Wenn Projektionen lauter werden als die eigene Stimme.
Gab es einen Moment, in dem Sie spürten: Jetzt beginnt etwas Neues?
Ja, dieser Moment kam nicht abrupt, sondern als klare innere Gewissheit. Nach einem Jahr in den USA lief meine Werbeagentur in Deutschland stabil weiter, getragen von einem exzellenten Geschäftsführer. Ich merkte: Das Unternehmen braucht mich nicht mehr operativ, um erfolgreich zu sein. Und ich brauche eine neue geistige Herausforderung. Der Verkauf 2018 war kein Schritt aus Erschöpfung, sondern aus Stärke. Ich konnte loslassen. Parallel begann ich ein Studium der Ernährungswissenschaften, aus echter Neugier und dem Wunsch nach neuen Herausforderungen. Ein Kapitel war abgeschlossen, ein neues längst begonnen.
NEUE WEGE
Warum haben Sie sich mit über 50 für eine Karriere als Model entschieden? Was war Ihre Motivation?
Mit 20 wollte ich beeindrucken, gestalten, beweisen. Heute geht es mir um Ausdruck. Modeling ist kein Eitelkeitsprojekt, sondern ein Statement: Alter ist kein Defizit, sondern Dimension. Ich stehe ruhiger, bewusster und mit Geschichte vor der Kamera.
Gab es Reaktionen aus Ihrem Umfeld, die Sie überrascht haben?
Ja, viele Frauen haben mir geschrieben, dass sie sich dadurch ermutigt fühlen. Weniger überrascht haben mich skeptische Stimmen. Wer neue Wege geht, irritiert. Und genau das ist ein gutes Zeichen.
Was verkörpert eine Frau jenseits der 50, das oft unterschätzt wird?
Souveränität, Gelassenheit, Entscheidungsstärke ohne Lautstärke. Eine Frau über 50 kennt ihre Brüche und Stärken. Diese Ambivalenz macht sie komplex – und genau das ist ihre Kraft.
HALTUNG STATT GLAMOUR
Was bedeutet Mode für Sie? Ausdruck, Haltung oder strategisches Instrument?
Mode ist Ausdruck von Haltung. Sie kann strategisch eingesetzt werden, bleibt aber leer ohne Authentizität. Kleidung kommuniziert, bevor man spricht. Deshalb muss sie stimmen.
Welche Werte transportieren Sie bewusst durch Ihre Präsenz?
Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit, Respekt. Und die Überzeugung, dass Zuhören eine Form von Stärke ist.
Wo verläuft die Grenze zwischen Selbstinszenierung und Authentizität?
Selbstinszenierung wird problematisch, wenn sie etwas behauptet, das nicht gelebt wird. Authentisch zu sein heißt nicht, alles preiszugeben, sondern das zu zeigen, was wahr ist.

KEINE NEBENROLLE
Wie verändert sich die Wahrnehmung, wenn Ihr Partner eine exponierte Position innehat?
Ich habe beide Seiten erlebt. In Stuttgart war ich sichtbarer als mein Mann, in Atlanta und Prag verschob sich das Verhältnis. Wahrnehmung hängt stark vom Kontext ab – Sichtbarkeit ist kein fixer Wert.
Mussten Sie sich aktiv von der Beschreibung “die Frau von” lösen?
Nein. Ich wusste immer, wer ich bin – unabhängig von Ort oder Titel. Phasen relativer Unsichtbarkeit sind genauso lehrreich wie Zeiten großer Präsenz. Entscheidend ist, sich selbst treu zu bleiben.
Wie navigieren Sie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit?
Ich unterscheide bewusst, was Teil meiner öffentlichen Rolle ist. Öffentlichkeit kann professionell bespielt werden, Privatheit bleibt Schutzraum. Präsenz ja, Preisgabe nein.
FREIHEIT BRAUCHT DISZIPLIN
Was bedeutet Neuerfindung für Sie – Mut, Notwendigkeit oder Freiheit?
Freiheit – und die Disziplin, sie zu leben. Neuerfindung ist kein spontaner Akt, sondern Ergebnis innerer Bewegung.
Treffen Sie heute Entscheidungen radikaler als früher?
Ja, Erfahrung reduziert Zweifel. Heute weiß ich schneller, was richtig ist.
Was sollten junge Frauen über Zeit, Geduld und Selbstvertrauen wissen?
Entwicklung ist kein Sprint. Substanz entsteht durch Kontinuität. Selbstvertrauen wächst nicht durch Applaus, sondern durch bewältigte Herausforderungen.
Wenn Ihr heutiges Ich Ihrer 30-jährigen Version begegnen würde…
…würde ich sagen: Du musst nicht alles gleichzeitig schaffen. Tiefe ist wichtiger als Tempo. Vertrauen in dich selbst ist attraktiver als Perfektion.
PERSPEKTIVWECHSEL: Fragen an Susannes Partner
Findet Ihre Frau in Ihrem Umfeld die Aufmerksamkeit, die sie verdient?
Ja. Ihre Projekte, ihr Engagement, ihre Haltung stehen für sich.
Was bewundern Sie an ihr im Umgang mit Öffentlichkeit?
Ihre innere Ruhe. Sie sucht keine Bühne, aber wenn sie da ist, ist sie präsent. Ohne Pose, ohne Kalkül.
Verändert ihre Sichtbarkeit Ihren Blick auf sie als Partnerin?
Nein. Ich sehe die gleiche Frau: klug, reflektiert, unabhängig. Sichtbarkeit macht lediglich sichtbar, was immer da war.
Wie unterstützen Sie ihre Autonomie, ohne sie zu überformen?
Indem ich ihr Raum lasse. Autonomie braucht kein Management, sondern Respekt. Wir begegnen uns auf Augenhöhe – das ist unser Fundament
In Tschechien ist Susanne bei AGENTS MODEL MANAGEMENT unter Vertrag, in Deutschland bei LOUISA MODELS.
Fotos: Lucie Vysloužilová

