“Firmentherapeut” Mike Köppe: Holen wir die Tour de France nach Prag!

Mike Köppe wurde 1975 in Meißen geboren. 1984 besucht er zum ersten Mal die damalige ČSSR. Ein paar Jahre nach der Samtenen Revolution kehrte er für ein Praktikum nach Tschechien zurück und blieb dort. Heute sieht er das voller Herausforderungen und neuer Chancen steckende Prag als sein wahres Zuhause an.

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Mit einer Tasse Tee und einem verlockend aussehenden Stück Kuchen setzt er sich an den Tisch. Interessiert sieht er zu, wie die Bäcker den Brotteig zubereiten, einen Laib formen und in den Ofen schieben. Er beobachtet, wie sorgfältig sie dies tun. Durch die Bäckerei zieht der typisch süße Duft. 

Mike hängt seinen Gedanken nach. Vor seinem geistigen Auge erscheint die Wand eines alten Prager Gebäudes mit einer verblassten, fast 100 Jahre alten Schokoladenwerbung. Erstaunlicherweise ist die Werbung auf Tschechisch und auf Deutsch. Die Firma existiert nicht mehr, nur der Schriftzug ist geblieben. Wie mag es wohl vor 100 Jahren ausgesehen haben und wie viele alte Leute hier wohl vorbeigehen, die den damaligen Geschmack der Schokolade noch auf der Zunge spüren. Ein Glück, dass der Großteil der Stadt nicht zerstört worden ist und diese Dinge Jahrhunderte überlebt haben. Wie muss es wohl gewesen sein, zu einer Zeit in Prag zu leben, als Tschechen und Deutsche gemeinsam ein Volk waren? 

Mike Köppe wurde 1975 in Meißen geboren. Er hatte eine schöne, problemlose Kindheit. Seine Eltern kümmerten sich gut um ihn, sie vertrauten ihm und seinen Entscheidungen. Er erinnert sich gern an die Tage, als er mit dem Rad zum heimischen Teich baden fuhr oder mit großer Faszination die Friedensfahrt –die Tour de France des Ostens – verfolgte.

Begeistert erzählte er mir von seinen Wandertouren in der Natur und seinen Erlebnissen als Junge. „Jedes Jahr im Sommer sind wir an die Ostsee gefahren. Einfache Ferien im Wohnwagen. Kein Luxus, kein Komfort, aber darauf kam es mir überhaupt nicht an. Ich habe die frische Luft und den Duft des Meeres geliebt. Von klein auf habe ich auch Kunstunterricht beim örtlichen Maler Manfred Beyer genommen. Das war ein ungewöhnlicher Mann, der es geschafft hat, das Interesse der Kinder an Kunst und Malerei zu wecken. Damals hatte ich noch keine Ahnung, wie sehr er mich beeinflussen und inspirieren würde. Ich habe Englisch gelernt, ohne zu ahnen, dass ich die Sprache einmal im echten Leben würde anwenden können. Am meisten habe ich aus Texten von den Beatles, den Pet Shop Boys und anderen West-Bands gelernt, die wir damals hören konnten. Tatsächlich war Englischlernen in der DDR im Prinzip eher ein Akt der Rebellion als ein Lernen fürs Leben. Ich erinnere mich auch an einen meiner unschuldigen Teenager-Träume. In den 80er Jahren gab es ein Austauschprogramm zwischen meiner Schule und einer Schule in der ČSSR. Der Sommer ging auf sein Ende zu und die Mädchen dort schienen mir so schön zu sein. , Als ich alt genug war, um an dem Programm teilzunehmen, fiel die Mauer und das Programm wurde leider eingestellt. Vielleicht war das auch einer der Beweggründe für meinen späteren Umzug nach Tschechien. Meine erste Fahrt in die damalige ČSSR war 1984 ein Familienausflug nach Karlsbad. Das war überhaupt meine erste Reise ins Ausland. Die Fahrt im Trabant, nur mit der offiziell erlaubten Menge Kronen in den Taschen, war ein großes Abenteuer. Das alles spielte sich noch zu DDR-Zeiten ab. Die politische Situation hat mich damals als kleiner Junge überhaupt nicht interessiert, aber je älter ich wurde, desto mehr spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Die Mauer fiel glücklicherweise zu einer Zeit, als ich noch ein Teenager war. 

Obwohl meine Familie überhaupt nicht politisch interessiert war, begriff ich den Unterschied zwischen den offiziellen Ansprachen und der Realität. Historiker und Soziologen beschreiben dies heute als Hyperrealität. Als die Mauer fiel, spürte ich die Veränderung. Es lag plötzlich eine ganz andere Energie in der Luft. Das ist schwer zu beschreiben. Im Radio und im Fernsehen  gab es mit einem Mal Veränderungen. Es wurde mehr Westmusik gespielt. Und einige Mitschüler kamen nicht mehr zur Schule. Wir wussten alle, dass sie mit ihren Eltern nach Ungarn gefahren sein mussten, um in den Westen zu fliehen. Die Lehrer in der Schule hatten für uns keine offiziellen Antworten. Im Prinzip ignorierten sie die ganze Situation oder waren selbst überrascht. Eine Lehrerin sagte uns jedoch einmal– ich glaube, das war im Oktober 1989 –, dass wir gerade eine Zeit erleben, in der Geschichte geschrieben wird.  Das war erstaunlich, denn ihr Mann war ein Stasi-Offizier. Auf eine gewisse Weise war es mutig von ihr, dass sie das gesagt hat, wenn auch nur als kryptische Andeutung. Im Inneren wusste ich, dass sich die Dinge stark ändern würden. Als die Mauer endlich fiel und sich uns die ganze Welt eröffnete und neue Möglichkeiten bot, spürte ich die Freiheit. Bis heute gilt – und das wird es auch weiterhin tun –, , dass Freiheit in meinem Leben einen sehr hohen Stellenwert hat.

Mir eröffneten sich viele Chancen. Das Jahr 1989 war eine große Herausforderung und ich begann zu reisen. Zuerst in Europa, dann nach Südafrika und nach Neuseeland, um zu arbeiten und Freunde zu besuchen. Meine allererste Reise ins westliche Ausland war 1990 eine Reise nach London. Das war unglaublich und das gleiche Gefühl begleitete mich zehn Jahre später, als ich an der Universität in Salford studierte. Es war das erste Mal, dass ich in einem fremden Land lebte und auf mich allein gestellt war. Das war ein tolles Gefühl. Für mich war auch faszinierend, dass ich endlich auf Englisch kommunizieren konnte. 

Dann kam ein Praktikum in Tschechien. Schon als Teenager habe ich mich sehr für Autos interessiert, also war mein späteres Interesse an der Automobilindustrie nur natürlich. Ich wusste, dass Škoda zweisprachig arbeitet und zu dieser Zeit begann da eine Dynamik, die mit neuen Modellen immer weiter wuchs. Meine Bewerbung für ein Praktikum wurde angenommen, und an einem regnerischen Tag im September 2002 kam ich nach Mladá Boleslav. Noch heute erinnere ich mich an meine ersten Eindrücke: Alles um mich herum war trostlos, traurig und wirkte wie eine Sinfonie in Grautönen. Die einzigen Farben waren das Rot und Gelb einer bekannten Schnellimbisskette und ich hatte das Gefühl, dass ich meine Entscheidung gerade bereue. 

Am Ende bin ich geblieben. Nach dem Praktikum voller Abenteuer, toller Kollegen und Erlebnissen kam die erste Stelle. Škoda schloss 2004 einen vierjährigen Vertrag mit dem weltweit größten alljährlichen Sport-Event ab – der Tour de France. Ohne zu wissen, was das mit sich bringen würde, hob ich die Hände (ja, beide), und sagte mutig: „Das schaffe ich.“ Ich wusste, ich muss dabei sein – allein schon, weil ich leidenschaftlicher Radfahrer bin. Offensichtlich war ich überzeugend genug, und so bekam ich den neu geschaffenen Posten. Damit erfüllte sich ein Traum, den ich mir nicht einmal hätte vorstellen können. Ich, der ostdeutsche Junge, der als Kind im Fernsehen die Friedensfahrt und später die Tour de France verfolgt hatte, sollte als Vertreter einer der vier größten Partner dabei sein. Ich atmete tief durch und dann ging es rund. Ich besuchte sämtliche klassischen Rennrad-Wettbewerbe, einschließlich des Giro d’Italia. Ich habe Verträge ausgehandelt und mit den größten Organisationen und Teams im Radsport verhandelt. Im Jahr 2006 wurde Škoda von einem tschechischen Verein angesprochen, der die Friedensfahrt wiederbeleben wollte. Ich handelte eine Vereinbarung aus und gestaltete die Organisation teilweise anhand meiner Erfahrungen mit der Tour de France. Selbst am Rennen 2006 teilzunehmen, war eine weitere Verbindung meiner Lebensgeschichte mit meiner Kindheit. Im Jahr 2007 hatte die Tour de France ihren Auftakt in London. Genau an meinem Geburtstag stand ich in London auf dem Siegertreppchen, zwar nicht als Rennfahrer, aber dennoch stolz, dort zu sein. Das war auch meine letzte Tour de France in dieser Funktion. Das Radfahren blieb meine große Leidenschaft. Ich bin immer noch mit diesem Sport verbunden und habe ein paar Ideen in der Schublade, wie ich in die Welt des Profi-Radsports zurückkehren könnte. Der Sport ändert sich stark und die Herausforderungen sind unglaublich interessant. Ein faszinierendes Projekt wäre, die Tour de France nach Prag zu bringen.“ 

Nach seiner langjährigen Tätigkeit bei Škoda arbeitete Mike vier Jahre lang für ein deutsches Industrieunternehmen mit dem größten Forschungs- und Entwicklungszentrum in Tschechien. Seine Hauptaufgabe war die internationale Großkundenberatung. Dabei hatte er auch die Möglichkeit, mit Unternehmen wie IKEA, der Metro Gruppe, Kaufland oder dem chinesischen Milchkonzern Yili zusammenzuarbeiten. Durch seinen Beruf ist er viel gereist und hat verschiedene Länder und Kulturen kennengelernt, insbesondere Russland und China. Derzeit ist er unabhängiger Unternehmensberater und widmet sich dieser Tätigkeit als The Company Therapist. Er kommt in das Unternehmen, um die Dinge aus einer neuen Perspektive zu sehen, einen Raum für neue Ideen zu kreieren, eine Plattform zu schaffen, in der Vorstellungen und Träume zur Wirklichkeit werden können. Als wir uns in Mikes Wohnung im schönen Vinohrady treffen, rieche ich den Duft von Ölfarben und Terpentin. Im Vorsaal steht eine Staffelei und an den Wänden lehnen Gemälde. 

„Neben meiner Arbeit widme ich mich immer noch der Malerei und Fotografie. Das hat mich seit meiner Kindheit nie verlassen. Ich habe über die Pastellmalerei, die Fotografie und die Ölmalerei meinen eigenen Weg gefunden. Meine erste halbprofessionelle Kamera habe ich mir vor sieben Jahren in New York gekauft. Derzeit arbeite ich an einer Kollektion von Doppelporträts von Menschen, die zu einer tieferen Entdeckung und einem genaueren Nachdenken darüber aufrufen sollen, wer wir eigentlich sind. Oft wähle ich auch Gegenstände des Alltags aus, die meist niemanden interessieren. Durch meinen spezifischen Stil der gleichzeitigen Fokussierung und Defokussierung erhalten sie eine weitere Dimension, einen Überbau, ein neues Leben und natürlich dadurch auch mehr Aufmerksamkeit. Ich versuche, die Schönheit in Allem um mich herum zu sehen und mich von Allem inspirieren zu lassen. Dies spiegelt sich noch deutlicher in meinen Gemälden wider – Lebensreflexionen simplifiziert in einem Stilmix aus Expressionismus und Surrealismus. Ich wünsche mir, dass die Menschen näherkommen, aufmerksamer hinsehen und zuhören und somit zu einem Teil des Augenblicks und der Reflexion unseres Zusammenlebens werden. Ich möchte die Menschen zum tieferen Nachdenken und Entdecken anregen und damit auch neue Gespräche beflügeln. Es ist faszinierend, was man dabei alles lernt. Ich glaube, dass ich ein leidenschaftlicher Beobachter des Lebens bin. Wenn ich langsam durch die Straßen von Prag spaziere, muss ich innehalten. Ich lasse meine Augen und Gedanken umherschweifen und nehme den Puls der Stadt in mich auf, die mir schon so oft als Modell und Inspiration zur Verfügung stand. Ich bin viel umhergereist, aber das Gefühl, jetzt bin ich wieder zu Hause, hatte ich immer nur auf dem Prager Flughafen. Ich bin Deutscher, aber meine Heimat ist Prag. Ich liebe diese Stadt wirklich mit allen ihren Menschen, Farben und Facetten und ich akzeptiere ihre gesamte Geschichte und Kultur. Ich versuche, mein Leben jeden Tag, jeden Augenblick zu leben und genieße es in vollen Zügen, auch wenn es manchmal eine Achterbahn ist. Ich schöpfe daraus Energie und Inspiration. Viele meiner Werke konnten erst dadurch entstehen. Im Leben geht es schließlich um Verbesserung und die findet man in Veränderungen. Sobald man seine wahre Leidenschaft gefunden hat, kommt es schnell zu Veränderungen und Glück und Erfolg kommen damit einher. Das alles macht mich glücklich und natürlich meine Familie, meine Arbeit, meine Freunde und meine Passionen. Ich habe ein Motto, das mich jeden Tag begleitet: „Lass Dich inspirieren. Denke neu. Pack es an.”

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