Der Karpfen Pepicek

Eine böhmische Weihnachtsgeschichte.

In Prag, beim «Zlute lazne», was «gelbe Bäder» heisst, am Ufer der Moldau, wurden vor Weihnachten grosse Fässer aufgestellt.

Genau gegenüber dem «Haus der Drucker». Die grossen Holzfässer waren voller lebender Karpfen, die im Wasser hin und her spritzten. Zu wenig Wasser für so viele Karpfen. Die Fischer aus Südböhmen brachten die Karpfen nach Prag zum Verkauf. Wenn ich die Fässer sah, wusste ich immer – es kommt Weihnachten.

Tschechen essen an Weihnachten Karpfen mit Kartoffelsalat. Es muss so sein. Es ist so. Es gibt keine Abweichung hin zur Forelle oder zum Hasen oder zum Schwein. Es muss einfach der Karpfen sein. Meine Familie bereitet sich auf den neuen Familienzuwachs vor. Denn der lebendige Karpfen kommt als Erstes drei Tage in die Badewanne. Da kann er sich so richtig ausstinken vom Schlamm und vom Stehwasser, in dem er gegründelt hat.

Das heisst, wir Kinder müssen vorher baden, denn dann gehört die Badewanne erst einmal dem Karpfen. Der Warmwasserkessel gibt nur eine Badewanne voll, so badete ich immer mit meiner kleinen Schwester. Obwohl ich lieber, wie der Karpfen, allein in der Badewanne gewesen wäre. Danach wurde die Badewanne geputzt und mit kaltem Wasser aufgefüllt. Wir gehen den Pepicek kaufen.

Meine Mutter nimmt eine alte grüne Netztasche mit, und wir laufen die Goncarenkova hinunter zum «Haus der Drucker». Die Schneeflocken tanzen um uns, die Stimmung ist weihnachtlich, die Kälte schleicht sich langsam unter den Wintermantel und in die Schuhe, trotz der dicken Socken, die wir anziehen mussten. Manchmal stehen mehrere Menschen bei den Fässern, und man muss länger auf den Karpfen warten.

Jedoch heute sind wir allein, es ist noch ganz früh. Wir schauen uns die Karpfen an. Ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, damit ich in das hohe Holzfass hineinschauen kann. «Ja, wir nehmen diesen!» Der Fischer nimmt den Karpfen mit einem sackartigen Netz heraus, legt ihn auf die Waage und fragt, ob das Gewicht in Ordnung sei. Meine Mutter bejaht, und der Fischer legt den Karpfen in unsere Tasche. Der arme Karpfen zappelt mit den Flossen auf der Waage hin und her, und das Gleiche tut er in der Netztasche. Dann rasen wir nach Hause, wo auf den Karpfen eine frisch geputzte, mit kaltem Wasser gefüllte Badewanne wartet.

Jeder Karpfen hiess bei uns immer gleich: «Pepicek» oder «Pepa». Es ist der verbreitetste tschechische Männername. Als die Juden aus Deutschland flüchteten, kamen viele nach Prag. Und anstatt Samuel oder Jonas bekamen sie irgendeinen tschechischen Vornamen verpasst, oft eben Pepicek oder Pepa. Als nach dem Vietnamkrieg die Boat-People kamen, wurden sie auch oft Pepa genannt. So wurde aus Bao oder Hung ein Pepa.

Ich glaube, es war Pepa der Fünfzehnte, den wir nach Hause brachten. Ich war fünfzehn Jahre alt, und wir assen sicher jedes Weihnachten einen Karpfen. Mit meiner Schwester kniete ich stundenlang vor der Badewanne und beobachtete den Pepicek, wie er sich in der Badewanne wälzte. Nur schien er von Tag zu Tag unglücklicher zu sein, so dass wir mit Sehnsucht Weihnachten erwarteten, an dem er aus seinem Gefängnis befreit und in der Pfanne meiner Mutter landen würde.

Meine Mutter kochte hervorragend. Der Karpfen wird zuerst mit dem Saft einer Zitrone ein- gerieben, das nimmt ihm den Geruch. Dann in Mehl, in Eigelb mit ein bisschen Milch und am Ende in Semmelbröseln gewendet. Und schliesslich in der Pfanne wie ein Schnitzel goldbraun gebraten. Ist das köstlich! Der Kartoffelsalat, den meine Mutter machte, war auch sehr lecker. Den musste man jedoch schon ein bis zwei Tage vor dem Essen vorbereiten, denn der Kartoffelsalat muss ziehen.

Noch heute fragen mich meine Freunde, wenn sie meinen Kartoffelsalat essen, den ich wie meine Mutter zubereite: «Sag, wie viel Essig, wie viel Zucker und wie viel Salz gibt man dazu? Wir wollen den Salat so wie du machen!» Aber ich kann nicht sagen, wie viel. Ich probiere den Salat. Den Geschmack des Salates meiner Mutter habe ich in den Genen, so dass ich sofort weiss, da muss noch Zucker oder Essig rein.

Meine beiden Eltern konnten den Karpfen nicht töten. Es kam immer der Fahrer meines Vaters, Herr Schalamoun, in dem schwarzen Tatra zu uns. Herr Schalamoun vermochte den Karpfen zu töten. Er hatte schon Übung darin. Ich meine im Karpfen-Töten. Diese Tätigkeit übte er nur vor Weihnachten aus, und zwar nicht gegen Entgelt, sondern für ein Schnäpschen, Becherwasser oder einen Jelinek oder wie die tschechischen Brände alle heissen.

Der Baum ist geschmückt. Wir Kinder durften ihn erst nach dem Abendessen sehen. Ich höre schon meine Eltern im Wohnzimmer streiten, denn jeder hatte vom Behängen des Weihnachtsschmucks seine eigene Vorstellung. Der Weihnachtsbaum reichte bis zur Decke. Mein Vater in seiner Position bekam immer den schönsten Baum. Es kamen sogar Arbeiter mit, die extra Zweige brachten, und wenn der Baum nicht regelmässig gewachsen war, haben die Arbeiter Löcher in den Stamm ge- bohrt und die Zweige dort reingesteckt. Unser Baum war so etwas wie die Schönheitskönigin unter den Weihnachtsbäumen.

Und erst der Schmuck und die Beleuchtung! Mein Vater durfte in den Westen reisen, so brachte er Kugeln aus Deutschland und Lichter aus der Schweiz mit, obwohl die Polen und die Tschechen auch sehr schönen Weihnachtsschmuck hatten. Eigentlich den schönsten. Der Baum ist geschmückt. Jetzt kamen die Eltern aus dem Wohnzimmer und sperrten die Tür zu. Es muss zuerst der Engel kommen und die Geschenke hinstellen. Und der Karpfen gegessen werden.

Dunkelheit legt sich über Prag und der Karpfen ist immer noch in der Wanne. Wir haben uns in einem Plastikeimer gewaschen, denn zum Weihnachtsbaum muss man sauber kommen. Es ist fünfzehn Uhr, und der Karpfen schwimmt munter herum. Meine Mutter dreht langsam durch. Sie hat schlechte Nerven. Mein Vater sagt: «Anna, reg dich nicht so auf! Der Herr Schalamoun ist zuverlässig und pünktlich. Er hat mich mit dem Auto immer pünktlich abgeholt.» Obwohl, mein Vater ist Direktor und kein Karpfen, und Herr Schalamoun musste meinen Vater irgendwohin fahren und nicht schlachten, denke ich mir.

Um sechzehn Uhr ist alles feierlich gedeckt. Sogar der Kartoffelsalat steht schon auf dem Tisch. Den muss man bei Zimmertemperatur essen. Pepicek schwimmt um siebzehn Uhr immer noch in der Wanne. Ich schaue aus dem Wohnzimmerfenster, sehe die Lichter in den gegenüberliegenden Häusern. Feierliche Atmosphäre und Dunkelheit legen sich über Prag wie ein schwarzes Tuch. Totenstille herrscht zwischen den Häusern. Niemand fährt Auto, niemand eilt irgendwohin. Um achtzehn Uhr wird am Weihnachtsabend gegessen. Und unser Karpfen schwimmt in der Wanne.

Meine Mutter meint: «Also gut, dann essen wir später.» Wir Kinder sind schon feierlich schön angezogen. Mein Vater muss sich in den Anzug zwängen, sogar die Krawatte umbinden, sonst würde er keinen Bissen von dem Karpfen bekommen, den er so liebt. Meine Mutter ist noch schöner als sonst schon. Sogar den Schmuck, den sie von meinem Vater bekommen hat, hat sie angelegt. So sitzen wir da, die ganze Familie wartet auf Herrn Schalamoun, der nicht kommt. Meine Mutter schimpft, schreit etwas, dass mein Vater kein Mann sei, wenn er nicht einmal einen Karpfen töten könne.

So entschliesst sich mein Vater, in Aktion zu treten. Meine Mutter bindet ihm eine Schürze um, damit er sich nicht den guten Anzug verschmutzt. Schliesslich soll er den Karpfen nicht nur umbringen, sondern ihn auch noch entschuppen. Er greift sich ein Geschirrtuch, damit er den glitschigen Pepicek halten kann, und geht in die Garage. Wir Kinder sollen den Mord natürlich nicht mitbekommen, sonst würden wir den Karpfen nicht essen.

Nach einer gewissen Zeit kommt Vater wieder zurück. In einer Hand den lebenden Karpfen im Geschirrtuch. Pepicek ringt um sein Leben. Seine dicken, ausstülpbaren Lippen schnappen in regelmässigen Intervallen nach Luft. Seine kleinen Augen starren uns an. Mein Vater rennt die Treppe hoch, um den Karpfen wieder ins Wasser zu bringen. Und Vaters Augen sind genauso ängstlich wie die des Karpfens. Nur ein bisschen grösser. Er schaut meine Mutter an und sagt: «Ich kann es nicht.»

Und Pepicek schwimmt wieder in der Badewanne. Und wir warten und warten. Dann haben wir Hunger und essen den Kartoffelsalat. Pepicek der Fünfzehnte hat Weihnachten überlebt. Wahrscheinlich als einziger Karpfen in Prag. Ja, sogar als einziger Karpfen im ganzen Land!

Herr Schalamoun kommt am nächsten Tag mit einer starken Alkoholfahne. Schon ein Atemzug hätte gereicht, um Pepicek umzubringen. Er entschuldigt sich, er musste so viele Karpfen schlachten bei so vielen Leuten und hatte dafür so viele Schnäpse bekommen, dass er es nicht mehr zu uns geschafft hatte. Er hätte den Karpfen gar nicht mehr auf den Kopf getroffen. So betrunken sei er gewesen.

Herr Schalamoun macht sich ans Werk, befördert Pepicek ins Jenseits, trinkt mit meinem Vater einen Schnaps und verabschiedet sich. Meine Mutter lässt das Wasser aus der Badewanne abfliessen. Und wir essen den Karpfen, einen Tag später als vorgesehen.

Der Artikel wurde in der Weltwoche Nr. 51/52.22 veröffentlicht.

Eliška Bartek ist eine tschechisch-schweizerische Künstlerin und lebt im Tessin. «Der Karpfen Pepicek» ist ein Auszug aus ihrem Lebensroman «Der schwarze Tatra», der mit ihrer dramatischen Flucht aus Prag beginnt und nächstes Jahr erscheinen wird, mit einem Nachwort des deutschen Schriftstellers Michael Maar.

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