Krieg und Frieden

Jan Bílý über Teepartys im Schatten von Atomsprengköpfen. Und warum ein Mann mit einem langen Gedächtnis die Welt nicht so einfach sieht. Selbst in einer Zeit, in der Worte des Friedens als Verrat gelten.

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Hier spricht die Polizei“, die Stimme des Kommandanten der Einsatzgruppe klingt nicht nur unsicher, sondern auch mit einem deutlichen schwäbischen Akzent, „wir weisen Sie darauf hin, dass Sie den Privatverkehr blockieren. Wir fordern Sie auf, … äh … auseinanderzugehen … also die Einfahrt sofort zu verlassen.“ Es ist offensichtlich, dass er diese Sätze zum ersten Mal ausspricht. Er fügt nervös hinzu: „Und das ist die letzte Warnung, ansonsten machen Sie sich der Straftat der Nötigung schuldig.“

„Ja, das machen wir getrost“, kontert Hans neben mir, „denn ohne Druck geht es wohl nicht.“ 

Es ist ziemlich kalt, deshalb haben die besser Ausgerüsteten Matten mitgebracht. Auf einer gefrorenen Straße zu sitzen, geht nicht so ohne Weiteres. Und wer weiß, ob die Polizei Wasserwerfer einsetzen wird. Noch ist nichts dergleichen zu befürchten. Wir schreiben das Jahr 1983 und ich blockiere mit fünfzig „grünen“ Freunden die Einfahrt der US-Militärbasis in Mutlangen, einem Vorort von Schwäbisch Gmünd in Süddeutschland. Es ist aus unserer Sicht die letzte Chance, die Stationierung von Pershing-II-Raketen zu verhindern, die Atomsprengköpfe tragen können.

Nach der „letzten Warnung“ tritt die örtliche Polizei, verstärkt durch scheinbare Profis aus der Stuttgarter Zentrale, in Aktion. Zu jedem von uns Sitzenden nähern sich zwei Männer und tragen uns, ich würde sagen untadelig und rücksichtsvoll, von der Straße fort. Etwa fünfzig Meter vom Ort des Geschehens entfernt sind auf einer Wiese mehrere Kleintransporter geparkt, in denen unsere Personalien aufgenommen werden, woraufhin wir mit dem Hinweis entlassen werden, dass eine Anzeige wegen „Nötigung“ gegen uns erstattet wird. Das amüsiert uns natürlich, und so kehren wir zu unseren verbliebenen, noch „unbearbeiteten“ Freunden zurück und setzen uns wiede auf die Straße. Nach einer gewissen Zeit versteht die Polizei, dass man uns so nicht los wird. Der Kommandant ruft irgendwo an, und schon bald taucht ein Dutzend „Anton´s“ (Anm. Polizeiauto für den Transport von Straftätern) auf, in denen wir schließlich in einen wenige Kilometer entfernten Wald gebracht werden. Jemand holt eine Thermoskanne mit heißem Tee hervor, ein anderer eine Flasche Jägermeister. Die Stimmung ist trotz der Kälte recht gut.

Chaotisch und sympathisch

Als ich sieben Jahre zuvor, 1976, die Tschechoslowakei verließ, war ich eine Art Dissident. Mein Vater war ein Jahr nach der russischen Besetzung (1968) aus der Partei ausgeschlossen worden, so dass ich nicht an der ersehnten Kunstakademie studieren durfte. In Deutschland bekam ich politisches Asyl und mit der Sowjetunion und ihrer Ideologie konnte ich damals endgültig brechen. 

Aber wenn jemand sagt, zwei und zwei macht vier, dann ist es sinnlos, ihm zu widersprechen, nur weil er Kommunist ist. Auch in Deutschland bin ich demgegenüber kritisch geblieben, was die Machtapparate, ob in Ost oder West, produziert haben. Deshalb schienen mir die Grünen damals eine geeignete politische Heimat zu sein – ihre leicht chaotischen, etwas systemfeindlichen Aktivitäten waren mir sympathisch, bei den Treffen traf ich Gleichgesinnte, und die Aktionen, sei es das unerlaubte Plakatieren oder die Sitzblockaden vor der Einfahrt des US-Stützpunktes, erfüllten mich mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Etwas, hinter dem ich als ein Mensch stehe, der sich um die Zukunft der Welt sorgt, die eigenen Aktivitäten abergleichzeitig nicht allzu fanatisch nimmt.

Die Grünen schienen mir damals frei von all der „todernsten“ Ideologie zu sein, die z.B. die deutsche Linke in meinen Augen verkörperte. Was mich hingegen störte, war die Machtposition der Konzerne, die in der offiziellen deutschen Politik präsent war. Deutschland hatte sich nach den Schrecken der beiden Weltkriege geschworen, nie wieder einen bewaffneten Konflikt zu führen. Doch dann kam der Kalte Krieg, und in den 1950er Jahren tauchten die ersten Atomwaffen auf deutschem Boden auf. Das gegenseitige Wettrüsten begann. Russland „übertrumpfte“ seinen Rivalen schließlich mit den SS-20 Mittelstreckenraketen, woraufhin der Westen beschloss, Pershing-II-Raketen zu stationieren. Wir wussten, dass jede Stationierung von Mittelstreckenraketen die Möglichkeit, dass die Situation außer Kontrolle gerät, dramatisch erhöhte, und sei es nur aus Versehen. Ich verstand zwar die Argumente, die die eine oder andere Seite zu weiterer Aufrüstung zwangen, vertrat aber zusammen mit „meinen“ Grünen die Ansicht, dass jemand den ersten Schritt tun und aus der verrückten Rüstungsspirale aussteigen müsse.

Ideologie als Ideologie

Doch dann kam Gorbatschow, das „Reich des Bösen“ im Osten brach zusammen und eine Phase der Entspannung setzte ein. Wir alle atmeten auf, zumindest was die atomare Bedrohung anbelangte, und richteten unsere Aufmerksamkeit auf andere Bereiche. Zu diesem Zeitpunkt war ich meiner Arbeit mit den Grünen überdrüssig geworden. Ich hatte den Eindruck, dass ihre Versammlungen immer langweiliger und, was noch schlimmer war, immer ideologischer wurden. Obwohl ich nach dem Erwerb der deutschen Staat sbürgerschaft immer noch die Grünen wählte, verlagerte sich mein Herz langsam aber sicher vom „homo politicus“ zum „homo spiritualis“. 

Ich interessierte mich für Persönlichkeitsentwicklung, Meditation, Arbeit mit Klienten und auch für eine konsequente und vor allem individuelle Hinwendung zur Natur – der ich schon immer sehr verbunden war. Schließlich traten systemische Aufstellungen in mein Leben, bei denen wir versuchen, die Situation und die Beziehungen der Menschen, die eine Familie, ein Unternehmen oder auch ganz Europa bilden, aus vielerlei Blickwinkeln zu verstehen. Trotzdem, vielleicht als Erbe meines Vaters, der sein ganzes Leben lang Politiker blieb, auch wenn er gegen Ende seines Lebens nur noch mit den Händen arbeitete, habe ich nie aufgehört, mich für das zu interessieren, was in der Gesellschaft passiert. Ich erinnere mich an unsere zahllosen Debatten (eher Streitereien), in denen mein Vater behauptete, dass „der Kommunismus eine recht gute Idee wäre, wenn die Menschen es nicht vermasseln würden“, und ich entgegnete, dass „jede Ideologie, die zu einer so schrecklichen Realität führen kann, einfach nicht gut sein kann“. Erst später habe ich gemerkt, dass jede Ideologie tragisch enden kann. Und die meisten von ihnen enden auf diese Weise.

Foto: Ivy E. Morwen

Dank des jahrzehntelangen Studiums und der Anwendung diverser Richtungen der Philosophie und spiritueller Lehren in der Praxis kann ich auch meine Erklärung dafür anbieten, warum das so ist. Es liegt daran, dass die Ideologie, d. h. die Glaubenssätze, die eine Gruppe von Menschen vereinen, mit dem verbunden ist, was wir die „Stammesseele“ nennen. Sie ist das, was Bewegungen, Parteien, Vereine, Fußballfans zusammenhält, was die Unternehmensidentität ausmacht oder vielleicht, im kleinstmöglichen Rahmen, was einen kleinen Knirps im Sandkasten dazu bringt zu behaupten, dass „mein Papa besser ist als dein Papa“. Die Stammesseele arbeitet mit einem Gefühl von „wir gegen sie“, d. h., sie stellt das Bewusstsein „unserer“ Gruppe über die anderen, über den Rest der Welt, auch wenn das nur wenige offen zugeben. Das ist logisch – wenn ich zu einer Gruppe gehören will, muss ich die innere Überzeugung entwickeln, dass diese Gruppe im Vergleich zu anderen unbestreitbare Vorteile hat. Und es ist die Ideologie, die mir die Argumente für den Sinn  und den Wert meiner Mitgliedschaft liefert. 

Diese Ideologien funktionieren dann ähnlich wie Social-Media-Blasen. Alles, was sie unterstützt, alles, was dazu beiträgt, das Gefühl der „Richtigkeit“ zu verstärken, wird hervorgehoben, während alles, was „unserer“ Ideologie widerspricht, im Gegenzug unterdrückt und zum Schweigen gebracht wird. Und noch etwas – dieser Prozess ist selten bewusst, er findet meist völlig unerkannt statt, und man hat das Gefühl, dass „es eben so ist“. 

Es gibt „kleine“ Ideologien in der Welt und in derGeschichte, die, weil sie kein ernsthaftes Ziel verfolgen, offener für äußere Einflüsse und damit weniger gefährlich sind. Dann gibt es natürlich die „großen“ Ideologien, die dazu neigen, sowohl große Gruppen von Menschen zu erfassen als auch so zu tun, als seien sie der einzige Weg zur Erlösung. Gerade in historisch angespannten Zeiten, in denen viele Menschen unter existenziellem Druck stehen oder in Gefahr sind, haben diese „Geistesbewegungen“ günstige Bedingungen, um zu entstehen und zu gedeihen.

Der Skinhead-Trick

Eine der mächtigsten Ideologien der Menschheitsgeschichte ist die „Notwendigkeit des Krieges“. Aber niemand formuliert das so, sondern spricht lieber von der „Notwendigkeit der Verteidigung“. Und genau gegen diese „Notwendigkeit“ habe ich damals in Mutlangen protestiert. Und ich war nicht allein. Ich erinnere mich, wie mir meine deutschen Freunde, die den Wehrdienst verweigerten,  erzählten, wie sie vor der Kommission, die prüfen sollte, ob ihr Pazifismus echt war und nicht nur ein Drücken vor der Pflicht, ganz schön ins Schwitzen gekommen waren. „Stellen Sie sich vor“, fragte der Prüfungskommissar, „Sie gehen nachts mit Ihrer Liebsten durch den Park. Und ein betrunkener Skinhead springt aus dem Gebüsch und will Ihre Freundin vergewaltigen. Und sie werden sie dann nicht verteidigen, he ?“ In dem Moment, in dem unser Pazifist stammelte: „Ja, werde ich wahrscheinlich“, erhellte ein Lächeln das Gesicht des Kommissars: „Na also, geht doch. Sie sind kein Pazifist. Deshalb werden wir Sie einziehen.“

Der intelligente Leser wird die „Täuschung“ dieses Kommissars schnell erkennen: Die Verweigerung des Wehrdienstes hat etwas mit der kollektiven, eben jener „Stammes“-Seele zu tun, während die Verteidigung der Freundin eine individuelle Angelegenheit ist. Wenn ich also heute über die wahren Gründe nachdenke, warum ich die Grünen endgültig aufgegeben habe, warum ich heute sogar geradezu entsetzt bin über ihre Sturheit und Entschlossenheit, deutsche Leoparden an die ukrainische Front zu schicken, oder die gesamte Bevölkerung zwangszuimpfen, komme ich zu einer interessanten Erkenntnis. Aus meiner Sicht ist diese Partei (und viele ähnliche Gruppen und Bewegungen) im Laufe der Zeit zu einer geschlossenen und stark ideologischen „Stammesseele“ geworden, wogegen sie in der Zeit,  als ich mich drei Jahre bei ihnen engagierte, ein bunt zusammengewürfelter Club starker Individuen war, vereint durch Freundschaft und den Wunsch, dort etwas zu tun, wo wir uns gegenseitig helfen konnten, und sei es nur mit einem heißen Tee und einem Jägermeister.

Verbreitet das Gute! 

Wenn ich heute die Reden der oft sehr jungen Abgeordneten der Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag verfolge, erfasst mich Grauen. Ich sehe dort – verzeihen Sie mir die historische Inkorrektheit – die Verbandsmitglieder, wie ich sie in den 1950er und 1960er Jahren in der sozialistischen Tschechoslowakei kannte. Sie waren geeint durch eine Ideologie, der sie all ihre Zweifel unterordneten, eine Ideologie, die lautstark in die Welt schrie, dass nur sie den richtigen Plan zum Aufbau einer besseren Welt hätten. Ein solches Ziel erfüllt einen Menschen unweigerlich mit einem Enthusiasmus, der das zögerliche und selbstkritische Denken  übertönt und ihn dazu bringt, „Gutes zu tun“, das er mehr oder weniger gezwungenermaßen auf die ganze Welt ausdehnen möchte. 

Damals eilten die Aktivisten des Verbands in die Fabri­ken, in die Bergwerke und auf die Felder, um beim Aufbau des Sozialismus zu helfen. Die heutigen “Verbandsmitglieder“ bauen nichts auf, sondern protestieren – die einen kleben

sich an die Autobahn, die anderen gießen Tinte auf Van Goghs Gemälde, und wieder andere schicken Panzer in den Krieg. Und das alles mit gutem Gewissen. Nach einer Aktion steigen sie dann, ebenfalls mit gutem Gewissen, in ein Flugzeug und fliegen nach Bali in den Urlaub. Oder sie ziehen durch die Weltforen und Konferenzen, weil sie zu Medienstars geworden sind. Aber je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass dies alles weder der Welt noch der Natur hilft – und auch nicht dem Frieden zwischen den Menschen. 

Vielleicht würde es jetzt helfen, „die anderen” anzuhören. Das würde vielleicht diesen allgegenwärtigen Sinn für unsere eigene Wahrheit dämpfen. Ich schreibe „vielleicht”, denn auch da bin ich mir nicht sicher. In der Aufstellungspraxis nennen wir es „allen, die Teil des Systems sind, ihren Platz zu geben“. Sie zu ehren und ihr Recht auf eine andere Meinung zu respektieren. Vielleicht sogar, sich in ihre Sichtweise einzufühlen und, auch wenn ich ihr nicht zustimme, mein Handeln und meine ganze Haltung darauf einzustellen, dass sie es anders sehen können und vor allem dürfen. Das kann Aggressionen verhindern, bevor sie entstehen. Aber es muss im Vorfeld und konsequent gemacht werden. Denn wenn der Skinhead im Park wirklich auf mich und meine Freundin losgeht, ist es zu spät, ihm einen Platz in meiner Seele zu geben. Das kann ich erst tun, wenn ich ihn verprügelt habe. Oder nachdem wir beide, wie ich in den 70er Jahren, die Flucht ergriffen haben. 

Als ich jung und ein Pionier war, lautete der kommunistische Slogan meines Vaters: „Lasst uns Schwerter zu Pflugscharen umschmieden“. Später benutzte die gesamte Friedensbewegung diesen Slogan, aber sein Ursprung liegt in der Bibel, wo der Prophet Jesaja auf diese Weise das „erleuchtete“ Ende der Welt und das Kommen des Erlösers schildert. Es scheint, dass wir auf der praktischen, alltäglichen Ebene immer noch beides brauchen, sowohl Pflugscharen als auch Schwerter. Aber wenn ich mit wütenden, feindseligen Parteien in Aufstellungen arbeite, wird mir klar, dass wir uns alle zu ernst nehmen. Wir meinen es todernst mit unserem Kampf für ein besseres Morgen, mit unserem Kampf für “unsere” Ideologie. Und so möchte ich zum Schluss Jesaja paraphrasieren. Vielleicht würde es uns am meisten helfen, wenn wir unsere Ideologie in ein Spiel verwandeln würden. In Humor. Und alle, rote, grüne und gestreifte, das dann mit Tee und Jägermeister begießen würden.

Dieser Artikel erschien in der vierten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

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