Das Leben hinter Drähten

Kilometerlanger Stacheldraht, Kontrollen, Passierscheine. Das Leben in der südböhmischen Stadt Slavonice, nahe der schwer bewachten Grenze zwischen Ost und West, ist für lange Zeit zum Stillstand gekommen. Die Wende kam mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, als sich Prager Künstler für den Genius Loci der alten Renaissance-Stadt begeisterten.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Život za dráty

Wie kommt es, dass die Wolken können und ich nicht?“, fragte sich Zdeněk Žampa, der später nur Žampič genannt wurde, am Stacheldraht im südböhmischen Grenzgebiet. Der aus Slavonice stammende Mann wuchs von Kindesbeinen an in der Nähe der unüberwindbaren Grenze zwischen dem Westen und dem Osten auf. Die Einheimischen nannten sie Sperrgebiet. Er sah es jeden Tag. Mit seiner Clique ging es zum Spielen in den Wald, doch nur bis zum Warnschild, auf dem „Betreten verboten“ stand. „Als ein Schwarm Rebhühner auftauchte, fingen wir an, sie zu jagen. Wir bildeten einen Schwarm und kamen in unserer Jagdleidenschaft bis zu den so genannten kleinen Drähten, die im Gegensatz zu den ‘tödlichen’ Drähten nicht unter Strom standen. Die Drähte erinnerten mich an Mauthausen und Auschwitz. Wir wollten die Rebhühner in die Drähte treiben, um sie zu fangen. Aber sobald wir uns näherten, schlugen die lieben Rebhühner mit den Flügeln und flogen über die Drähte. Prompt tauchte ein russischer Gaz auf und ein Leutnant mit einer Pistole in der Hand stieg aus ihm aus, um uns zu verhaften“, beschreibt der heute 68-jährige Žampa eines seiner unvergesslichen Erlebnisse aus seiner Kindheit.

Slavonice mit der dominanten Kirche, auch um 1980 noch hinter dem Stacheldraht kauernd. foto: Muzeum 20. století ve Slavonicích

„Die Besatzung von Slavonice ist neu. Mit dem Endes des Krieges verschwand die deutschsprachige Bevölkerung. Die in Slavonice ansässigen Deutschen mussten die Willkür der Partisanen bei der wilden Aussiedlung in den Junitagen 1945 erleben. Es ist ein sehr düsteres Thema, über das hier nicht öffentlich gesprochen wurde. Gleichermaßen verhielt es sich mit der Ersten Republik. Sprach jemand über sie, dann sagte er, das war noch ‘unter den Deutschen’. Die ursprünglichen Besitzer ließen hier Möbel und Küchenutensilien in den Häusern zurück. Die Neuankömmlinge waren unbemittelt und für neue Einrichtungsgegenstände hatten sie kein Geld. Nicht verwunderlich, dass ich in einem von den Deutschen zurückgelassenen Holzbett und zugedeckt mit einer deutschen Bettdecke schlief. Sogar das alte Fahrrad, mit dem wir Jungs durch die verwinkelten Ecken der Stadt jagten, gehörte einst den Deutschen“, erinnert sich Žampa Jahre später. 

Die Drähte des Eisernen Vorhangs trennten Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei Welten, und Angst und Furcht schlichen sich wieder in das Leben der Menschen ein. Sie verursachten physische und psychische Barrieren und kosteten vielen Menschen das Leben, die versuchten, in die freie Welt zu fliehen. Damals gab es gleich drei Zäune. Der erste, aus Stacheldraht, war zwei Meter hoch. Der zweite, etwa einen halben Meter höher, stand seit 1953 unter Hochspannung. Der dritte Zaun verhinderte, dass Waldtiere in die Nähe des Stroms kamen. Die Zäune „wuchsen“ auf einem etwa zwanzig Meter breiten gepflügten Streifen aus dem Boden, der die Spuren von Unbefugten leicht verriet.

Maříž-Leštnice Tor. foto: Muzeum 20. století ve Slavonicích

Das „Sperrgebiet“ hat die Menschen moralisch zu Grunde gerichtet. Hat er auch etwas Positives gebracht? „Ich verdanke ihm, dass er meine Lebenseinstellung gefestigt hat. Es war nicht leicht, aus dieser Erziehung herauszukommen. Aber seit der Hochschule, ungefähr seit meinem 22. Lebensjahr, gehe ich in dieselbe Richtung“, sagt Žampič, einer der Hauptdarsteller des inzwischen legendären tschechischen Theaters Sklep. Ihm ist es zu verdanken, dass die Theatergruppe von „Sklep“ zu Beginn des Sommers 1988 nach Slavonice umzog. Die Euphorie des Jahres 1989 trug zur „Prager Invasion“ von Künstlern in diese verschlafene Grenzstadt bei. 

Seitdem gehört Slavonice den Pragern. Einige von ihnen haben hier sogar eine zweite Heimat gefunden, eine Kneipe eröffnet und kreative Projekte gestartet. Eines davon ist das wilde Kneipen-Bar-Galerie-Café Besídka, das von den „glorreichen Sieben“ des Theaters Sklep ins Leben gerufen wurde. Ein weiterer Durchbruch war das beliebte Film- und Musikfestival Slavonice Fest, das viele Jahre lang vom tschechischen Filmproduzenten und Regisseur Ondřej Trojan in Slavonice veranstaltet wurde. Nicht nur deshalb blüht der multikulturelle Genius Loci in dieser Renaissancestadt auf. 

Dieser Artikel erschien in der sechsten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag