🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Explozivně smyslné umění Juliana Charrièra
Der französisch-schweizer Künstler mit einem Atelier in Berlin verbindet Kunst mit Wissenschaft, Kulturgeschichte, Archäologie und Science Fiction. Die Ideen für seine höchst unkonventionellen Werke sammelt er auf zahlreichen Expeditionen in den entlegensten Landschaften unseres Planeten.
Sein Werk schließt ein breites Spektrum von Kunstformen ein – angefangen beim Film über Skulpturen bis hin zur Fotografie. In seinen Bildern, In-stal-lationen, Videos und Landschaftsfotografien kombiniert er unterschiedliche Medien und Techniken. Er verlässt sich nicht auf die direkte Wirkung von Daten und Fakten, sondern bietet eine höchst ästhetische sinnliche und physische Erfahrung. Erst bei näherer Betrachtung seiner Objekte wird deutlich, wie drastisch sich die Natur und unser Planet durch den Klimawandel, Umweltschäden und Ausbeutung verändern.
Ich bin Julian Charrière‘s Kunst zum ersten Mal auf der Biennale von Venedig 2017 begegnet. Er inspirierte mich zu einer Reise zum Salar de Uyuni in Bolivien. Damals ließ der Künstler 22 Tonnen schwere Blöcke und mehrere Kanister Lithiumsalz für 20.000 Euro aus der Salzwüste nach Berlin transportieren. Gemeinsam mit Geologen und Bergleuten tauchte er in die Schächte ein, denn das Wasser unter der Salzwüste enthält eines der weltweit größten Lithiumvorkommen. Ohne dieses Naturprodukt würde kein Computer, kein Smartphone und kein Elektroauto funktionieren. Für Bolivien birgt der Rohstoff ein gewisses Versprechen für zukünftigen Wohlstand, gleichzeitig droht durch den Abbau eine massive Umweltzerstörung.
In seinem Berliner Atelier hat Charrière die Salzblöcke in kleinere Stücke geschnitten. Im Arsenale in Venedig baute er eine neue, imaginäre Bibliothek in Anlehnung an die berühmte Bibliothek in Babylon. Es handelte sich um eine groß angelegte skulpturale Installation aus mehreren sechseckigen Salztürmen mit kleinen farbigen mit Lithiumsalz gefüllten Becken, die wie Smartphone-Displays leuchteten. In seinem Projekt Future Fossil Spaces verband er so die Vergangenheit mit der Zukunft.
Die Ausstellung Controlled Burn in der Langen Foundation auf der Insel Hombroich bei Köln widmete er dem Feuer, den Flammen und der Hitze und ihren zwei Seiten: Zerstörung und Neuanfang. Den idealen Raum fand er in dem ikonischen Gebäude des Architekten Tadao Ando. „Flammen und der Prozess des Verbrennens sind für mich der ultimative Archetyp der Dialektik“, erklärt Julian Charrière in einem Interview. „Ein natürliches Bild von Zerstörung und Entstehung zugleich, Feuer als Symbol für fossile Brennstoffe“.
Im Jahr 2021 wurde Charrière für den renommierten Marcel-Duchamp-Preis nominiert, der mit einer Ausstellung im Centre Pompidou in Paris verbunden ist.

Julian, was hat Dich zu der Ausstellung Future Fossil Spaces inspiriert? Hattest Du bereits vor Ort eine Idee, wie Du Deine Ideen künstlerisch umsetzen wirst?
Es stimmt, dass meine Projekte komplex sind, mit Arbeit im Terrain abseits der ausgetretenen Pfade und komplizierten, anspruchsvollen Produktionsprozessen. Aber das ist keine Schwierigkeit um der Schwierigkeit willen, denn wir leben in einer vielschichtigen Welt, in der sich die Bedeutungen von Orten und Objekten, ja sogar von Ideen, übereinander stapeln, bis sie fest werden. Besonders hier, im globalisierten Westen, sind wir in einen infrastrukturellen Kreislauf eingebunden, der weit über unser tägliches Leben hinausgeht. Von Haushaltsgegenständen bis hin zu unseren Häusern sind wir mit Orten und Ökosystemen verwoben, die weit über unser unmittelbares Bewusstseins hinausgehen. Die Folgen unseres Konsums spielen sich in der Regel jenseits dieses Lebens ab, bei Tieren, Biomen und Menschen, deren Realität wir lieber nicht in unsere eigene integrieren. In meinen Kunstwerken versuche ich, diese Verbindung zu erforschen. In diesem Fall geht es um das digitale Zeitalter und die damit verbundene Entmaterialisierung.
Wie spiegelt sich Dein Ansatz in der Ausstellung wider?
Die Salzziegelsäulen in der Installation erinnern an Schichten, aber auch an Wolkenkratzer und urbane Architektur. Es ist eine Konfrontation zwischen der Zeit, die diese Materialien brauchen, um sich in der Erde zu bilden, und der Geschwindigkeit, mit der wir sie abbauen, um unsere bestehenden Technologien zu beschleunigen. Es ist eine verfluchte Pflicht, denn wenn wir diesen Abbau stoppen, können wir als Spezies unser vermeintlich fortschrittliches Ziel nicht verwirklichen – und werden nie in der Zukunft ankommen, die die Moderne für uns erträumte. Aber dieser Wunsch ist natürlich völlig falsch, und diese Zukunft wird nie eintreten. Dennoch wirft sie einen Schatten auf den Salar de Uyuni. Diese „natürliche Ressource“, die für die Herstellung von Batterien unerlässlich ist. Und mit der wachsenden Nachfrage nach diesen Technologien wächst auch das Risiko der Förderung.

Copyright the artis; VG-Bildkunst, Bonn, Germany
Was genau verbirgt sich hinter dem Ausstellungstitel Future Fossil Spaces?
Der Titel der Ausstellung verweist auf unsere Hy-bris, die darin besteht, dass wir glauben, wir könnten exponentiell wachsen – exponentiell verbrauchen – ohne den Planeten zu entwerten. Die konstruierte Struktur von Salz und Sole zeigt die harte, materielle Realität dieses Prozesses, die wir so oft übersehen, wenn wir mit der Software unserer virtuellen Welten beschäftigt sind.
Die Natur ist Deine große Inspirationsquelle. Was war Dein Schlüsselerlebnis bei Reisen in entlegene Gebiete?
Mich treibt definitiv unsere sich verändernde Wahrnehmung von Natur und die Bedeutung dieses Begriffs. Diese haben sich im Laufe der Zeit verändert: von der Andersartigkeit des Römischen Reiches bis hin zu der wohl auch recht komplexen und übertriebenen Vorstellung vom Anthropozän und dem, was uns danach erwartet. Was jedoch meine Arbeit im Terrain anbelangt, sind einige der Schlüsselerlebnisse diejenige, die unsere Vorstellung von Abgeschiedenheit in Frage stellen. Wie oft kommen wir scheinbar am Ende der Welt an und es gibt bereits Abdrücke menschlicher Präsenz. Wir stoßen auf radioaktiven Sand von Atomtests auf den primitiven und trostlosen Stränden des Pazifiks und Coca-Cola-Flaschen auf dem Grund der tiefsten Ozeane. Unser Einflussbereich erstreckt sich manchmal über unsere kühnsten Vorstellungen hinaus, an Orte, die wir nie betreten würden, die aber durch unsere Verschwendung und unsere Arroganz, unsere Stärken und Schwächen gekennzeichnet sind.
Andererseits – um nicht zu dystopisch zu werden – werden wir in der Regel auch Zeuge der außergewöhnlichen Widerstandsfähigkeit des Planeten, denn die Lebensformen zeigen eine geniale Anpassungsfähigkeit selbst in kargen, rauen und unwirtlichen Umgebungen. Ob Sie nun in das fast gefrorene Wasser unter einem grönländischen Eisberg oder in gasförmige Vulkankrater schauen, Sie werden immer einen Organismus finden, der einstweilen eine Party feiert!
Im Jahr 2021 wurdest Du für den Marcel-Duchamp-Preis nominiert. Im Centre Pompidou in Paris werden die vier Nominierten in einer Ausstellung zu sehen sein. Welches Projekt hast Du vorbereitet?
Die Installation Weight of Shadows. Es ist eine Szenografie des Bergbaus und des Kohlenstoffs, die eine Reihe von Kunstwerken zusammenbrachte, die sich in einer Atmosphäre bewegen, die durch unsere unaufhörliche Verbrennung fossiler Brennstoffe immer dichter wird. Ölbohrungen und Bohrer fallen wie Stalaktiten von der Decke herab, ausgelöst durch unser Streben nach immerwährender Energie. Aber es gibt sie nicht, und wenn wir die Biome der Vergangenheit in Form von Öl, Kohle oder Erdgas verbrennen, entlassen wir ihre Erinnerungen in den Himmel und spiegeln sie im polierten Kohleboden des Saals. Es stellt die planetarische Versöhnung von Pure Waste dar. Das Video entstand im Zusammenhang mit meiner Reise nach Nordgrönland im Jahr 2021 mit der Leister Scientific Expedition.

Photo by Studio Julian Charrière
Als ich dort auf dem Eis stand, hatte ich diesen ergreifenden und transzendentalen Moment, in dem es mir bewusst wurde, dass das Balancieren auf dem Eis wie das Balancieren auf dem Himmelsgewölbe ist. Und wenn es schmilzt, – das Schmelzen wird durch unsere globale Erwärmung verursacht – werden Luftblasen aus vergangenen Zonen wieder in die Atmosphäre entlassen.
Der Film ist ein Kommentar zur intensiven Freisetzung von Kohlenwasserstoffen in die Luft. Er zeigt künstliche Diamanten, die ich mit Hilfe von Technologien zur direkten Luftabscheidung geschaffen habe, die von einem Team von Wissenschaftlern der ETH Zürich unter Leitung von Professor Aldo Steinfeld entwickelt wurden. Es handelt sich um eine Umkehrung des Extraktionsprozesses, bei der die Kohlendioxidmoleküle, die wir in der Industrie ausstoßen, wieder absorbiert werden. Sie wurden aus dem Raum über dem Gletscher und aus dem menschlichen Atem mit Hilfe von Ballons eingefangen. Die Diamanten, die ich dabei gewonnen habe, wurden dann in eine Gletschermühle geworfen – ein Opfer für all das, was wir der Erde entzogen haben, und für die Störung ihrer geochemischen Zyklen, in der Hoffnung, dass eine Lösung gefunden werden kann und eine neue, egalitärere Beziehung entstehen kann.
Deine, bisher größte Einzelausstellung in der Langen Foundation in Neuss dauerte fast ein ganzes Jahr, von September 2022 bis August 2023. Mit der Ausstellung Controlled Burn hast Du alle Räume des ikonischen Tadao-Ando-Gebäudes, einschließlich des Geländes umkreist. Was symbolisiert Feuer für Dich? Was assoziierst Du mit den Flammen des Feuers in der Natur?
Das Feuer spielte in dieser Ausstellung eine wichtige Rolle. Denn das Feuer steht für Überfluss, Beherrschung und Erneuerung auf unserem sich erwärmenden Planeten. Unsere Spezies ist nach wie vor untrennbar mit dem Feuer verbunden, von der Gemeinschaft der Höhlenherden bis hin zu den evolutionären Vorteilen, die es uns bei der Zubereitung von Nahrung und der Aufrechterhaltung der Wärme in der Kälte bot. Als wir zu einer agrarischen Lebensweise übergingen, konnten wir unsere Umwelt manipulieren, indem wir Wälder abbrannten, und natürliche Landschaften für den Anbau von Nutzpflanzen vorbereiteten. Unsere Spezies hat also verschiedene Feuer kennengelernt: Einigen davon sind wir ausgesetzt, andere glauben wir kontrollieren zu können, bis sie uns treffen. Die Idee zu dieser Ausstellung basiert auf dem Buch The Pyrocene: How We Created an Age of Fire, and What Happens Next (Wie wir ein Zeitalter des Feuers schufen und was als nächstes passiert). Darin schildert der Feuerhistoriker Stephen J. Pyne unsere sich ständig weiterentwickelnde Beziehung zu Flammen. Er argumentiert, dass unsere Spezies während der Industrialisierung eine Schwelle überschritten hat, als wir begannen, nicht nur lebende Landschaften zu verbrennen, sondern auch steinerne, in Form von Öl, Kohle und Erdgas. Das Feuer vermehrt sich und nimmt exponentiell zu, was zu einer globalen Erwärmung und extremen Wetterbedingungen führt, darunter wütende Waldbrände und Hitzewellen im Meer. Das Feuer selbst ist eine zweideutige Kraft, eine autonome biochemische Reaktion des Menschen, die auf Feuer, Sauerstoff und Brennstoff angewiesen sind. Es ist ein großer Verbündeter für uns, aber es ist eine Beziehung, die aus dem Gleichgewicht geraten ist und die wir sorgfältig erforschen müssen.
Und zu guter Letzt: Welche Projekte und Ausstellungen planst Du demnächst?
Ich arbeite derzeit in Grönland an einem neuen Filmprojekt, das die seltsamen Wasserwelten unter den Gletschern erforscht. Aber das ist erst der Anfang dieser Reise, die mich nächstes Jahr in verschiedene Unterwasserlebensräume der Kryosphäre führen wird. Was die Ausstellungen betrifft, so habe ich für kommenden Herbst eine Einzelausstellung im Palais de Tokyo geplant, wo ich ein vulkanisches Parlament seismischer Stimmen einberufen werde. Im November geht es dann weiter mit einer eher organischen Präsentation im Arken Museum of Contemporary Art in Kopenhagen. Im Juni wird in Basel eine große öffentliche temporäre Installation zu sehen sein, die eine Brücke zwischen Kunst und Naturschutz schlägt und den Schutz der unberührten Regenwälder in Südamerika fördert.
Ich danke Dir für dieses Interview und wünsche Dir noch viele Entdeckungen, die Du künst-lerisch umsetzen kannst. Danke auch an die Galerie Sies + Höke in Düsseldorf.
Dieser Artikel erschien in der sechsten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag



