Doppelte Realität der tschechischen Kunst: im Inland und auf der internationalen Bühne

Auf internationalen Kunstmessen zeigt sich regelmäßig ein bemerkenswertes Phänomen: Namen, die in Tschechien kaum bekannt sind, zählen in Basel, London, Venedig oder New York zu den prägenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunst, so wie Klára Hosnedlová oder Klára Kristalová.

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Die beiden Künstlerinnen sind international fest etabliert, während ihre Bedeutung in ihrer Heimat häufig auf ein Fachpublikum beschränkt bleibt. Umgekehrt sind Künstler, die den tschechischen Kunstmarkt dominieren, außerhalb des Landes oft kaum wahrnehmbar. Der Unterschied zwischen lokalem Erfolg und tatsächlicher internationaler Relevanz ist heute möglicherweise größer denn je. Die tschechische Kunstszene schafft ihre eigenen Hierarchien, Preise und Rankings, während die globale Kunstwelt nach anderen Regeln funktioniert – bestimmt von Institutionen, Galerien, Biennalen, Kuratorinnen und Kuratoren sowie der Fähigkeit, in einen internationalen Dialog einzutreten.

Mit der Kunstsammlerin Marcela von Kayser, die wie ich seit mehr als vierzig Jahren in Deutschland lebt, verbindet mich eine langjährige Bekanntschaft. Sie hat sich in der internationalen Kunstwelt einen bedeutenden Namen gemacht und besucht regelmäßig die Preview-Tage der wichtigsten Kunstmessen der Welt. Wir sprechen darüber, warum sich die tschechische und internationale Wahrnehmung künstlerischer Qualität mitunter unterscheiden, welche tschechischen Künstler heute tatsächlich zur internationalen Spitze gehören und wie die Landkarte der wichtigsten Kunstmessen der Welt aussieht.

Marcela von Kayser

Marcela, wenn du heute die internationale Kunstszene betrachtest: Welche tschechischen Künstlerinnen und Künstler gehören deiner Meinung nach zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Gegenwartskunst? Woran erkennt man, dass jemand die Grenzen eines lokalen Erfolgs überschritten hat und zu einem anerkannten Teil des globalen Kunstbetriebs geworden ist?

Diese Frage stellen sich heute viele Sammler, Kuratoren und Institutionen. Gerade in kleineren Ländern gibt es oft einen Unterschied zwischen einem Künstler, der im eigenen Land bekannt ist, und einem Künstler, der sich tatsächlich im internationalen Kontext durchgesetzt hat. Wie man so schön sagt: Niemand ist im eigenen Land Prophet.

Meiner Ansicht nach erkennt man echte internationale Bedeutung daran, ob über einen Künstler in Fachmedien berichtet wird, ob er in renommierten Institutionen ausstellt, mit bedeutenden Galerien zusammenarbeitet und ob seine Werke von Museen und Sammlern auf der ganzen Welt erworben werden.

In diesem Zusammenhang würde ich einige Namen aus der tschechischen Gegenwartskunst hervorheben.

Klára Hosnedlová zählt in den vergangenen Jahren zu den herausragendsten tschechischen Künstlerinnen auf der internationalen Bühne. Ihre monumentalen Installationen haben Kuratoren und Institutionen weit über die Grenzen der Tschechischen Republik hinaus beeindruckt. Ihre Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin war einer jener Momente, die einen echten internationalen Durchbruch markieren. Es handelt sich nicht nur um einen Markterfolg, sondern um die Anerkennung durch eine der angesehensten europäischen Institutionen für zeitgenössische Kunst.

Klára Hosnedlová

Eva Koťátková gehört seit vielen Jahren zu den renommiertesten tschechischen Künstlerinnen im Ausland. Ihre Teilnahme an bedeutenden Biennalen, umfangreiche institutionelle Ausstellungen und ihre langfristige Präsenz in internationalen Sammlungen machen sie zu einer der bestetablierten tschechischen Künstlerinnen ihrer Generation. Im Jahr 2024 vertrat sie Tschechien und die Slowakei auf der Biennale von Venedig.

Den Werken von Zdeněk Sýkora, einem der Pioniere computergenerierter Kunst und der geometrischen Abstraktion, begegne ich bis heute auf bedeutenden Kunstmessen und in den Sammlungen europäischer Museen. Das zeigt, dass seine Bedeutung den tschechischen Kontext längst überschritten hat.

Gerade die Fähigkeit, sich über einen langen Zeitraum im internationalen Umfeld zu behaupten, ist für mich der verlässlichste Maßstab für die tatsächliche Bedeutung eines Künstlers.

Klára Hosnedlová gehört heute zu den sichtbarsten tschechischen Namen der zeitgenössischen Kunst im Ausland. In den vergangenen Jahren hat sie einen außergewöhnlichen internationalen Erfolg erzielt – von der Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin über ein Projekt für das New Museum in New York bis hin zu ihrer aktuellen Einzelausstellung „Echo“ bei White Cube in London. Dennoch ist sie in der tschechischen Öffentlichkeit noch relativ wenig bekannt. Im aktuellen J&T Art Index belegt sie beispielsweise erst Platz zehn. Wie erklärst du dir diese Diskrepanz zwischen ihrer nationalen und internationalen Sichtbarkeit?

Dieser scheinbare Widerspruch ist in der zeitgenössischen Kunstwelt nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil: Er ist oft ein typisches Begleitphänomen einer echten internationalen Karriere.

Im Fall von Klára Hosnedlová greifen aus meiner Sicht mehrere Faktoren ineinander. Zunächst muss man berücksichtigen, dass ihre Karriere von Anfang an im internationalen Kontext aufgebaut wurde. Nach ihrem Studium bewegte sie sich sehr früh zwischen Berlin, Paris, London und New York. Sie arbeitete von Beginn an mit Galerien und Institutionen zusammen, die global agieren. Es ist daher nur folgerichtig, dass ihr Name zunächst in kuratorischen und sammlerischen Kreisen im Ausland Resonanz fand und erst anschließend in ihr Herkunftsland zurückkehrt.

Ein weiterer Grund liegt in der Natur der zeitgenössischen Kunst selbst. Die breite Öffentlichkeit nimmt Künstler oft erst wahr, wenn sie in Medien, Auktionen oder großen nationalen Institutionen erscheinen. Die Fachwelt hingegen orientiert sich an anderen Kriterien – Biennale-Teilnahmen, kuratorische Projekte, Galerievertretung oder museale Ankäufe. In diesen Kreisen war Klára Hosnedlová bereits seit Jahren präsent, bevor sie in Tschechien stärker wahrgenommen wurde.

Marcela vom Kayser mit Klára Krystalová

Auch der Charakter ihrer Arbeit spielt eine wichtige Rolle. Ihre monumentalen Installationen, die Architektur, Performance, textile Techniken, Geschichte und kollektives Gedächtnis verbinden, verlangen dem Publikum Zeit und Konzentration ab. Solche Werke werden häufig zuerst von Kuratoren und Institutionen gewürdigt, bevor sie ein breiteres Publikum erreichen.

Die Kunstgeschichte zeigt immer wieder, dass viele bedeutende Künstler zunächst international entdeckt werden und erst später in ihrem Herkunftsland die volle Anerkennung erfahren. Ich glaube, genau diesen Prozess beobachten wir derzeit bei Klára Hosnedlová.

Wo entscheidet sich heute, wer zu den zukünftigen Stars der Kunstwelt wird?

Paradoxerweise entscheidet sich die Zukunft der großen Namen der zeitgenössischen Kunst nicht auf den Messen selbst. Eine zentrale Rolle spielen vielmehr Kuratoren bedeutender Museen, Ankaufskommissionen, internationale Biennalen und Residenzprogramme.

Wenn ein Künstler beispielsweise im Museum of Modern Art in New York, im Tate Modern in London oder im Hamburger Bahnhof in Berlin ausgestellt wird, ist das oft ein entscheidenderer Karriereschritt als hohe Auktionsergebnisse.

Ebenso wichtig ist die Unterstützung durch Galerien wie Gagosian, Hauser & Wirth, David Zwirner oder Pace Gallery. Sie verfügen über globale Netzwerke aus Sammlern, Kuratoren und Institutionen und können langfristig internationale Karrieren aufbauen.

Mein Eindruck nach vielen Jahren Beobachtung der internationalen Kunstszene ist, dass der Markt Karrieren zwar beschleunigen kann, letztlich aber Institutionen, Museen und der kunsthistorische Diskurs darüber entscheiden, welche Werke auch in zwanzig oder dreißig Jahren als relevant gelten.

Kann man heute noch eine internationale Karriere aus Prag heraus aufbauen?

Ja, das ist möglich. Aber langfristig ist der Anschluss an das internationale Galerie – und Institutionssystem notwendig. Erfolg entsteht nie im Vakuum. Hinter jeder starken Künstlergeneration steht ein Ökosystem aus Ausbildung, Institutionen, Galerien, Sammlern und Mäzenen.

Marcela von Kayser und der französisch-schweizerische Künstler Julian Charièrre

In Tschechien gibt es viele Stärken: gute Kunsthochschulen, konzeptuelle Tradition und handwerkliche Qualität. Was jedoch oft fehlt, ist eine langfristige internationale Strategie und Kulturpolitik.

Private Museen, Stiftungen und Sammler spielen zunehmend eine Schlüsselrolle als frühe Förderer. Ebenso wichtig sind Galerien, die nicht nur verkaufen, sondern aktiv Produktionsprozesse begleiten und internationale Netzwerke aufbauen.

Gerade hier sehe ich noch Entwicklungspotenzial im tschechischen System.

Welche Kunstmessen und Biennalen prägen heute die globale Kunstwelt?

Trotz neuer Ableger bleibt Art Basel die wichtigste globale Kunstmesse für moderne und zeitgenössische Kunst. Hier treffen die wichtigsten Sammler, Kuratoren und Museen auf rund 300 ausgewählte Galerien.

Die Biennale di Venezia ist dagegen eine Laborplattform für neue Ideen. Viele Künstler, die dort ausstellen, werden erst später international bekannt. 

Auch Documenta in Kassel gilt als eine der intellektuell einflussreichsten Ausstellungen weltweit.

Weitere wichtige Plattformen sind ARCO Madrid, Frieze London, Frieze New York, Art Basel Miami Beach sowie Frieze Seoul, Art Basel Hong Kong und West Bund Art & Design in Shanghai. Für klassische Kunst bleibt die TEFAF Maastricht zentral.

Heute kann man praktisch das ganze Jahr zwischen 150 und 200 bedeutenden internationalen Ausstellungen reisen.

Welche neuen Plattformen gewinnen an Bedeutung?

Der Schwerpunkt der Kunstwelt verschiebt sich zunehmend von der traditionellen Achse New York–London–Paris–Basel in Richtung Asien und Naher Osten. Art Basel Hong Kong hat bereits heute globalen Einfluss als Zugang zum chinesischen Markt. Auch Art Dubai wächst stark und profitiert von seiner geografischen Lage zwischen Europa, Asien und Afrika. China mit Shanghai und dem West Bund Art & Design gewinnt weiter an Bedeutung, ebenso Japan mit Tokyo Gendai, auch wenn dieses Projekt noch jung ist.

Besonders dynamisch entwickelt sich Südkorea, insbesondere Seoul, das sich zunehmend zu einem zentralen Knotenpunkt des asiatischen Kunstmarktes entwickelt. Auch im Nahen Osten entstehen neue kulturelle Zentren, etwa in Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Persönliche Frage zum Schluss: Welche Begegnung mit einem Künstler hat dich am meisten beeindruckt?

Eine der Begegnungen, die bei mir den stärksten Eindruck hinterlassen hat, war der Besuch im Atelier des britischen Bildhauers und Konzeptkünstlers Anish Kapoor im Jahr 2017. Er fand in seinem weitläufigen Studio in ehemaligen Industriehallen am Stadtrand von London statt und wurde von der Lisson Gallery organisiert. Kapoor gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Kunst und ist bekannt für monumentale Installationen, optische Illusionen sowie seine Arbeit mit dem Material Vantablack. Statt eines kurzen höflichen Treffens nahm er sich mehr als drei Stunden Zeit für uns. Während eines offenen Gesprächs führte er uns durch mehrere Hallen seines Ateliers, zeigte Modelle von Projekten, an denen er damals weltweit arbeitete, und ermöglichte uns einen Einblick in den Entstehungsprozess seiner berühmten konkaven Spiegelobjekte. An konkreten Arbeiten erklärte er uns die technologischen und künstlerischen Zusammenhänge der Arbeit mit Vantablack.

Den stärksten Eindruck hinterließ jedoch die letzte Halle, in der er uns einen Zyklus großformatiger Gemälde vorstellte, die vom Thema Feuer inspiriert waren. Diese Werke waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich gezeigt worden, sodass wir die einzigartige Gelegenheit hatten, einen sehr persönlichen Bereich seines Schaffens zu sehen. Solche Begegnungen erinnern einen daran, dass hinter großen Namen der Weltkunst vor allem Jahrzehnte konzentrierter Arbeit, Disziplin und das ständige Suchen nach neuen Wegen stehen. Genau das hat mich bei der Begegnung mit Anish Kapoor am meisten beeindruckt.