Prager Debüt von Stefan Veselka: Janáček ist wahrhaftig

Der Generalmusikdirektor des Theaters Regensburg, Stefan Veselka, ein weltweit anerkannter norwegisch-tschechischer Künstler, begeisterte mit Janáčeks Jenůfa (im Original Její pastorkyňa) die Besucher des Prager Frühlings 2025. Meine Neugier war bereits beim Durchblättern des Festspielprogramms geweckt worden und ließ mich während des gesamten Gesprächs nicht los.

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Wir trafen uns in einem Café am Smetana-Ufer unweit des Nationaltheaters, wo er seit diesem Frühjahr mit dem Orchester und den Solisten an Janáčeks Jenůfa probte. Kurz nach sechs Uhr abends erschien vor mir ein stattlicher, lächelnder, leicht ergrauter Fünfziger in einem Sportpullover, und kaum jemand hätte vermutet, dass er eine sechsstündige Opernprobe hinter sich hatte!

Ein Windhund jaulte unter dem Klavier

Zu den Proben nach Prag reiste er mit dem Zug aus dem deutschen Regensburg an, wo er seit der Konzertsaison 2023/24 Generalmusikdirektor ist. „Es ist für mich eine große Ehre, dass mich die Theaterleitung, das Orchester und auch die Stadt Regensburg zum Chefdirigenten gewählt haben“, betonte Stefan Veselka. Als ich die Webseite seines Stammtheaters besuchte, stieß ich auf ein interessantes Foto. „Der Fotograf hatte die Idee, dass künstliche Intelligenz Daten mit persönlichen Informationen ausliest. Und da ich beruflich sehr oft fliege, kam dieses Bild mit dem Flugzeug dabei heraus“, erklärte mir der Dirigent in bewundernswert fließendem Tschechisch.

Die Musik begleitete ihn von Geburt an. Schließlich wurde er als Sohn zweier Musikvirtuosen geboren: der Pianistin Milena Dratvová und des Geigers František Veselka. Er kam in Stavanger an der südwestlichen Küste Norwegens als Sohn politischer Emigranten zur Welt, nachdem sein Vater dort eine Arbeitsstelle als Konzertmeister angenommen hatte.

Stefan trieb seit seiner Kindheit Sport, was er bis heute beibehalten hat, er entspannt sich beim Schwimmen und Radfahren. Mit den Jungs aus der Nachbarschaft spielte er Fußball und wünschte sich, eines Tages für den Fußballverein Viking Stavanger zu spielen, der zu den historisch erfolgreichsten des Landes gehört. „Zum Musikmachen hat mich niemand gedrängt, ich bin ganz natürlich dazu gekommen, allein schon dadurch, dass ich in einem musikalischen Umfeld aufgewachsen bin. Wir hatten einen Afghanischen Windhund. Der lag oft mit mir unter dem Klavier und jaulte immer, wenn meine Eltern übten. Sie sagten mir immer, ich solle etwas Ordentliches lernen und dass Sport nichts für das ganze Leben sei. Aber auch wenn Musik eine schöne Sache ist, ernährt sie leider nicht jeden“, bemerkte er.

Obwohl sein Vater ihm bald eine Geige kaufte, zog es Stefan zum Klavier. „Zu Hause spielten wir gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Vater alles Mögliche, natürlich auch Stücke großer tschechischer Komponisten wie Dvořák, Smetana, Janáček, Suk. Die tschechische Musik wurde für mich eine ideale, unerreichbare und sehr ferne Welt, nach der ich mich ständig sehnte. Ich wurde zwar in Norwegen geboren, aber meine beiden Eltern hatten mährische Wurzeln, an denen sie festhielten. So hatte ich zu Hause die mährische und tschechische Kultur – und in der Schule zusätzlich die norwegische. Ich hörte die Musik von Edvard Grieg, mit Freunden sangen und spielten wir norwegische Lieder und Stücke.“

Muttersöhnchen

Seit seinem achtzehnten Lebensjahr lebt er im deutschsprachigen Raum. „In die Welt bin ich aber schon mit vierzehn gegangen, als ich in Amerika zu einem Schüleraustausch war. Ich verbrachte ein Jahr an einer dortigen High School und spielte dabei weiter ständig Klavier. Es war nicht ganz einfach, denn ich war ein Einzelkind und außerdem ein ‚Muttersöhnchen‘, antwortete er auf meine Frage, wie er damals allein über dem großen Teich zurechtkam. „Das Telefonieren war damals teuer und so sprach ich höchstens einmal im Monat mit meinen Eltern. Aber auch wenn es für mich vor allem am Anfang schwer war, hat es mir in Amerika sehr gefallen“, erinnerte er sich mit der Bemerkung, dass er nicht sicher sei, ob es dort heute noch genauso wunderbar ist.

Stefan Veselka

In Amerika gewann er gleich mehrere Klavierwettbewerbe, zum Erfolg verhalfen ihm private Stunden bei der Konzertlehrerin Donna Stoering. „Als ich nach meiner Rückkehr nach Norwegen meinen Schulabschluss machte, war mir klar, dass ich mich beruflich dem Klavier widmen wollte.“ Ein Studium bei seiner Mutter, die damals am Rogaland Musikkonservatorium unterrichtete, schloss er jedoch aus. Er zog das Mozarteum in Salzburg vor. „Ich hatte gehört, dass der bekannte schwedische Pädagoge Hans Leygraf dort unterrichtete. Wir verständigten uns auf Inter-Skandinavisch, der Sprache, die Dänen, Schweden und Norweger untereinander sprechen. Ich sprach ihn an – und er nahm mich als seinen Studenten auf. Ich verbrachte zwei Jahre bei ihm. Und als Leygraf an die Berliner Hochschule der Künste wechselte, setzte ich mein Studium dort bei ihm fort.“

Während er in der Musik bereits ein gewisses Renommee genoss, kämpfte er noch ein wenig mit der deutschen Sprache. In der Schule hatte er sie zwar gelernt, aber erst als vierte Sprache – nach Norwegisch, Nynorsk und Englisch. Und am meisten habe ihm dabei das Fernsehen geholfen, als er die auch in Tschechien populäre deutsche Krimiserie Derrick verfolgte.

Vom Klavier zum Dirigentenpult

Viele Jahre trat er als Klaviersolist und Kammermusiker in ganz Europa auf. Er gastierte in Japan und den Vereinigten Staaten und erhielt zahlreiche nationale und internationale Musikpreise. Zu seinen herausragenden Erfolgen zählt die Einspielung des kompletten Klavierwerks zum 100. Todestag von Antonín Dvořák im Jahr 2004 für das Musiklabel NAXOS: Für acht Jahre Arbeit und fünf aufgenommene CDs erhielt er den renommierten Classical Internet Award 2004.

Dennoch faszinierte ihn der Taktstock immer mehr. „Als ich in Berlin Klavier studierte, ging ich ständig in die Oper oder zu Orchesterkonzerten, aber fast nie zu Soloklavierabenden. Mich interessierte immer der Klang des Orchesters, deshalb begann ich das Dirigieren privat bei dem japanischen Dirigenten Kazushi Ōno zu studieren. Die letzten fünfzehn Jahre habe ich vornehmlich dirigiert, Klavier spiele ich nur noch gelegentlich. Beim ‚Play and Conduct‘ spiele ich zum Beispiel ein Klavierkonzert von Mozart oder Beethoven und dirigiere gleichzeitig das Orchester. Wenn wir ein Barockprogramm haben, spiele ich Bach stilgerecht auf dem Cembalo. Beides macht mir Spaß, und ich möchte mich nicht nur für eine Tätigkeit entscheiden. Als Dirigent habe ich kein Instrument. Mein Instrument ist das Orchester, also kann ich erst üben, wenn ich es vor mir habe. Das ist in gewisser Weise schön, aber den Klang des jeweiligen Musikstücks muss ich vorher im Kopf haben. Wenn ich das Orchester bei den Proben höre, suche ich einen Kompromiss und füge beides dann allmählich zusammen. Es hat auch etwas leicht Schizophrenes, wenn meine Vorstellung zwei, drei Sekunden früher abläuft, als ich den realen Klang des Orchesters höre.“

Prager Debüt

Ich frage nach Veselkas Debüt beim diesjährigen Prager Frühling – und erwähne seinen prominenten Landsmann, den künstlerischen Leiter der Staatsoper Prag und des Nationaltheaters Prag, Peer Boye Hansen. „Ich kenne ihn aus Norwegen, aber damals, als Hansen am Osloer Opernhaus tätig war, habe ich dort nichts aufgeführt. Vor relativ kurzer Zeit habe ich ihn jedoch getroffen, er interessierte sich für meine Arbeit und lud mich wiederholt nach Prag ein. Damals hatte ich aber andere berufliche Verpflichtungen, so dass ich leider absagen musste. Deshalb freue ich mich sehr, dass es jetzt geklappt hat: Ich kenne die tschechische Musik, spreche Tschechisch, und wir haben Janáčeks Jenůfa in tschechischer Sprache mit einem wunderbaren Orchester, Opernsängerinnen und -sängern und dem gesamten Prager Team aufgeführt. Ich liebe Janáček, er stammt ebenso wie meine Eltern aus Mähren – kurzum, es hat alles wunderbar zusammengepasst“, lobte er.

Was bewundert er an Janáčeks Musik? „Sie ist wunderschön und hat eine enorme Kraft. Janáček war für seine Zeit einzigartig und sehr modern. Er fand seinen eigenen künstlerischen Stil und verfolgte ihn in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts beharrlich. Einen ähnlichen Musikstil hatte nur Béla Bartók in Ungarn. Alle damals bekannten Komponisten – Puccini, Strauss, Korngold oder Schönberg – schrieben sehr romantische Stücke. Aber Janáček wollte nicht, dass das Orchester zu laut, sondern kammermusikalisch klingt. Damit die Gefühle nicht im Klang des Orchesters verborgen sind. Deshalb ist seine Musik direkt und wahrhaftig, während Puccini wie eine Schwarzwälder Kirschtorte mit viel Sahne ist. Dieser Vergleich ist nicht kritisch gemeint, aber er Janáčeks Modernismus genauer: „Obwohl er Jenůfa bereits 1904 komponierte, dachte er filmisch. Heute sehen wir das auf Netflix: Nach einer kurzen, zwei- oder dreiminütigen Szene folgt ein Schnitt – und die Kamera befindet sich schon woanders. Janáčeks Musik besteht aus Szenen, die fließend ineinander übergehen, wodurch seine Musik einen filmischen Charakter erhält. Außerdem hat Janáček vieles aus der Partitur gestrichen, damit nur das wirklich Wesentliche erklingt. Auch deshalb hat sein Werk bis heute seine Kraft und vermag den heutigen Zuhörer anzusprechen.“

In mehr als zwei Jahrzehnten am Dirigentenpult hat er in der Welt viel erreicht – und sein Vater ist sehr stolz auf ihn. „Er freut sich immer, wenn es mir gut geht. Wir haben viele Jahre zusammen konzertiert. Wenn ich ihn in Norwegen oder in Brno besuche, machen wir immer Mist aus den Noten, wie wir unser gemeinsames Spielen nennen.“ Sein Prager Debüt beim diesjährigen Prager Frühling 2025 ließ er sich natürlich nicht entgehen.

Was will er als Dirigent erreichen? „Eine besondere Herausforderung für jeden Dirigenten ist Wagners Ring des Nibelungen. Ich habe auch alle Beethoven-Sinfonien dirigiert, also ist das nicht mehr mein Ziel. Aber ich wünsche mir, der reinen Essenz der Musik so nahe wie möglich zu kommen: Auf der Bühne möchte ich mit dem Orchester keine Show abziehen, sondern die wahren Gefühle analysieren, damit das Werk wahrhaftig klingt – auch wenn das, wie ich es jetzt sage, vielleicht kitschig klingt. Ich möchte als Dirigent alles entfernen, was nicht zum musikalischen Ausdruck gehört, damit in der Musik nur das Wichtige bleibt. Ständig suche ich im gegebenen Moment nach dem Gefühl. Wenn das Publikum während des Konzerts wirklich zuhört – absolute Stille herrscht und sich alle nur auf einen einzigen Moment konzentrieren –, dann ist das wirklich etwas Besonderes. Es gelingt selten, aber es ist möglich. Dieser Moment ist schwer zu beschreiben, weil es um die Suche nach der Wahrhaftigkeit des Ausdrucks geht. Warum sollte ich es sonst tun?“

Dieser Artikel erschien in der achten Ausgabe des Printmagazins N&N – Noble Notes

Foto: Marie Liebig, Tom Neumeier Leather