Das Projekt Musica non grata brachte Prag zurück auf die Opernlandkarte Europas

Im April dieses Jahres endete das vierjährige Projekt des Nationaltheaters Musica non grata, das mit finanzieller Unterstützung der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag umgesetzt wurde.

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Seit 2020 hat das Nationaltheater 46 Opern- und Operettenproduktionen, Konzerte, Festivals und Bildungsprogramme in insgesamt 153 Aufführungen angeboten. Es hat über 50 000 Zuschauer erreicht und sich mit mehr als 500 Beiträgen Platz in 126 Medien in 11 Ländern erobert. Hat dieses Projekt die ursprünglichen Erwartungen erfüllt? Was bleibt nach ihm? Wir fragten Per Boy Hansen, den künstlerischen Leiter der Oper des Nationaltheaters und der Staatsoper und Initiator von Musica non grata.

Welche Idee führte zu diesem Projekt?

Ziel war es, einen sehr wichtigen Teil der tschechischen Operngeschichte wieder aufleben zu lassen – die Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik, die kulturell und musikalisch äußerst vital und fruchtbar war, durch den Antritt des Nationalsozialismus jedoch brutal unterbrochen wurde. Wir haben die Werke der bedeutendsten Komponisten der sog. „entarteten Musik“ (diesen Begriff verwendete das Naziregime für das Schaffen hauptsächlich jüdischer Komponisten, Anm. d. Red.) vorgestellt, deren Werke in den 1920er und 1930er Jahren am Neuen Deutschen Theater, der heutigen Staatsoper, und am Nationaltheater aufgeführt wurden. Darüber hinaus haben wir das Werk einiger weitgehend auch heute geringgeschätzter Komponistinnen dieser Zeit, wie Julie Reisserová oder Sláva Vorlová, vorgestellt.

Per Boye Hansen

Welche der Musica non grata-Produktionen würden Sie als außergewöhnlich bezeichnen? 

Ich denke, dass Schönbergs Gurre-Lieder – eine große internationale Koproduktion mit dem Prager Radio-Sinfonieorchester und dem Norwegian Radio Orchestra – wirklich herausragend waren. Dann Kleider machen Leute von Alexander Zemlinsky und Flammen von Erwin Schulhoff, sowohl in punkto Publikumsreaktion als auch bezogen auf die positiven Kritiken in relevanten internationalen Medien. Flammen haben wir unter anderem auf dem Internationalen Musikfestival Janáček Brno und im Rahmen der Konferenz Opera Europe aufgeführt, wo viele renommierte Persönlichkeiten aus der Opernwelt die Gelegenheit hatten, das Werk zu sehen. Und natürlich darf ich nicht vergessen, ihre Nominierung für den International Opera Award 2022 zu erwähnen.

Was wird nach dem Projekt Musica non grata bleiben?

Zweifellos ist es uns gelungen, viele Menschen anzuregen und, wie ich glaube, auch zu inspirieren, was ich sehr zu schätzen weiß. Klar ist auch, dass die Musica non grata-Produktionen das Nationaltheater auf die europäische Kulturlandkarte katapultiert haben. Ich sehe es daran, dass Kollegen aus anderen europäischen Opernhäusern begonnen haben, regelmäßig ins Nationaltheater zu kommen, was vorher nicht der Fall war. Viele hervorragende Sängerinnen und Sänger haben bei uns ihr Debüt gegeben, und ich wage zu behaupten, dass die Auftritte in unseren Produktionen ihre internationalen Karrieren deutlich vorangebracht haben. Das Prestige der Oper des Nationaltheaters und der Staatsoper wurde im Gesamtkontext gestärkt. All dies wird uns erhalten bleiben, einschließlich zahlreicher wertvoller Studien, Beiträge, Radio- oder Fernsehsendungen und Dokumentationen, Online-Konzerte und, wie ich hoffe, Opernproduktionen, die online verfügbar sind. Das Ende dieses Projekts bedeutet jedoch nicht, dass wir den Vorhang einfach mit den Worten schließen werden: „Mit dieser musikalischen Etappe enden wir für immer!“ Wir wollen auf jeden Fall weitermachen, wenn auch nicht mehr so intensiv und kompromisslos wie bisher.

Dieser Artikel erschien in der sechsten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag