Der älteste Berliner Hipster: “Auch in Berlin sieht man nicht viel Individualität. Menschen wirken wie eine Masse”

Extravagant, optimistisch und inspirierend. So ist der “Hipster-Opa” Günther Krabbenhöft, der zusammen mit seiner unzertrennbaren Freundin Britt Kanja ein kultiges Paar bildet, hinter dem sich dank deren Modestils buchstäblich ganz Berlin umdreht. In dem Interview fragten wir den 1945 geborenen Günther Krabbenhöf, was seine farbenfrohe Garderobe inspiriert und was er über die Mode der jungen Berliner meint.

Britt Kanja und Günther Krabbenhöft. Foto: Facebook / Britt Kanja.

Herr Krabbenhöft, wir haben in unserem tschechischen Online-Magazin einen Artikel über Sie, Britt Kanja und Ihren ausgeprägten Modestil veröffentlicht. Das war lange Zeit unser am meisten gelesener Artikel. Womit erklären Sie sich diesen großen Erfolg, hauptsächlich auch bei jungen Menschen?

Ich wundere mich ja auch immer wieder, weshalb viele unserer Fans eigentlich junge Leute sind. Ich denke, dass Britt und ich vielleicht untypische Exemplare sind. Was zeigt, dass man alt werden und gleichzeitig jung bleiben kann. Wir demonstrieren das mit unserem eigenen Stil und mit unserem eigenen Blick auf die Welt. Dadurch sind wir ganz nah am Lebensgefühl junger Leute und ich denke, das ist es, was uns authentisch erscheinen lässt. Dazu gehört unsere Lust, mit jungen Leuten zu feiern und auch an deren Gedanken und Interessen teilhaben zu können.

Viele Leute tragen gern schwarz, Ihr Modestil ist buntgemischt. Sie spielen mit Materialien, Farben, Accessoires. Ist Ihre eigene Welt damit reicher geworden?

Wichtig ist natürlich nicht die Farbe, die man nach Außen trägt, sondern die Vielfalt und die Buntheit, die in mir ist, in meinen Gedanken und in meinen Handlungen. Und na klar, die meisten jungen Menschen interessieren sich dafür: Was tragen meine Kumpels, was tragen angesagte Leute in der Öffentlichkeit? Und sie richten sich auch danach –da taucht auch viel Schwarz auf, weil man sich bei dieser Farbe sicher sein kann. Ich meine aber, ich bin anders als die anderen und wehre mich dagegen, im Mainstream mitzuschwimmen. Deshalb ist für mich jetzt wichtig, wo ich älter geworden bin, mit meiner bunten und farbenfrohen Kleidung in meinem Alltag und auch draußen mehr Energie und Farben unter die Menschen zu bringen. Bei schwarzer Kleidung haben die Leute oft einen traurigen Gesichtsausdruck, deshalb ist Bunt für mich die allerschönste Farbe.

Sie haben vor Kurzem Ihren 75. Geburtstag gefeiert. Viele würden sich Ihre Energie und Ihren Optimismus wünschen. Haben Sie dafür ein Rezept?

Ich weiß nicht, ob ich ein Rezept dazu habe, ich weiß nur, dass mein Leben endlich ist – und dann ist es doch einfach eine kluge Entscheidung, das, was ich am Leben noch habe, mit Spaß auszufüllen, statt traurig und mutlos in die letzten Jahre meines Lebens hinauszugehen. Und bis Schluss ist, möchte ich mein Leben mit Freude genießen. Ich schaue einfach optimistisch in die Zukunft: Mit guter Laune wird es so nicht unbedingt besser sein, und auch nicht schlechter. Aber mit Optimismus lässt es sich leichter leben.

Günther Krabbenhöft. Foto: Francesca Camilla.

Sie leben seit über drei Jahrzehnten in einer Hausgemeinschaft nahe der Admiralsbrücke, in einer angesagten Party-Location. Inwieweit hat Sie dieser Standort beeinflusst?

Oh mein Gott, wenn ich an manchen Sommerabenden dort stehe und die Menschen beobachte, die dort feiern und miteinander reden, schaue ich mir die Leute immer an. Und ich muss wirklich sagen, äußerlich gibt es selten Menschen, die mich inspirieren – wo ich sagen könnte, hey, der sieht auch interessant aus! Ich meine, jeder ist besonders, gar keine Frage, aber es zeigt sich so wenig Individualität, es existiert eine Menge, die ist äußerlich so gleich. Das bedauere ich sehr.

Party, Mode, Tanzflächen, Umarmungen, sehen und gesehen werden…. das alles liegt jetzt im Komazustand. Ihre Message für diese Zeit?

Also ich kann nur sagen: Das alles ist ganz wichtig. Am wichtigsten ist es, gesund zu bleiben, aber am allerwichtigsten sind Umarmungen. Ja, ich habe auch jetzt Nähe zu meinen Freunden und Menschen –  auch wenn ich Abstand halten muss –, weil die innere Verbindung oder die über das Netz keine Distanz kennt … das lässt sich machen. Aber dieses ungezwungene spontane Zusammentreffen, das vermisse ich sehr. Das Leben ist immer in Bewegung, nichts bleibt, wie es ist. Die Veränderung ist die einzige Konstante im Leben, aber es darf auch nicht zu lange dauern. Und dann müssen wir uns darüber austauschen, wie wir in dieser Zeit jetzt mit dem Virus leben können, und dass es Teil unseres Lebens ist und sein wird.

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