Ein Ausflug in die Welt der “globalen Galeristin” Esther Schipper

Mit Esther Schipper, einer der bedeutendsten Galeristinnen Europas, über eine große Vergangenheit und eine noch bessere Zukunft

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Spricht man über die Globalisierung in der zeitgenössischen Kunstwelt, ist die Berliner Galeristin Esther Schipper eine der kompetentesten Persönlichkeiten. Und das nicht nur in Deutschland. Nach ersten beruflichen Erfahrungen bei der prominenten Galeristin Monika Sprüth gründete Esther 1989 ihre eigene Galerie in Köln, die sie 1997 nach Berlin verlegte. Von Beginn an setzte sie den Fokus auf konzeptuelle Kunst aus aller Welt, wobei radikal experimentelle und zeitlose Werke vor allem im medialen Bereich überwiegen. 

Schon zu Beginn ihrer Karriere präsentierte sie ein bahnbrechendes Galerieprogramm, zu dem unter anderem Ausstellungen und Projekte von Angela Bulloch, Liam Gillick, Ugo Rondinone, General Idea, Philippe Parreno und Dominique Gonzalez-Foerster gehörten. Die Galerie vertritt gegenwärtig 45 Künstler, darunter die vorgenannten, aber auch innovative neue Künstler wie Rosa Barba, Simon Fujiwara, Jack Leirner und Etienne Chambaud.

Esther Schipper: „Beim Verkauf modernerKunst ist der persönliche Kontakt unersetzlich.“ Foto: Kristian Schuller

Können Sie sich noch an Ihre erste Ausstellung nach dem Umzug von Köln nach Berlin erinnern? Wie hat sich Ihr Ausstellungs- und Galeriekonzept seitdem verändert? Und wie hat sich die Kunstwelt im Allgemeinen in dieser Zeit verändert?

1997 zog die Galerie ganz nach Berlin um, aber schon Mitte der 90er Jahre hatte ich Räume in Köln und in Berlin, wohin nach der Wiedervereinigung viele Künstler umgezogen sind. Meine ersten Ausstellungen hatte ich in der Auguststraße, in einer alten Spirituosenfabrik. Es waren anspruchsvolle Projekte, auch für das Publikum. Um das Pinocchio-Video von Paul McCarthy, Pipenose Householddilemma, zu sehen, mussten die Besucher selbst ein Pinocchio-Kostüm anziehen. Ich erinnere mich auch noch gut an die hochemotionale Atmosphäre der Ausstellung Confessions von Julie Scher.  Diese Events waren wirklich epochal.

Ich war immer daran interessiert, Ausstellungen zu machen und nicht nur Kunsthändler zu sein. Während meines Studiums in Großbritannien und Frankreich traf ich junge Künstler, die sich wie ich mit großen geopolitischen und kulturellen Veränderungen auseinandersetzten. Von Anfang an war ich versucht, einen Markt für diese neuen Formen zu finden. Mich interessierten partizipatorische Projekte, die Interaktion zwischen Künstler und Publikum, Projekte, die mit der Dimension der Zeit arbeiten, Performance… und ebenso alles, wo neue Technologien zum Einsatz kommen. Diese Werke auszustellen und Sammler für sie zu begeistern, war für mich besonders spannend. Deshalb war es von Anfang an mein Ziel, die für die Galerie tätigen Künstler umfassend zu unterstützen.

Seit den 1980er Jahren, als ich anfing, hat sich alles verändert. Damals war Köln der wichtigste Ort für zeitgenössische Kunst in Europa. Die Kunstwelt war übersichtlich, und es gab weniger wirklich moderne Galerien als heute. Nach dem Jahr 2000 wurde das Galeriegeschäft zunehmend professionalisiert und globalisiert. 

Ihre Galerie repräsentiert verschiedene künstlerische Ausdrucksformen. Viele Ihrer Künstler arbeiten heute als Ingenieure und Forscher und nutzen unter anderem künstliche Intelligenz und virtuelle Realität. Welche anderen Fähigkeiten – neben dem Wissen über Kunst – müssen Sie als Galeristin erwerben, um zu verstehen, was Ihre Künstler schaffen? 

Ich habe mich schon immer sehr für den technologischen Wandel interessiert und mich mit den technischen Details der Arbeit meiner Künstler befasst, aber ich greife auch gerne auf das Fachwissen meiner Mitarbeiter zurück. Wir haben ein ganzes Team von künstlerischen Beratern, gerade weil die Interessen und Forschungsgebiete der Künstler, die unsere Galerie vertritt, so vielfältig sind und oft sehr spezielle Kenntnisse erfordern. Darüber hinaus verfügen wir über eine Forschungsabteilung, die umfassende Daten für unser gesamtes Team aufbereitet.

Kein Ausstellungsformat hat sich in den letzten Jahren so stark erweitert wie die Biennale. Die größte Kunstbiennale in Venedig ist zu einer Touristenattraktion geworden, die auch kunstfernes Publikum anzieht. Auf der diesjährigen 59. Biennale von Venedig präsentierten Ihre Galerie und Partnergalerien eine großartige Installation von Ugo Rondinone in der Scuola Grande di San Giovanni… 

Ich freue mich sehr, dass Ihnen die Ausstellung so gut gefallen hat. Zusammen mit fünf anderen Galerien des Künstlers haben wir seine neuesten Werke in Venedig ausgestellt. Als Hauptgalerie des Projekts haben wir ein Team aus internen und externen Mitarbeitern zusammengestellt, das die Ausstellung betreute. 

Trotz des erheblichen finanziellen Aufwands kann eine etablierte Galerie nicht auf die Teilnahme an Messen verzichten. Welche Kunstmessen sind für Sie obligatorisch? Ist Asien in diesem Sinne auf dem Vormarsch?  

Asien ist seit langem ein wichtiger Ort für uns. Wir nehmen seit vielen Jahren an regionalen Messen teil, und vor der ersten Art Basel in Hongkong im Jahr 2013 reisten wir häufig in den asiatisch-pazifischen Raum, um Künstler, Kuratoren und Sammler zu treffen. Anlässlich der Frieze Seoul und der KIAF haben wir Anfang September außerdem eine neue Zweigstelle in drei Etagen eines alleinstehenden Gebäudes in Seoul eröffnet.

Und welche ist Ihre Lieblingsmesse?

Seit meinem ersten Besuch im Jahr 1982 habe ich eine besondere Vorliebe für die Art Basel. Sie ist nach wie vor die „Grande Dame“ unter den Messen und die wirtschaftlich wichtigste Veranstaltung für uns. 

Wir nehmen jedes Jahr an etwa zehn bis zwölf Messen teil. Im Oktober werden wir an der Frieze London und an der Paris+ par Art Basel teilnehmen und zudem eine neue Galerie in Paris eröffnen. Im November finden drei Messen statt: Art Cologne, West Bund Art & Design in Shanghai, an der unser chinesisches Team teilnehmen wird, und Loop in Barcelona, die unser spanisches Team ausrichten wird. Und schließlich werden wir im Dezember wieder an der Art Basel Miami teilnehmen. 

Obwohl sich in den letzten zwei Jahren virtuell viel getan hat, haben die meisten Galerien spätestens bei der Art Basel in diesem Sommer erkannt, dass der persönliche Kontakt einfach zu wichtig ist und dass der Verkauf von zeitgenössischer Kunst mehr erfordert als Online-Besichtigungsräume und -Gespräche. Das reale Kunsterlebnis lässt sich durch nichts Virtuelles ersetzen. 

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