Meine guten Manieren

Zwischen Heimstätten, zwischen Tischen, zwischen Bestecken, zwischen Konfitüren und Suppen windet sich der Weg von Daniel Šmíd, einem tschechisch-deutschen Liebhaber der Etikette.

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Ich hatte das Glück, in mehreren ganz unterschiedlichen Familien buchstäblich „zu Hause“ zu sein. Das Wort „Zuhause“ und die Tätigkeit „zu Hause sein“ haben für mich eine etwas andere Bedeutung, als für viele Menschen in meinem Umfeld. Ich kenne allerhand Leute, die immer am selben Ort, im selben Haus, zwischen denselben Wänden leben. Ihr Zuhause ist so fest mit ihnen verbunden, und sie mit ihm, dass sie allein der Gedanke, diese beiden Welten könnten voneinander getrennt werden, erstarren lässt. 

Dieses Gefühl ist für mich absolut unvorstellbar. Mich zog es stets irgendwohin nach draußen, weg und an einen anderen Ort. Ich bin doch kein Baum, also kann ich mich bewegen und gehen. Jeder Raum ist mit einer bestimmten Atmosphäre, bestimmten Gefühlen verbunden, die mehr als andere wahrgenommen werden. An einem Ort fühlt man sich deprimiert, freudlos und bedrückt, ein anderer erweckt unerwartete Gedanken und man spürt Freude, Sanftheit und ein Gefühl, das man „Geborgenheit“ nennt. Ins Tschechische nicht wortwörtlich übersetzbar. Ich muss aber keine Gefühle vom Deutschen ins Tschechische übersetzen. Die Sprache kann sie besser ausdrücken. 

Verzeihen Sie bitte die Plastizität meines Gedächtnisses und die Ungenauigkeit meiner Erinnerungen. Sie tendieren nämlich dazu, sich auf einige markante zu beschränken, und für solche, die weniger mit Gefühlen und Gerüchen verbunden sind, bleibt kein Platz mehr. Woran ich mich aber genau erinnere, sind die sonntäglichen Mittagessen. Auf einem ovalen Tisch, der selbst zusammengeklappt geradezu riesig anmutete, war ein weißes Damast-Tischtuch ausgebreitet, dessen Zipfelspitzen fast den Perserteppich berührten, auf dem der Tisch stand. Diagonal über das Tischtuch wurde ein kleineres quadratisches Tischtuch platziert, das an den Ecken oft recht kunstvoll mit weißem Garn bestickt war. Heute würde ich Napperon schreiben, aber damals hatte ich keine Ahnung von der Existenz dieses Wortes. Vier Stühle boten uns, der Familie, eine feste Sitzordnung. Ich kann mich nicht an eine Erklärung ihres Prinzips erinnern, aber es entsprach meiner Meinung nach der heutigen Interpretation der gesellschaftlichen Etikette. Papa saß mit Blick auf den Ess- und Wohnbereich, hinter ihm eine große Kommode mit vier Türen. Mama saß der Küche am nächsten und hatte durch die Fenster und Balkontüren gleichzeitig einen Blick auf einen riesigen Walnussbaum. Bis heute liebt sie das Grün und den Blick in die Natur. Im Glasschrank hinter ihr standen alte Porzellantassen mit den dazugehörigen Untertassen und kleine Statuetten, die sie regelmäßig von Papa geschenkt bekam. Und auch Gläser. Meine Schwester saß ihr gegenüber. Mein Platz war mit dem Rücken zum Raum, meinem Vater zugewandt.

NICHT OHNE Petersilienblätter

Der Höhepunkt des sonntäglichen Mittagessens war für mich die Suppe in der Terrine. Die Teller mit fast einem Zentimeter breiten Goldrand wurden so angeordnet, dass auf dem flachen Teller der Suppenteller stand. Zwischen ihnen lag eine Papierserviette. Die Terrine wurde in der Nähe von Papa aufgestellt, und wenn ich mich recht erinnere, trug er dann jedem, der mit einem Teller zu ihm kam, auf. Ja, der Tisch war so groß, dass es unmöglich war, den Familienmitgliedern die Suppe aufzutragen, ohne aufstehen zu müssen. Fein geschnittene Nudeln, dünn wie Haarsträhnen, hingen an einer Edelstahlkelle, bis sie zusammen mit der Brühe, oft mit Leberknödeln und Gemüse, auf dem Teller landeten. Mit Dank und nachdem wir uns vergewissert hatten, dass wir genug auf dem Teller hatten, trugen wir sie zu unserem Sitzplatz. Das war buchstäblich eine Zirkusnummer für uns Kinder, die gern viel Suppe aßen und  ihre Bewegungen nicht so perfekt beherrschten, dass die Suppe auch an dem für sie vorgesehenen Platz blieb. Aber wir hatten das Vertrauen unserer Eltern.

Bevor wir mit dem Essen begannen, beteten wir mit gefalteten Händen. An den genauen Wortlaut des ganzen relativ kurzen Gebets erinnere ich mich heute nicht mehr. Ich weiß aber noch, dass meine Schwester und ich es mit zur Suppe gebeugtem Kopf „murmelten“ und den Worten der Eltern zuvorkamen, bloß um schon mit dem Essen beginnen zu können. 

Ich kann mich nicht entsinnen, dass irgendwelche Getränke auf dem Tisch standen, schließe aber nicht aus, dass Papa ein Glas Bier trank. Entweder meine Schwester oder ich, wahrscheinlich je nachdem, wer an der Reihe war, sammelten dann die Suppenteller ein und trugen sie zur Spüle in der Küche. Wie Reis, Bratensoße und geschmortes Fleisch oder Dillsoße mit Knödeln und Eiern auf die Fleischteller gelangten, die wir nicht anders als flache Teller nannten, weiß ich nicht. Relativ oft gab es auch Kartoffelpüree mit Hackbraten oder Frikadellen. Beide Eltern legten großen Wert darauf, dass der Teller gepflegt mit Petersilienblättern dekoriert oder ihrer fein gehackten Variante bestreut war. Meistens waren wir Kinder es, die dafür sorgten, dass die Petersilie vor dem Mittagessen in die Küche kam. Im Sommer und Winter haben wir sie im Garten hinter dem Haus gepflückt. Sie überwintert ja unter dem Schnee. 

Mea culpa

Erwähnenswert ist auch unsere Kleidung beim Sonntagsessen, die im Vergleich zum Alltag außergewöhnlich war. Das lag aber nicht nur an dem Mittagessen selbst. Der Sonntagmorgen war dem Besuch des Gottesdienstes vorbehalten. Manchmal begann er schon früh, vor neun, an manchen Sonntagen später, gegen zehn. Für uns Kinder bedeutete das allerdings ein verkürztes Programm der Kindersendung Studio Kamarád, dafür aber einen verlängerten Prozess des Ankleidens für die Kirche. Ich weiß noch, dass ich eines meiner beiden hellen Hemden gewählt habe, damit sein Kragen unter dem schwarzen Kragen, den ich als Ministrant auf dem weißen Gewand, dem Rochett, trug, sichtbar war. Ich wollte darin wie ein Priester aussehen. Meine graue Hose mit Bügelfalten war unter dem schwarzen Rock nicht zu sehen. 

Daniel Šmíd spricht und schreibt über moderne Gentlemen und die Pflege der Männerkultur in unserer Gesellschaft.

Zu Tisch setzten wir uns so gekleidet, wie wir aus der Kirche kamen. Meine Mutter und meine Schwester, die mit der Zubereitung des Mittagessens beschäftigt waren, trugen über ihrer Sonntagskleidung Schürzen mit Latz, die sie dann ablegten. Sie und wir „Männer“ setzten uns also sehr gepflegt zum Mittagessen.  

Als Kinder haben wir uns abgeschaut, wie man das Besteck, oder besser gesagt, Gabel und Messer, falsch hält. Wir haben gelernt, sie wie Bleistifte mit offenen Handflächen zu halten. Wie man das Besteck richtig hält, habe ich erst zwölf oder fünfzehn Jahre später gelernt. Das war aber auch schon fast alles an inkorrektem Benehmen. Beim Essen haben wir nicht geredet, niemand hat geschmatzt oder geschlürft, und wenn etwas von der heißen Suppe daneben „kleckerte“, entschuldigte man sich. Gewöhnlich benutzten wir das Universalwort „Pardon“ als Entschuldigung für alles, was daneben ging, nicht nur bei Tisch. Von Zeit zu Zeit fügte Vater das Wort „mea culpa“ hinzu, um sein Missgeschick theatralisch zu machen. 

Bis ich in meinen deutschsprachigen Heimstätten andere Erfahrungen gemacht habe, gehörte Butter für mich zu den Speisen, die ihren Platz im Kühlschrank haben. Ich erinnere mich, dass sie in spezielles Papier mit einer Art silbriger Beschichtung eingewickelt war. Wenn Butter bei der Zubereitung von Jausen, Frühstück oder Abendessen verwendet wurde, verließ sie nie die Küche. Ganz anders als bei der späteren Handhabung dieses Produkts. Analog galt das für Marmeladen, Honig oder Konfitüre. Sie blieben in der Küche.

Ich erwähne das in diesem Beitrag, weil ich diese Gepflogenheit für den ersten und bezeichnenden Unterschied zwischen meinem tschechischen und meinem deutschsprachigen Zuhause halte. Ein paar Zeilen weiter werde ich das noch eingehender beleuchten. 

Die Zeit des gebogenen Löffels 

Lassen Sie mich mein in der Reihenfolge viertes und fünftes Zuhause erwähnen, und zwar das Internat und dann, nach dessen unfreiwilligem Verlassen wegen jugendlichen Fehltritten, das private. Beide trugen nicht gerade dazu bei, meine Tischmanieren zu kultivieren. Ich bin sicher, dass sie genau das Gegenteil bewirkt haben, und dass einiges, was ich zu Hause für Usus hielt, wie ein Kartenhaus eingestürzt ist. Ihren „Verdienst“ daran hatten zweifelsfrei die Aluminiumgabeln und -löffel, die Messer mit schwarzen Plastikgriffen und die gelegentlich ramponierten Teller und Tassen im Speisesaal des Internats. Die Tischdecken aus Kunststoff auf den Gipskartontischen und das Klirren der Metallstühle, wenn sich einer der hundert Gäste an den Tisch setzte oder von ihm aufstand, sorgten natürlich auch dafür, dass die Etikette bei Tisch zu wünschen übrig ließ. 

Jede Erfahrung ist wertvoll. Wie wertvoll sie ist, zeigte sich beim Essen in der Zeit meines Wehrdienstes, der mir in der Abfolge zwei weitere Zuhause bescherte. Bitte fragen Sie nicht nach dem Verhalten beim Essen im Speisesaal, der dreimal täglich mehr als 800 hungrige Männer unterschiedlicher körperlicher Konstitutionen und Gerüche fasste. Um Ihnen jedoch zumindest eine kleine Vorstellung von der Qualität des Essens zu vermitteln, möchte ich hinzufügen, dass die  Besteckteile aller, mich eingeschlossen, auf eins reduziert war. Den Löffel. Diejenigen, die sich ihren eigenen rostfreien in einem Paket von zu Hause schicken ließen, hüteten ihn wie den Augapfel. Wer keinen oder ihn „verloren“ hatte, war froh, einen aus Aluminium zu haben. Die Löffel wurden nicht zurückgegeben. Wir machten am Griff einen Haken und steckten ihn entweder in den Schuh oder eine Tasche. Wenn er nicht gebraucht wurde, lag er im Nachttisch.

Wie man die Gabel benutzt 

„Wie hältst du denn das Besteck? Wie ein Affe“, sagte meine österreichische Verlobte bei einem unserer ersten Dates zu mir, kurz nachdem uns das Essen gebracht worden war. „Ich denke, so ist es richtig“, und sie zeigte mir ihre winzigen Händchen, die mit dem Rücken nach oben gedreht waren und beide Besteckteile in ihrer Handfläche hielten, eben auf weibliche Art. Ich schaute auf meine, dann wieder auf ihre und probierte es so, wie sie es mir zeigte. Ich hatte keine Gelegenheit, ihre Behauptung sofort zu überprüfen, sah aber keinen Grund, darüber zu diskutieren. Dass sie Recht hatte, merkte ich ein paar Minuten später, als die Leute am Nebentisch ebenso zu essen begannen wie sie. Erst mehr als ein Jahrzehnt später habe ich mich mit eigenen Augen davon überzeugt, dass mehr als 80 Prozent unserer Nation, vielleicht die einzige, die ich bis dahin kannte, das Besteck falsch hält. 

Für ganze acht Jahre lang wurden fünf verschiedene Wohnstätten mein Zuhause unter den Alpenriesen. Und in ihnen habe ich das eingeführt, was ich in Bezug auf das Tafeln aus heutiger Sicht für ein absolutes Muss halte. Nach dem Vorbild meiner Tanten aus Vagen bei Regensburg und München (ich habe Ihnen noch nicht gesagt, dass meine Mutter Deutsche ist?) habe ich die Butter zum Frühstück in einer Porzellanbutterglocke und Konfitüre oder Marmelade in „Weckgläsern“ mit Metallschnappdeckel serviert. Die Wurst- und Käsesorten, die ich damals zum Frühstück aß, wurden einladend auf Edelstahltabletts hergerichtet, damit sie sich auf ihnen exzellent widerspiegelten, bis sie verspeist wurden. Der Inbegriff des sozialistischen Kaffees, türkischer Kaffee, d.h. gemahlener Kaffee Jihlavanka, der mit kochendem Wasser übergossen wird, hatte nicht die geringste Chance, das Jahr 1990 auf meinem Tisch zu überleben, und wurde damals durch die über Melitta-Filter gelaufene Version ersetzt, die dann in eine schöne erhitzte Kaffeekanne gegossen wurde.

Die Etikette bei Tisch auf einem gehobeneren Niveau hat in meinem einstigen und künftigen Zuhause ihren Platz erhalten, und ich habe nicht die Absicht, daran etwas zu ändern, auch nicht aufgrund der Gewissheit eines weiteren Umzugs. Umgangsformen. Ich bin mir ganz sicher, dass die deutschsprachige Welt die in der Kindheit erworbenen Kenntnisse positiv beeinflusst und neue hinzugefügt hat. Manieren. Ein einfaches Wort, das aber auch alleinstehend seine Wirkung auf das Verhalten und die Handlungen in Gegenwart anderer hat. Ich habe und möchte andere Umgangsformen haben. Ich möchte andere „Manieren“ haben und beibehalten, als die, die ich durch persönlichen Vergleich und Wertung ablegen konnte. 

Daniel Šmíd spricht und schreibt über Umgangsformen und Kleidung. Seine Leidenschaft sind Herrenkleidung, die Regeln für einen modernen Gentleman und die Kultivierung der Männer in unserer Gesellschaft. Er ist aktiver Publizist. Mehr als 100 seiner Beiträge sind bereits in Print-Magazinen erschienen. Zudem ist er Autor von drei Büchern. Im Jahr 2020 erschien Smart Casual, das erste tschechische Buch über Herrenkleidung, mit einem Vorwort vom deutschen Autor des weltberühmten Bestsellers Gentleman Bernhard Roetzel. In seinem 2021 erschienenen Buch Etiketa domácí reflektiert er über 80 Themen und Situationen, die das Leben in der Familie, zu Hause und beim Treffen mit Freunden begleiten. Mehr über ihn und seine Arbeit erfahren Sie unter www.danielsmid.cz 

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