Warum Nachhaltigkeit nicht nachhaltig ist

Deutschland, und damit Europa, sind angeblich im Niedergang begriffen. Und ist das nicht eigentlich in Ordnung? fragt unser ständiger Beiträger, der tschechisch-deutsche Coach und Schrift­­­steller Jan Bílý, in seinem Essay.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Proč je udržitelnost neudržitelná

Die Welt unterliegt jenem uralten Zyklus, den die Menschen schon von Anbeginn  der Geschichte kannten. Einem Zyklus, den man entweder mit vier Phasen (Morgen, Mittag, Abend und Nacht) oder auch etwas esoterisch, nach Adam Weishaupts sogenanntem Gesetz der Fünf, als Verwirrung, Zwietracht, Chaos, Beamtenherrschaft und Nachwirkung beschreiben kann. 

Eine zersplitterte Welt

Ja, Europa und Deutschland scheinen sich in der Spätabendphase zu befinden, der Zeit des Alters, in der die selbstzerstörerischen Kräfte stärker sind als die selbstverteidigenden. Es ist eine Zeit, in der die Gesellschaft nicht nur polarisiert ist, zum Beispiel in Arme und Reiche, die herrschende und beherrschte Klasse, sondern sich in einem Zustand der Zersplitterung in unzählige Gruppen und Grüppchen, in „Blasen“ befindet, die nur durch eine Flut von Vorschriften und Verordnungen zusammengehalten werden. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Regierung von Beamten, die in ihrem Wirkungskreis versuchen, das sich anbahnende Chaos durch oft unsinnige Dekrete in erträglichen Grenzen zu halten. Betrachtet man solche zyklischen Entwicklungen als unbeteiligter Außenstehender, kann keine Phase als gut oder schlecht bezeichnet werden. Eine andere Perspektive bietet sich jedoch, wenn wir das Geschehen aus dem Inneren der Gesellschaft betrachten, als Menschen, die in den Phasen der Entwicklung leben und ihr Leben so individuell und frei wie möglich gestalten wollen.

Bei Rot die Straße überqueren

Als ich 1976 als Emigrant aus der damals tiefsten Phase des Niedergangs der Tschechoslowakei, der sogenannten „Normalisierung“, nach Deutschland kam, fühlte ich mich wirklich frei. Deutschland befand sich damals zwar schon am Rande eines eskalierenden Kampfes zwischen dem Establishment und den Linksextremisten (der im RAF-Terrorismus als einer Phase der Zwietracht gipfelte), aber der Staat mischte sich nicht annähernd so stark in das Leben der Menschen ein wie heute. 

Ich führte dieses freie Klima auf den noch immer nachhallenden Schock durch den Untergang des Nationalsozialismus und den damit verbundenen verlorenen Krieg sowie das Scheitern der faschistischen Ideologie von „Recht und Ordnung“ zurück. Die individuellen Freiheiten wurden hoch geachtet und die Bemühungen, das Denken der Menschen zu beeinflussen und zu kontrollieren, waren begrenzt. 

Mein im Kern anarchistisches Herz freute sich über so einfache Dinge wie z.B. meine Entscheidung, ob ich die Straße bei „rotem Ampelmännchen“ überquere. Ich war frei und so entschied ich mich nach der jeweiligen Situation (ist die Straße frei?) und nicht nach dem Gehorsam (das soll man nicht!). Als jemand, der gerade der „Beamtenherrschaft“ entkommen war, d.h. einer Gesellschaft, die von einer „Beamten“-Kaste (d.h. den Kommunisten) beherrscht wurde, schien es mir, dass in der BRD die Legitimität des Handelns Vorrang vor der Legalität hatte. Das heißt, die „Normalität“ steht über „dem Gesetz“. Wenn ich heute zu Besuch nach Deutschland komme, habe ich das Gefühl, dass niemand mehr eine menschenleere Straße bei „rotem Ampelmännchen“ überquert. Alle warten gehorsamst.

Der Beamte schlägt zurück

Dieser glückselige Zustand eines hohen Maßes an Freiheit wird vermutlich in keinem Staat lange anhalten, denn jeder Staat (d. h. seine Beamten) strebt nach Kontrolle. In totalitären Gesellschaften geschieht dies durch brachiale Macht, in demokratischen Gesellschaften durch die Veränderung des gesellschaftlichen Narrativs – d. h. dessen, was allgemein als „richtig“ angesehen wird. 

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Dass dies nicht immer moralisch ist oder mit der Verfassung oder den grundlegenden Menschenrechten übereinstimmt, ist offensichtlich. Dieses gesellschaftliche Narrativ wird nicht nur von „oben“, d. h. von Politikern und der Regierung, geschaffen, sondern auch mit Hilfe derjenigen, die die Gesellschaft über Medien, Fernsehen, Radio, Presse und Internet beeinflussen. In den Vordergrund tritt eine ideologisch gefärbte Interpretation der Realität, die zu prinzipientreuen Entscheidungen führen, die sich in der Praxis dann oft als kontraproduktiv erweisen.

Eine solche ideologisch gefärbte Entscheidung war meines Erachtens z. B. die übereilte Abschaltung aller deutschen Atomkraftwerke. Derartige Entscheidungen bewirken dann Krisen, die wiederum zu weiteren Regulierungsversuchen durch immer neue „Vorschriften“ führen. 

Gute Nacht

Ich würde mich gern irren, aber ich denke, dass wir als „Kinder der westlichen Welt“ Niedergang und Nacht vor uns haben. Und dann hoffentlich eine Art Wiedererwachen zu einem neuen Zyklus. Leider müssen wir uns wohl durch diese „Nachwirkungen“ kämpfen, also die letzte Phase des fünfteiligen Zyklus (Grummet), um zu diesem neuen Morgen zu gelangen. Unter diesem Gesichtspunkt ist der heute in Mode gekommene Begriff „Nachhaltigkeit“ völlig irreführend, denn nichts ist jemals nachhaltig, alles ist der Entwicklung unterworfen. Im Gegenteil, der Versuch, etwas zu „erhalten“, führt zu immer größeren Spannungen, die zu weniger Flexibilität und schmerzhafteren Prozessen führen, wenn wir „loslassen“ müssen.

Mir scheint, dass die letzte Phase der Entwicklung, die immer der Auftakt zu einem neuen Zyklus ist, uns eher dazu führen wird, alle Ideologien aufzugeben. Sie wird zum Scheitern großer Projekte und zum langsamen Abgleiten der staatlichen Kontrolle führen. Ich glaube zum Beispiel nicht daran, dass neue und neuartige Technologien uns retten werden. Ich glaube nicht an Elektroautos, die andere wertvolle Ressourcen verbrauchen. Ich bezweifle die Wirksamkeit restriktiver Regeln und Vorschriften, und die „Genügsamkeit“, die oben von denen empfohlen wurde, die von beträchtlichen öffentlichen Geldern leben und von einem Gipfel zum anderen fliegen, halte ich für lächerlich. Ich fürchte, dass die Eliten, wenn es überhaupt noch Eliten gibt, sich so weit vom „normalen Leben“ entfernt haben, dass sie es nicht mehr beeinflussen können.

Warten wir auf Orwell?

Viele Menschen haben bereits den Verdacht, dass Politiker und politische Parteien nicht in der Lage sind, etwas wiedergutzumachen – dass sie die Gesellschaft lediglich (und immer schlechter) verwalten, anstatt sie zu führen. Die Antwort darauf ist die Bildung kleiner Gemeinschaften außerhalb der Großstädte, eine wachsende Zahl von Menschen, die die Massenmedien ignorieren, und ein noch nie dagewesenes Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Institutionen. Wenn ich diese Entwicklung mit physikalischen Begriffen beschreiben sollte, würde ich sagen, dass die Entropie im Alter zunimmt. Es ist aber auch möglich, dass sich der STAAT zu einem letzten Versuch der totalen Kontrolle erhebt (denn er wird behaupten, dass der Planet nur so gerettet werden kann) und das einführt, was Orwell voraussah. Wie relativ einfach das ist, zeigen nicht nur China und Russland. Ich hoffe aber, dass es gerade in Deutschland, das in dieser Hinsicht über große Erfahrung verfügt, Kräfte gibt, die diese totalitäre Entwicklung verhindern werden.

Dieser Artikel erschien in der fünfte Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

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