Die Weisen unter der Brücke – Europäisches Festival der Philosophie in Velké Meziříčí

Velké Meziříčí ist eine kleine Stadt in der Region Vysočina und die nächste Universität (in Brno) ist 50 Kilometer entfernt. Und doch kommen jeden Sommer Professoren aus ganz Europa hierher. Zum Europäischen Festival der Philosophie. Nebenbei bemerkt kooperiert die Stadt mit Hannover in Niedersachsen.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Moudří pod mostem – Evropský festival filosofie ve Velkém Meziříčí

Als wir unseren italienischen Kollegen unsere Idee eines philosophischen Festivals vorstellten, benutzte ich den Begriff ‘Klein Mesopotamien’ für unsere Stadt zwischen zwei Flüssen. Der Hinweis auf eine der Wiegen der Zivilisation gefiel ihnen“, schmunzelt Milan Dufek, der Gründer und Leiter des Festivals, im Interview mit N&N. 

Velké Meziříčí, eine Stadt mit einem Panorama, das von einer Autobahnbrücke überspannt wird, ist für das Festival der Philosophie in der Tat der vorzüglichste Ort. „Wir kehren eigentlich zu unseren Wurzeln zurück. Schon 1578 ließ die Adelige Alena Meziříčská hier einen Renaissance-Palast – die Nachbildung eines Gebäudes in Florenz – errichten, in dem am lutherischen Gymnasium erstmalig in den Ländern der Böhmischen Krone Philosophie gelehrt wurde.“ 

Mehr als 400 Jahre später macht das Festival der Philosophie Velký Meziříčí wieder zu einer Stadt der Bildung. Jedes Jahr strömen die Menschen aus der breiten Umgebung zu dieser in ihrer Art einzigen Veranstaltung. Es ist nicht nur ein philosophisches, sondern auch ein kulturell-philosophisches Ereignis. Hier treten ansässige Amateurkünstler, Studenten und Schüler auf, so dass auch Eltern mit ihren Kinder in den Innenhof des hiesigen Schlosses kommen können. Vor der Pandemie lag die durchschnittliche Besucherzahl bei etwa fünftausend Menschen. Die Hauptattraktion sind jedoch die Vorträge.

Philosophie ist in allem

„Ich sage gern, dass Philosophie in allem steckt, was wir tun, in der Wirtschaft und im Privatleben. Lassen wir den Konsum für sieben Tage beiseite und hören wir uns etwas an. Denken wir darüber nach, was wir gerade durchleben“, sagt Dufek. Jedes Jahr hat ein Thema, und dieses Jahr, bereits das siebzehnte, steht unter dem Motto „Lokal und global“.

Die Säle des Schlosses und die Zentren des Geschehens im Jupiter Club dienen gleichzeitig als „neutraler Boden”, auf dem selbst gegensätzliche Ansichten aufeinander treffen können. „Wir haben auch Beziehungen zwischen der Region Vysočina und der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik vermittelt, die Kontakte an Orten sucht, an denen es keine Universitäten gibt. Und manchmal entschärfen wir auch die Rivalität zwischen Prag und Brno“, lacht Dufek. Nicht selten war er Zeuge, dass sich verfeindete Kontrahenten zum Frühstück getroffen und die Dinge geklärt haben. „Manchmal stellen sie im persönlichen Gespräch fest, dass ihre Ansichten gar nicht so unvereinbar sind, wie sie dachten“, stellt er lobend fest.

Die Zusammenarbeit zwischen Velke Meziříčí und dem niedersächsischen Hannover begann bereits 2008, als die dortige Leibniz-Universität ihr Philosophie-Festival veranstaltete und deutsche Wissenschaftler nach Tschechien reisten, um sich inspirieren zu lassen. Später hielten mehrere Redner aus Hannover Vorträge in Velke Meziříčí, und im Gegenzug dafür reisten Gäste zu Besuchen nach Deutschland. „Wir waren dabei, als Tomáš Sedláček mit seiner Ökonomie von Gut und Böse dort zum Buch des Jahres gekürt wurde.“

Mit der Zeit kamen immer mehr Gäste aus aller Welt. „Wir sind keine Universitätsstadt, wir haben hier keine Mitgliederbasis wie beispielsweise in Modena, Italien. Dort finden die Vorlesungen auf dem Marktplatz statt, und der ist immer voll. Aber umso interessanter ist es hier für die Gäste, die Menschenmögen die ruhige Atmosphäre.“ Josef Krob, ehemaliger Dekan der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität und Mitorganisator, brachte es einmal auf den Punkt, als er sagte „Leute, wir machen wahrscheinlich einen guten Job, wenn wir den Akteuren nicht mehr hinterherlaufen müssen, sondern sie von allein kommen.“

Studenten, kommt zu uns

Wie bereits erwähnt, lautet das diesjährige Thema “Lokal und global“. Das Festival läuft vom 1. Juni bis zum 7. Juni, wobei das Programm Freitag und Sonnabend von morgens bis abends einfach immens sein wird. In den Vortragsblöcken werden namhafte Intellektuelle wie Magda Vašáryová, Václav Bělohradský, Tomáš Sedláček, Daniel Prokop und Petra Gümplová auftreten. „Die Vorträge finden im Speisesaal des Schlosses statt, der in ein philosophisches Café umgestaltet wurde – Tische, Kaffee und Buchteln – und Platz für bis zu hundert Personen bietet. Außerdem stehen uns die Räumlichkeiten des Jupiter-Clubs, also der große Saal und der Kinosaal, für Vorträge zur Verfügung“, so Dufek.

Neu ist ein interaktiver Block für zweihundert Grundschüler der sechsten Klasse zum Thema Ökologie, der in einen Vortrags- und einen praktischen Teil unterteilt ist. Mit jungen Menschen hat Dufek bereits Erfahrungen. „In drei Jahrgängen haben wir das Projekt „Wie siehst Du das“ durchgeführt, bei dem die Studenten einen Aufsatz zum Thema geschrieben und laut darüber nachgedacht haben. Herr Bělohradský war begeistert, was das für ein tolles Studienmaterial sei und hat die Arbeiten behalten“, lacht der Leiter.

Es ist jedoch nicht immer ganz einfach, junge Leute zu gewinnen, gibt er zu. „Studenten der philosophischen Fakultät haben mir bei einem Glas Bier gesagt, dass es für sie ideal wäre, wenn sie für ihre Teilnahme ein paar Punkte für die Schule bekommen könnten. Das ist uns bislang aber nicht gelungen“, bemerkt er. Aber er gibt den Kampf um die junge Generation auf keinen Fall auf.

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