Fabularium

Wo tschechische Kinder in Berlin ihre Muttersprache wiederbeleben

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Ein tschechisches Künstlerinnentrio bietet in Berlin einen kreativen Sprachworkshop für Kinder an. In den Fabularium-Workshops zeichnet, singt und animiert der Nachwuchs von gemischten oder tschechischen Paaren und verbessert dabei sein Tschechisch. Das Ergebnis ist ein Animationsfilm, der in professioneller Postproduktion entstanden ist. Für die Zukunft wünschen sich die Tutoren eine Buchveröffentlichung und eine Wanderausstellung in tschechischen Zentren.    

Nach einem Jahr Coronavirus stellte das befreundete Trio aus Berlin, die Musikerin Eva Jamníková, die Schriftstellerin Dora Kaprálová und die Filmregisseurin Nataša von Kopp, fest, dass sich die Familien, mit denen sie sich in ihrer Nachbarschaft angefreundet hatten, völlig aus den Augen verloren hatten. Und sie beschlossen, dieser Folge der Pandemie mit einem Sprachworkshop Abhilfe zu schaffen.  

Ursprünglich sollte es sich um eine Lehrwerkstatt handeln, aber das Büffeln von Wörtern, die von den üblichen   Rechtschreibregeln abweichen, oder der Grammatik entsprach nicht den Vorstellungen des Gründungstrios. „Uns schwebte eine Interessengruppe vor, in der sich Kinder treffen und die Sprache spielerisch, durch künstlerisches Schaffen und die damit verbundenen Erfahrungen lernen würden“, beschreibt die Geigerin und Musiklehrerin Eva Jamníková die Vision des Kulturvereins für tschechische Kinder in Berlin. 

Im Fabularium, wie die Tutoren ihre Plattform für kreatives Lernen nennen, produzieren sie derzeit mit den Kindern einen spielerischen Animationsfilm zum Thema Johann Amos Comenius. Auf YouTube ist aber schon jetzt ihr kurzer Animationsfilm Bubáci a dušičky vom Herbst letzten Jahres zu sehen. In  einer Reihe von kurzen Animationsgeschichten, die den „Butzemännern“ gewidmet sind, präsentiert eines der Mädchen im Film beispielsweise einen „blutigen Hasen“. Die kleine Künstlerin versichert in der Geschichte mit der Gestalt des Nagetiers, das ein Loch im Ohr hat, dass der Hase ein Freund ist, der den guten Menschen nichts tut. Ein anderes Kind beschäftigt sich mit „Freunden der Butzemänner, die in Deutschland Gebäude fressen“, und ein anderes erzählt die Geschichte von Gespenstern, die Kindern Hamburger stehlen. Der Gespensterbande hat sich auch ein Butzemann angeschlossen, der alle Menschen in einer kleinen Stadt getötet hat und dem seine Freunde dann fehlten“. 

„Uns schwebte eine Interessengruppe vor, in der sich Kinder treffen und die Sprache spielerisch, durch künstlerisches Schaffen und die damit verbundenen Erfahrungen lernen würden“, beschreibt die Geigerin und Musiklehrerin Eva Jamníková die Vision des Kulturvereins für tschechische Kinder in Berlin. 

Das Interesse der Kinder an den Beweggründen ihrer „Butzemänner“ ist nicht rein zufällig und spiegelt weitere Ambitionen wider, die Fabularium hat. „Es ging uns darum, unsere Butzemänner ans Licht zu bringen, sie kennen zu lernen und vielleicht sogar Freundschaft mit ihnen zu schließen. Wir alle haben nämlich irgendwelche Butzemänner, vor denen wir aber, wenn wir sie ein bisschen kennen, keine Angst haben müssen“, beleuchtet Eva Jamníková den Ansatz und fügt hinzu, dass den Kindern die Erinnerung an den Moment, in dem sie sich über ihre eigenen Ängste lustig gemacht haben, helfen kann, ihre Ängste künftig zu überwinden.

Die Workshops werden von Eva Jamníková, Dora Kaprálová und Nataša von Kopp einmal im Monat an Wochenenden organisiert. Es handelt sich um thematische Zyklen, wobei jedem Thema 4 Monate vorbehalten sind. Da sie neu eine kleine und eine große Gruppe eingeführt haben, widmen sie sich ihnen gemeinsam ein Wochenende im Monat.

Der Fabularium-Workshop nimmt Kinder aus allen Familien auf. Sie müssen lediglich ein wenig Tschechisch können und in Berlin leben. Die meisten kommen aus gemischten tschechisch-deutschen Familien, aber es sind auch Kinder tschechischer Familien darunter, die in Berlin in die deutsche Schule gehen, so dass sie ihre Muttersprache unter der Woche von 8 bis 16 Uhr kaum sprechen. Zu der Gruppe gehört auch ein Geschwisterpaar, das an der Metropolitan School in Berlin in der englischen Sprache unterrichtet wird und zu Hause Tschechisch spricht. „Bei ihnen ist der Wechsel von einer Sprache in die andere völlig automatisch“, berichtet Jamníková. 

Analog wie in Familien bei der zweisprachigen Erziehung die Regel gilt „ein Elternteil, eine Sprache“, antworten auch die Künstlerinnen von Fabularium den Kindern, die manchmal ins Deutsche wechseln, immer nur auf Tschechisch. Einige Kinder haben einen größeren Wortschatz in Tschechisch, andere wiederum in einer anderen Sprache. Sie lernen sowohl von den Tutoren, die ihnen bei der Wortfindung helfen, als auch voneinander, was die Kinder motiviert. 

Es mag überraschen, dass die Unterschiede in den Tschechisch-Kenntnissen nicht darauf zurückzuführen sind, ob die Kinder aus gemischten oder tschechischen Familien stammen. Die Tutoren haben festgestellt, dass Kinder im Alter von etwa 12 Jahren, aber auch schon früher, leicht das Interesse an ihrer Muttersprache verlieren, wenn sie diese beispielsweise nur mit ihrer Mutter sprechen. „Alle ihre Freunde sprechen Deutsch, warum sollten sie also Tschechisch sprechen, außerdem in einer Zeit, in der sie in die Pubertät kommen und nicht wie ihre Mutter sprechen wollen“, versetzt sich Jamníková in ihre Lage, die viele Fälle kennt, in denen Kinder tschechischer Eltern überhaupt nicht Tschechisch sprechen. Ihre Eltern ziehen es vor, mit ihnen zu Hause Englisch oder Deutsch zu sprechen.      

Die Phantasie ihrer kleinen Schützlinge müssen die Frauen nicht sonderlich anregen. Das Wichtigste für die Tutoren ist jedoch eine sorgfältige Vorbereitung und nach den Workshops die Nachbearbeitung, d. h. etwa zwei Wochen lang Treffen im Studio. „Das läuft bereits ohne die Kinder ab und wir freuen uns über das Material, das wir gemeinsam geschaffen haben. Ein wichtiger Teil unserer Workshops ist nämlich auch das Ergebnis – und das sollte ein Film sein, auf den die Kinder stolz sein werden“, sagt Nataša von Kopp. 

Die Fabularium-Workshops werden künstlerisch von drei in Berlin lebenden Künstlerinnen geleitet: Die Geigerin und Musikpädagogin Eva Jamníková befasst sich mit Elementarer Musik- und Bewegungspädagogik, einer Disziplin, die sie an der Universität der Künste Berlin studierte. Außerdem studierte sie Violine an den Universitäten in Dresden und Graz. Die Regisseurinund Fotografin Natasha von Kopp macht dokumentarische Kunstfilme, darunter den preisgekrönten Dokumentarfilm über Miroslav Tichý „Worldstar“. Sie studierte u. a. an der Filmakademie Baden-Württemberg. Sie lehrt Kinder zu fotografieren, zu animieren und Filme zu drehen. Die Autorin und Journalistin Dora Kapral schreibt publizistische Texte sowie Rundfunk-Dokumentarsendungen mit Kunst-Klang-Experimenten. Sie wurde u.a. mit dem Deutsch-Tschechischen Journalistenpreis sowie mit dem Milena Jesenská Preis ausgezeichnet. Mehr über Fabularium finden Sie auf der Website fabularium-berlin.de

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