🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Zlatá lokomotiva v centru Prahy
Man schrieb das Jahr 1845, als in die Prager Stadtmauern eine Bresche geschlagen wurde. Doch nicht die feindlichen Truppen schossen sich hier den Weg frei, sondern die kaiserliche Eisenbahn. Am östlichen Stadtrand entstand der erste Prager Bahnhof für die Dampfbahn, die den Fortschritt in die Stadt brachte. Der Bahnhof und seine Umgebung wurden zu einem natürlichen Zentrum des Handels, des Personen- und Warenverkehrs, zu einem Ort der Begegnung.
Doch das goldene Zeitalter der Eisenbahn währte nicht ewig. Der Bahnhof, der heute den Namen des ersten tschechoslowakischen Präsidenten, Tomáš Garrigue Masaryk, trägt, begann langsam zu verfallen. Vor allem nachdem sich der Schwerpunkt des Personenverkehrs auf der Schiene allmählich auf den benachbarten Hauptbahnhof oder auch Wilson-Bahnhof verlagert hatte.
Der Masaryk-Bahnhof bzw. Masaryčka, wie er von den Einheimischen liebevoll genannt wird, wurde mit einer schönen Kullise hinterlassen. Tatsächlich war er zunehmend ein Hindernis für die Entwicklung der rapide wachsenden Stadt, bis die ersten Stimmen laut wurden, ihn ganz abzuschaffen. Der einst pulsierende Ort begann, Obdachlose und Drogenabhängige anzuziehen. Das Viertel wurde immer unansehnlicher, in dem sich niemand mehr wohl und sicher fühlen konnte. Am Rande der einzigartigen Denkmalzone der Stadt war eine hässliche Industriebrache entstanden, und niemand hatte die Energie oder die finanziellen Mittel, dies zu verändern.
Eisenbahnen reloaded
Heute jedoch erlebt die Eisenbahn in ganz Europa eine erneute Renaissance. Das Bestreben, fossile Brennstoffe durch andere Energieformen zu ersetzen und umweltfreundlicher zu werden, spielt der Eisenbahn in die Hände, ebenso wie das Bestreben, „Städte der kurzen Wege“ zu bauen. Wir können sehen, wie das Gebiet um den legendären Londoner Bahnhof King’s Cross zu neuem Leben erwacht ist. Wir können die Bautätigkeit am Hauptbahnhof in Berlin und Wien beobachten. Eine Wende zum Besseren begann vor etwa 15 Jahren auch im Fall des Prager Masaryk-Bahnhofs. Und jetzt sind ähnliche Bemühungen am Prager Hauptbahnhof im Gange.

Die treibende Kraft sind, wie so oft, Kapital und kühne Visionen. Ein Teil des Geländes um den Masaryk-Bahnhof erwarb die Finanzgruppe Penta, die ihre Tätigkeit im Immobiliensektor mit mehreren Investitionen in Industriebrachen im Zentrum Prags begann. Unter ihrer Führung begann sich das Gebiet um den Masaryk-Bahnhof und das benachbarte Florenz in ein neues, lebendiges Viertel zu verwandeln, um das die Menschen keinen großen Bogen mehr machen, sondern immer mehr Besucher anzieht.
Wir begannen unsere heutige Erzählung mit mittelalterlichen Legenden. Im 16. Jahrhundert luden die Habsburger Kaiser berühmte Astronomen wie Tycho de Brahe nach Prag ein, um alle Geheimnisse der Sterne zu lüften, sowie berühmte Alchemisten, um Blei in Gold zu verwandeln. Auch Penta hat es geschafft, die Beste der Besten nach Prag zu holen, die Architektin Zaha Hadid, die mit ihren einzigartigen Bauwerken und ihrer organischen Architektur ohne rechte Winkel schon so manche Weltstadt verzaubert hat.
Die Architekten von Zaha Hadid Architects verbrachten viel Zeit an einem Ort, an den sich kein Prager freiwillig begeben würde – in einem Taxi auf der Nord-Süd-Autobahn durch die Stadt, einem Ort täglicher Verkehrsstaus. Sie versuchten, den gesamten Ort aus allen möglichen Blickwinkeln zu betrachten und haben dann richtig erkannt, dass der Schwerpunkt des gesamten Gebiets in Florenc liegt, wo sich die beiden wichtigsten U-Bahn-Linien, Straßenbahnlinien, Radwege und die Hauptverkehrsstraße treffen.

Ihr kühner Vorschlag löste eine Welle der Begeisterung und Empörung aus. Die öffentliche Debatte über die Visualisierungen zog sich über Jahre hin. Jeder hatte seine eigene Meinung dazu, was typisch für die Tschechische Republik ist. „Erhält Prag ein einzigartiges modernes Gebäude?“ Das fragten sich die Fans der Architektur. „Bedroht die Moderne nicht den einzigartigen Genius Loci der Prager Altstadt?“ Das befürchteten die eher konservativen Liebhaber von Denkmälern und alten Zeiten. „Wird das Gebäude nicht zu einer Wärmeinsel?“ Das wiederum befürchteten Umweltschützer.
Während die öffentliche Debatte weiterging, fühlten sich die Archäologen an den Mauern der alten Stadt mit Tausenden von kleinen und größeren Funden dagegen wie im Paradies.
Die goldene Lokomotive
Am Ende wurde nur ein kleiner Teil des ursprünglichen Entwurfs von Zaha Hadid gebaut. Entlang der Nordseite der Gleise entstanden zwei moderne Gebäude, die Teil des Bahnhofskomplexes wurden und den Ruhm des Namens Masaryk wieder aufleben ließen.
Jeden Tag werden sie fotografiert, von Pragern, Besuchern der Stadt und Touristengruppen in Begleitung von Reiseführern. Sie sind zu einer modernen Attraktion geworden. Sobald die Aussichtsplattform auf dem Dach mit dem einzigartigen Panorama der Altstadt und der Prager Burg im Hintergrund der Öffentlichkeit ihre Pforte öffnet, wird sie wahrscheinlich einer der zehn meistbesuchten Orte in Prag sein. Schauen Sie auf jeden Fall vorbei, wenn Sie in der Stadt unterwegs sind.

Das Gesamtbild des Masaryk-Bahnhofs wird von einer einzigartigen goldenen Fassade an der Westfassade beherrscht. Die goldene Farbe stand bei den Entwürfen der Architekten von Anfang an im Mittelpunkt, was wiederum eine Anspielung auf die Legenden des goldenen Prags ist. Die Fassade des Gebäudes zeigt aber auch Motive einer Eisenbahnstrecke und manche fühlen sich durch das Gebäude an eine Lokomotive erinnert, die in der Stadt ankommt.
Auch die Eingangsbereiche der beiden Gebäude sind organisch gestaltet und ziehen die Aufmerksamkeit der Fotografen auf sich. Ebenso wie die goldene Fassade waren die Innenräume der Eingänge eine große Herausforderung für die Bauherren und Bauunternehmer, denn sie stellten hohe Anforderungen an die Wahl der Materialien, die Farbgebung und vor allem an die Präzision der Ausführung. Die Kosten für den Bau schnellten in eine astronomische Höhe.
Doch Prag hat ein außergewöhnliches Gebäude von Weltklasse erhalten, das erste Gebäude dieser Art seit der Fertigstellung des Tanzenden Hauses der Architekten Frank Gehry und Vlado Milunic.
Das Gebäude war bereits vor Baubeginn weitgehend ausverkauft, und die Mietpreise brachen alle Prager Rekorde. Der Masaryk-Bahnhof ist zu einer prestigeträchtigen Adresse geworden, und auch das ist ein klarer Maßstab für den Erfolg, ebenso wie die Besuchermassen, die die beliebten neuen Restaurants im Erdgeschoss des Gebäudes füllen und die Prag nicht verlassen können, ohne ein Selfie mit der goldenen Fassade im Hintergrund gemacht zu haben.

Das neue Gebäude bietet mehrere Highlights. Kein anderes Gebäude im Stadtzentrum hat so viel Grün und Bäume. Auch in der angrenzenden Straße wurden neue Bäume gepflanzt, was in den engen Gassen des mittelalterlichen Stadtzentrums einzigartig ist. Nirgendwo sonst in Prag wurde ein so umfangreiches System von blau-grüner Infrastruktur geschaffen, um das Regenwasser besser zu verwalten. Auch die nahe gelegenen U-Bahn-Eingänge haben ein neues, modernes Aussehen erhalten. Doch das jüngst fertiggestellte, von Zaha Hadid entworfene Gebäude ist erst der Anfang.
Dieser Teil Prags wird einen weiteren, noch nie dagewesenen Aufschwung erleben. An der Südseite des Masaryk-Bahnhofs wurde gerade ein neues Hotel eröffnet, das an das ikonische New Yorker Flatiron Building erinnert, und Penta arbeitet an der Revitalisierung des benachbarten denkmalgeschützten Postgebäudes. Der Bauverkehr wird sich dann in den Stadtteil Florenc verlagern. Dieser wird anders aussehen, als es sich das Architekturbüro Zaha Hadid vorgestellt hat. Aber wir können schon jetzt sehen, dass wir uns auf etwas freuen können.
Der Masaryk-Bahnhof wird eines Tages ein Musterbeispiel dafür sein, wie man vernachlässigte Stadtteile zu neuem Leben erwecken kann.
Foto: Penta
Dieser Artikel erschien in der sechsten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag



