Ein neuer Musikstil erobert die Welt. Ein Interview mit Lil Späty in Berlin

Als Kind von Klubbesitzern sog er Musik bereits mit der Muttermilch auf. Als Zweijähriger konnte er Zahlen und Buchstaben lesen, aber nicht sprechen, und mit 10 Jahren erschien sein erstes Album, nur für Freunde.

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Nach Jahren des HipHop-Overkills entstehen weltweit wieder musikalische Freiräume. Hier hat sich Lil Spätys neuer Musikstil breitgemacht: Ein metropoler Hyperpop, alles aus einer Hand und arty produziert, dadurch abseits des Mainstreams. Endlich kann man sich auf den Sommer freuen!

Archivbild Lil Späty

Lil Späty, woher kommt Dein Stil?

Oh, da müssen wir in meine Kindheit zurückspringen. Ursprünglich komme ich ja aus dem HipHop, mehr als sich vermuten läßt. Das fing beim Club meines Vaters an, und zog sich weiter in der musikalischen Erziehung meiner Eltern, die mich nach jahrelangem Michael Jackson-Konsum da rausholen mussten. Mittels Grand Puba, Group Home, Gang Starr, Digable Planets und selbstverständlich auch prominenteren Vertretern wie Biggie oder Snoop Dogg gaben sie mir ein solides Grundgerüst mit. Das ist durch meine zweijährige Dubstep-Phase zwischen 13 und 15 zwar gänzlich auf den Kopf gestellt worden, konnte dadurch aber nicht zerstört werden. Im Gegenteil: hier lernte ich die grundlegendsten Kniffe, um auf einem anständigen Level zu produzieren. In dieser Zeit lernte ich DJ Illvibe von den Producern „Krauts“ kennen, der mir meine erste Maschine MK2 schenkte und mich langsam aber sicher zurück in den HipHop holte. Ich war aber immer noch nicht frei von Jugendsünden, ich war sehr obsessed von Kollegahs Raptechnik, aber umso inspirierter, etwas Neues auszuprobieren. Und wo funktioniert Kreativität für einen Pubertierenden besser, als im Selbstverständnis, etwas Unerwünschtes, Verbotenes zu machen?

Wie dem auch sei, mein Anspruch an Rap in der Zeit war zu zeigen, wie weit man gehen kann. “Ihr habt alle nichts verstanden, ich sag’s euch wie es ist. Ich bring die News.” Und wo holst du dir die News? In einem KIOSK natürlich! Das war von 2014 bis 2017 mein Künstlername. Aber der sollte ganz schnell wieder über den Haufen geworfen werden, Money Boy sei Dank.

Lil Späty, woher kommt Dein Name?

Kiosk stand mir irgendwann nicht mehr. Inspiriert von einer neuen Lil-Welle im US-amerikanischen Untergrund kam “lil späty” zustande. Ursprünglich als Alter Ego gedacht, für die leichtere, trashigere Musik, wurde es schließlich zur Hauptidentität, weil es sich einfach gut anfühlte, und jedem, dem ich meinen Namen mitteilte, ein Lächeln auf’s Gesicht zauberte. Schließlich lieben wir unsere Spätis in Berlin, die „Nacht-Kioske“.

Archivbild Lil Späty

Wie würdest Du die Musik beschreiben, die Du machst, was ist daran neu?

Im Allgemeinen will ich Hits schreiben. Das klingt banal aber wenige Dinge machen mich so glücklich, als mir selbst und anderen einen Ohrwurm einzujagen, mit einer Melodie, die gleichzeitig vertraut klingt, die aber trotzdem bisher keiner kennt. Meine Stimme ist von Natur aus clean, und wirkt am besten, wenn man Dirt reinbringt. Sie ist wie eine E-Gitarre. Verzerrung ist obligatorisch, Amp kommt immer gut, Chorus -Modulation und natürlich der richtige Hall darf nicht fehlen. Eine E-Gitarre dazu kommt einfach am besten, wenn sie das Hit-Riff spielt.

Ich liebe es, mittlerweile das Ende der Halftime-Ära voranzutreiben und konsequent auf Uptempo zu setzen.

Ich liebe es, das perkussive aus dem Rap mit der Leichtigkeit des Pops zu verbinden.

Und ich liebe es, die Ästhetik des Trap-Sounds in meine Musik zu integrieren.

Kanye darf als Inspiration natürlich niemals fehlen, egal welche Musik man macht.

Ich liebe es, vergessene Post-Punk-Elemente und Witch-Pop als weiße Antwort auf meine Afro-Amerikanisch-dominierte HipHop-Schule zu fühlen und eine Symbiose daraus zu machen.

Und ich liebe es neuerdings, wenn meine Musik nach Band-Sound klingt, obwohl da eigentlich nur ein Junge mit Production Skills und ein Gitarrist vor dem Rechner sitzen.

Für mich und mein Selbstverständnis hat meine Musik fast nur Neues, und seien es Crossovers, also neue Kombinationen aus bereits Bestehendem, aber das muss letztlich der Hörer entscheiden.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Musik zu machen?

In der vierten Klasse hat mir ein Mitschüler von einer Songidee erzählt. Es ging um einen Dizz gegen unsere damalige Klassenlehrerin. Der Song hieß “Babyschwein”. Kann man nirgendwo mehr finden, außer auf dem iPhone meiner Mutter. Nun ja, diese Idee hat mich zwei Jahre lang beschäftigt. Und diese repetitive Arbeitsweise zieht sich ironischerweise bis heute durch. Denn auch die Idee von “Tage werden länger” ist über 3 Jahre alt. Der Song wurde ständig überarbeitet und hatte am Ende über 10 Versionen.

Wie entsteht ein Song bei dir? Machst du wirklich alles selber?

Es gibt grundsätzlich zwei Bedingungen, unter denen ein Song entsteht. Die musikalische Idee und die sogenannte Catchphrase, also eine schlagende Formulierung, ein eingängiges Wort. Beides kommt ursprünglich zu 100% von mir.

Um die musikalische Idee zu erweitern und zu verfeinern, bitte ich meistens meinen Förderer bei den Krauts, Dirk Berger um Hilfe, und um den Kontext der Catchphrase genug zu betexten, arbeite ich häufig mit meinem Freund Meyor.T zusammen. Alleine bin ich manchmal etwas zu wortkarg. (lacht)

Wenn beides steht, passiert der kreative Teil fast von alleine, bis zu den letzten 5%, da wird’s noch mal richtig ekelig, denn die sind immer die schwierigsten. Wenn mans am Ende geschafft hat, ist nichts geiler, als dem engen Kreis zeigen zu können, wofür man die letzten Tage geblutet hat.

Dein Song „Tage werden länger“ ist gut eingeschlagen. Was ist die Botschaft?

Der Song soll das Gefühl vermitteln, nach langer Zeit Stillstand endlich wieder Energie zu schöpfen, rauszugehen, etwas zu schaffen. Der Stillstand kann für den Winter stehen, für die erdrückenden Corona-Maßnahmen… Wir als Gesellschaft, insbesondere meine Generation, befindet sich in einem Zustand, den man als “kollektive Depression” zusammenfassen könnte. Diese Schlaffheit, diese “Ach, ist doch alles gut”-Haltung und dabei sämtliche Probleme zu leugnen, nicht denjenigen verantwortlich zu machen, von dem die Probleme ausgehen, sondern denjenigen, der sie anspricht; zu allem neutral stehen zu wollen, bloß keine Partei zu ergreifen, gerade nicht, wenn man etwas dafür riskieren müsste… zum kotzen. Ich will dagegen arbeiten. Die Botschaft des Songs lautet: “Leute, der Spuk ist vorbei! Ich hab Hunger! Was ist mit euch? Lasst uns was machen!”

Wie siehst Du die allgemeine Entwicklung im Pop, ist nach der nun bald 30 Jahre währenden HipHop-Dominanz etwas Neues in Sicht?

Nein, Rap ist die diverseste Musikrichtung aller Zeiten. Wer hätte in den 80ern gedacht, dass sich ein Lil Peep, ein Kendrick Lamar, ein Lil Uzi Vert und ein Mac Miller eines Tages unter einer Überschrift auflisten lassen werden?

HipHop ist zu anpassungsfähig, zu wandelbar und zu divers, um einfach so wieder abgelöst zu werden. Da müssten wir schon spezieller werden und uns mit den einzelnen Subkulturen

beschäftigen, die kommen und gehen. Der Drill-Sound aus UK fängt in meinen Augen langsam aber sicher an, seinen Zenit zu überschreiten.

Ich würde es begrüßen, wenn der Straßenrap den Kids endlich langweilig würde! Da ist alles längst gesagt worden. Wer fällt denn nach 25 Jahren Gewalt-, Drogen- und Sexfantasien noch drauf rein? Die Rapper sprechen in den seltensten Fällen die Wahrheit, aber sogar Freunde glauben es, die sich in der heutigen Wohlstandsverwahrlosung nach “echten Problemen” sehnen. Oder nach Vorbildern. Entschuldigt meinen Zynismus, aber ich bin zu pessimistisch, dass da von heute auf morgen ein Schalter umgelegt wird. Erst mal muss eine musikalische Alternative her. Ein Angebot. Und das habe ich mir zur Herausforderung gemacht. Ich will Probleme produktiv lösen, anstatt mich aufzuregen.

Archivbild Lil Späty

Noch ein Wort zu Berlin: freust Du Dich, dass endlich wieder gefeiert werden darf? Wann kann man Dich öffentlich erleben, folgen bald Konzerte?

Man müsste ja schon sehr verbittert oder stumpf sein, um sich darüber nicht zu freuen. Wer freut sich denn nicht, außer vielleicht irgendwelche Irren, die sowieso nur zuhause bleiben wollen?

Das Setup soll bis Ende des Jahres stehen. Sprich Tracklist, Instrumentalisten, Bühne, Spot. Der Fokus liegt jetzt erst mal auf den Releases. Ich hab so viel in der Hinterhand und wenn ich damit live gehe, will ich natürlich, dass das alles abrufbar ist. Wie schnell hat man einen Song vergessen, wenn man ihn live hört, aber sich nicht speichern kann?

Mitte Juni kam meine Sommer EP raus. Meine erste EP seit 6 Jahren!! Ich freu mich unfassbar darüber, meinen neuen Sound teilen zu können.

Würdest Du auch in Prag auftreten?

Wenn die Nachfrage da wäre, würde ich heute noch rüber fahren

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