Petra Gümplová: Deutschland ist ein zukunftsorientiertes Land 

“Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand in einer ernsthaften Debatte auf die Vergangenheit zurückgegriffen und versucht hätte, sie irgendwie zu bewahren, zu erhalten oder, Gott bewahre, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen”, so Petra Gümplová, Politikwissenschaftlerin und Soziologin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie beschäftigt sich seit langem mit demokratischer Politik und globaler Gerechtigkeit im Kontext des Klimawandels und der Nutzung von Bodenschätzen.

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Die deutsche Gesellschaft versteht, dass sie kein blutiges Öl und kein blutiges Gas aus Ländern konsumieren kann, die Kriegsverbrechen begehen. Über die Quellen des deutschen Optimismus  sprachen wir mit Petra Gümplová  auf der Konferenz New CZ-Deal zum Thema Die Zukunft des Energiesektors und die neue wirtschaftliche Realität – tschechisch-deutsche Zusammenarbeit  2022, die von Black Swan Media mit Unterstützung des deutschen Außenministeriums organisiert wurde.

Sie sind gebürtige Tschechin, aber mental sind Sie schon lange Teil der deutschen akademischen Gemeinde. Warum sind die Deutschen eher bereit, einen Kompromiss zu suchen, Koalitionen zu schließen? Ihre Politik und ihr öffentlicher Diskurs scheinen viel rationaler und ruhiger zu sein als der tschechische, aber auch der britische oder französische…

Deutschland ist ein ausgesprochen zentristisches Land. Die Wählerstruktur ist so verteilt, dass drei Viertel der Bevölkerung Parteien der Mitte wählen. Bemerkenswerterweise sind die Deutschen im Vergleich zu Großbritannien oder Frankreich nahezu immun gegen Populismus. Der Rand des politischen Spektrums wird von einer einzigen Partei besetzt, wobei darüber diskutiert wird, ob die AfD eher extremistisch oder populistisch ist. Bei den Wahlen kommt die AfD auf nur zehn bis fünfzehn Prozent, man kann also sagen, dass sich der deutsche Mainstream weiterhin behauptet. Auch ich bin  immer noch erstaunt über die deutsche Politik, ihre starke Konsensorientierung, das Bemühen um Einigung. Oberstes  Gebot nach der Wahl ist die  Bildung einer Koalition. Die derzeitige Regierungskoalition – Liberale, Grüne und Sozialisten – ist ideologisch disparat und funktioniert dennoch. In der Tschechischen Republik könnte das wohl nicht zusammenhalten. 

Weshalb ist das so?

Ich denke, es liegt daran, dass der Berufsstand der Politik in Deutschland mit der Vorstellung von einer Art beruflicher Integrität verbunden ist. Die Hauptaufgabe eines Politikers ist etwas, das man im Englischen “get things done” (deutsch liefern) nennt, also etwas zu entscheiden, zu verändern, zu reformieren, zu lösen, zu reparieren, zu verbessern. Das ist eine grundlegende Aufgabe, und die Politiker werden daran gemessen. In Deutschland wird auch viel weniger  auf ideologischen Wettbewerb gesetzt; es ist nicht so wichtig, dass Politiker und Parteien  ihre ideologische Identität um jeden Preis  wahren. Bei der  Entscheidungsfindung spielt daher die Ideologie eine geringere Rolle als die pragmatische Sichtweise, dass etwas gelöst und entschieden werden muss. Langfristig bedeutet dies, dass die Politiker dem Ganzen gegenüber verantwortlicher sind und die politische Kultur höher ist.

Deutschland ist auch ein Land, in dem die Politik viel zukunftsorientierter ist als hierzulande. Was  für Tschechen oft schwer zu verstehen ist – sie sehen es als Naivität oder als Versuch, andere moralisch zu belehren… 

Ein wesentlicher  Bestandteil des deutschen Politikstils ist Fortschrittlichkeit. Das bedeutet, dass die Politik nach vorne schaut, nicht stehen bleibt und schon gar nicht in die Vergangenheit schaut. Sie akzeptiert, dass sich die Welt verändert,  sich der Wandel beschleunigt,  sich die Welt auch pluralisiert und  wir  als Europa uns daran anpassen müssen. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Ich habe in all den Jahren  in Deutschland noch nie das Wort “Tradition” als Argument gehört. Ich kann mich an niemanden  erinnern, der in einer ernsthaften Debatte auf die Vergangenheit zurückgegriffen und versucht hätte, sie irgendwie zu bewahren, zu erhalten oder, Gott bewahre, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Es ist ein seltsames Phänomen, ich weiß eigentlich nicht, wie es entstanden ist, aber der deutsche Progressivismus ist in diesem Sinne faszinierend. 

Deutschland ist einerseits der Wirtschaftsmotor Europas, andererseits  auch ein soziales Labor. Es fordert soziale Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit. Die Deutschen fühlen sich auch dem Planeten gegenüber extrem verantwortlich. Warum ist das so?

Ob  Klima,  soziale Vielfalt oder  Gleichstellung der Geschlechter, die Deutschen verstehen, dass diese Themen gerade deshalb in den Vordergrund rücken, weil dahinter eine Art von Diskriminierung steht. Dass  Frauen seltener Professorinnen werden, wird als Ergebnis eines Diskriminierungsprozesses gewertet, der dem Gebot der Chancengleichheit und Gleichberechtigung zuwiderläuft. Die derzeitige deutsche Regierungskoalition etwa versucht, homosexuellen Paaren gleichberechtigten Zugang zu allen von den Krankenkassen finanzierten Reproduktionstechnologien zu ermöglichen. Wenn wir nach einer Erklärung suchen würden, müssten wir wahrscheinlich in die Vergangenheit gehen, zu den Kriegserfahrungen, die eine radikale Diskriminierung von Minderheiten, zum Beispiel aufgrund ihrer ethnischen Herkunft, bedeuteten. Die Verarbeitung dieses Traumas führte zu einem streng individuellen, menschenrechtlichen Ansatz. Das bedeutet, dass jeder Mensch heute Träger von Würde, Rechten und moralischer Gleichheit ist und folglich gleichen Zugang zu grundlegenden Gütern, Chancen und Positionen hat.

Würden Sie sagen, dass Deutschland optimistischer in die Zukunft blickt als seine Nachbarn?

Gerade in der Klimafrage werden  pessimistische Stimmen laut. Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung arbeiten zum Beispiel Wissenschaftler wie Johan Rockström, die seit Jahren darauf hinweisen, dass die Menschheit bereits alle ökologischen Grenzen überschritten hat, dass eine Erwärmung über 1,5 Grad unvermeidlich ist. Es mag den Anschein haben, dass angesichts der pessimistischen Prognosen die Motivation zur Reduzierung der  Emissionen abnehmen wird, doch das Gegenteil ist der Fall, den Abbau der Emissionen betrachten die Deutschen als ethisches Gebot. Auch deshalb, weil die Klimakrise grundlegende ethische Aspekte in Bezug darauf hat,  wer und wie von den negativen Folgen betroffen ist. Die jüngere Generation meldet sich mit Klimaklagen zu Wort und argumentiert, dass sie die grundlegenden Menschenrechte in der Zukunft nicht durchsetzen werden kann. Ich selbst habe eine 16-jährige Tochter, die ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht hat, und für sie ist Umweltangst eine äußerst reale Sache. Glücklicherweise hat  die Energiewende begonnen und ist unumkehrbar. Sie wird durch den Konflikt in der Ukraine sehr beschleunigt, weil die deutsche Gesellschaft versteht, dass sie kein blutiges Öl und kein blutiges Gas aus Ländern konsumieren kann, die abscheuliche Kriegsverbrechen begehen. 

Können Sie die Grundprinzipien zusammenfassen, wie in Deutschland Politik “gemacht” wird? 

Das ist ganz einfach.  Politik sollte sich nicht primär an  einer kollektiven Identität oder dem Kampf gegen  einen ideologischen Feind orientieren. Politik sollte rational, daten- und faktenbasiert, kooperativ und einvernehmlich sein, mit dem Ziel,  Herausforderungen und Probleme unter sich ändernden Bedingungen abzustimmen und zu lösen. Sie ist vorausschauend  und ist sich der Forderung nach gleichberechtigtem Zugang und nichtdiskriminierender Behandlung von Gruppen oder Einzelpersonen äußerst bewusst.

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