Tomas Kafka: Unsere Verachtung für Putin sowie die Bewunderung für die Ukraine ließ uns zusammenkommen

Der Tschechische Botschafter in Deutschland Tomas Kafka
Die blau-gelbe Flagge weht auch an der tschechischen Botschaft in Berlin. In einem Interview mit dem N&N Magazin unterstreicht der tschechische Botschafter in Deutschland, Tomáš Kafka, die Einigkeit des Westens angesichts der aktuellen russischen Invasion in der Ukraine.

Zum ersten Mal ziehen die EU-Länder angesichts der Ereignisse in der Ukraine entschlossen an einem Strang. Bedarf es erst eines Krieges, um dieses Maß an Solidarität zu erreichen?

In Anbetracht der russischen Aggression – aber nicht zuletzt auch des ukrainischen Heldentums – ziehen die EU Länder tatsächlich entschlossen an einem Strang. Vielleicht ist es nicht das erste Mal in der Geschichte der EU, aber wohl das erste Mal in einer sehr belastenden Krise.

Es geht sogar so weit, dass die Unterschiede zwischen den einstigen Köchen und den einstigen Kellnern innerhalb der EU so gut wie verwischt sind. Man kann das Leadership kaum bei einzelnen Ländern orten. Es mag traurig sein, dass die EU solche Geschlossenheit nicht aus freien Stücken und mit der eigenen positiven Agenda erreichen konnte.

Man muss aber dankbar sein, dass uns die aktuelle Krise des besseren belehrt hat. Etwas pointiert kann man daher sagen, dass unsere Verachtung für Putin sowie die Bewunderung für die Ukraine uns zusammenkommen ließ. Das sollte man vor allem den Ukrainern nie vergessen!

Foto: Tim Kerinnis
Die blau-gelbe Flagge weht auch an der tschechischen Botschaft in Berlin Foto: Tim Kerinnis

Glauben Sie, dass Russland am liebsten – neben der Ukraine – auch nach weiteren Zielen greifen würde?

Ob Russland noch andere Länder im Visier hat oder hatte, ist als sehr wahrscheinlich zu bezeichnen – ohne sich dabei auf Spekulationen einzulassen. Putin hat mit seinem brutalen Überfall bewiesen, dass ihm kein Gewaltakt fremd ist und dass er inzwischen nur die Sprache der Macht verstehen kann.

Dies ist als eine Zeitwende zu bezeichnen. Es ist nicht allzu lange her, als der amerikanische Historiker Timothy Snyder befand, dass Putin längst kapiert hat, dass Russland nie wie der Westen werden kann und deswegen bemüht er sich alles zu tun, dass der Westen wie Russland werden sollte.

Auch das fühlte sich schon sehr besorgniserregend, als es nichts anderes besagt hat, als dass Putins Russland gerne das eigene Chaos und Autokratie exportieren will. Dem Putins Russland, Modell 2022, ist aber auch diese Strategie zu wenig. Er möchte dominieren und schert sich um den Westen und seine Aussichten herzlich wenig. Putins Russland ist extrem selbstbezogen.

Ändert sich aktuell die Haltung der Tschechischen Republik zur Flüchtlingsthematik? Sind das Land und dessen Bevölkerung auf den möglichen Zustrom von Flüchtlingen aus der Ukraine vorbereitet?

Ja, wenn man sich die Lage in Tschechien anschaut, da kann man vis a vis der sich bereits anbahnenden Flüchtlingsströme einen dramatischen Wechsel der Gemütslage in Tschechien sehen. Es herrscht nicht nur die Überzeugung vor, dass Putins Krieg uns etwas angeht, aber man fühlt sehr stark mit den Ukrainern und da man sie gut zu kennen vermeint, ist man zuversichtlich, dass wir für die ukrainischen Flüchtlinge – ähnlich wie zum Beispiel in den 90. Jahren für die bosnischen Flüchtlinge – zu sorgen vermag. Man will es auf jeden Fall wagen.

Die Hilfsbereitschaft ist enorm und ich persönlich bin sehr erleichtert, dass die tschechische Gesellschaft nebenbei – auch wenn es kein Selbstzweck ist – beweisen kann, dass sie solidarisch und emphatisch ist.

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