Landratten – und trotzdem Wasser-Sieger

Die Tschechen haben weder Meere noch große Seen, geschweige denn wilde Flüsse. Trotzdem sind sie Liebhaber des Wassersports und gehören sogar zur Weltspitze der Wassersportler.

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Jüngstes Beispiel dafürist derErfolg des Kanuten Martin Fuksa bei den Weltmeisterschaften im August in Duisburg, Deutschland. Der 30-jährige Kanute paddelte über eine kilometerlange Strecke zu seinem ersten Weltmeistertitel. Der ehemalige Junioren-Eishockeyspieler aus Nymburk und Mladá Boleslav setzte sich im Finale gegen Gegner aus viel größeren Ländern wie Deutschland und Polen durch. Sie haben erheblich mehr Wasserflächen und somit mehr Trainingsmöglichkeiten als die tschechischen Kanuten und Ruderer, die sich mit einer einzigen speziellen Anlage auf Spitzenniveau in Račice an der Elbe begnügen müssen.

Martin Fuksa bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016. Foto: Petr Toman, Shutterstock

Doch Kanu- und Bootfahren sind in der Tschechischen Republik weit mehr als nur ein Sport. „Das Kanufahren hat mich vor allem durch eine Gruppe von Menschen fasziniert. Wir sind hier eine große Familie, jeder duzt den anderen, alle sind relaxed, wir helfen uns gegenseitig und wünschen uns alles Gute. Was nicht heißt, dass es beim Hockey keine gute Gruppe gäbe, aber es war nicht so familiär wie am Wasser“, erklärte Fuksa letztes Jahr auf der Website Mit dem Rad zur Arbeit, warum er schließlich den Hockeyschläger gegen ein Paddel tauschte.

Vom Kinderwagen ins Bootshaus

Die Tschechoslowakei hat unzählige ähnliche Geschichten von erfolgreichen Spitzenkanuten erlebt, und bis heute nicht anders die Tschechische Republik. Bei den Olympischen Sommerspielen, bei denen der Kanusport 1936 zum ersten Mal vertreten war, haben tschechoslowakische und tschechische Sportler bis dato sechzehn Medaillen gewonnen, acht davon in Gold. Martin Doktor bleibt der erfolgreichste Kanute mit seiner unvergesslichen Leistung in Atlanta 1996. Damals erkämpfte der aus Sezemice bei Pardubice stammende Kanute zwei erste Plätze über 500 und 1000 Meter. Außerdem gewann Doktor zwei Goldmedaillen bei den Weltmeisterschaften und eine Reihe von Silber- und Bronzemedaillen.

Auch Doktor, der neben seiner Sportkarriere noch an der Fakultät für Körpererziehung und Sport in Prag studierte und nach dem Studienabschluss ein anerkannter Sportfunktionär wurde, nennt die Atmosphäre unter den Menschen am Wasser als Schlüsselmoment für den Beginn seiner Karriere. „Meine erste Fahrt im Kinderwagen ging zum Bootshaus, und von da an bin ich dort geblieben. Von klein auf saß ich mit den Jungs und Mädels im Bootshaus, außerdem gab es damals noch keine Computer und andere Attraktionen, so dass es für uns wichtig war, sich zu treffen und nicht nur zu trainieren. Wir haben uns auch an freien Tagen am Wasser getroffen, wir haben geplaudert, hatten dort unseren Freundeskreis, und so bin ich groß geworden“, sagt Doktor über seine Anfänge auf der Elbe in Pardubice. 

Die Königsdisziplin unter den Wassersportarten ist jedoch Rudern, wie im Übrigen das weltbe-rühmte Achterrennen The Boat Race zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge beweist. Doch auch hierzulande ist Rudern eine der ältesten und am schnellsten avancierenden Sportarten. Erinnern wir uns zum Beispiel an das Prager Bürgermeisterren-nen, als Pražské primátorky bekannt, das seit 1910 in Prag veranstaltet wird. 

Die tschechoslowakischen und später tschechischen Ruderer haben, seitdem ihre Disziplin im Jahr 1900 bei Spielen zugelassen war, etliche Erfolge ge–feiert, sie gewannen über 50 Medaillen, davon acht goldene. Die erste Goldmedaille in der Geschichte des heimischen Rudersports brachte von den Olympi-schen Spielen 1952 in Helsinki ein Vierer aus Třeboň, der auf dem Teich Svět trainierte, in der Besetzung Karel Mejta, Stanislav Lusk, Jiří Havlis, Jan Jindra und dem damals siebzehnjährigen Steuermann Miroslav Koranda, mit nach Hause. Ebenfalls Gold bei den Olympischen Sommerspielen 1960 in Rom holten die tschechoslowakischen Ruderer Václav Kozák und Pavel Schmidt. Ein Jahr später vertraten sie die Tschechoslowakei bei den Europameisterschaften in Prag, wo sie Silber gewan-nen. Als bisher letzte tschechische Repräsentantin auf dem Siegerpodest hörte Miroslava Knapková die tschechische Hymne, die 2012 in London Gold gewann.

Die jüngste olympische Disziplin, in der sich die Tschechen auszeichnen, ist der Wildwasserslalom, der seit 1972 in München das Programm der Spiele bereichert. Die tschechische Bilanz ist seit 1992 bewundernswert, als Lukáš Pollert in Barcelona Gold holte. Die Tschechen sind im Besitz von dreizehn Medaillen, davon drei goldenen, die letzte gewann Jiri Prskavec vor zwei Jahren in Tokio.

An den Olympischen Spielen und Spitzenwettbewerben nehmen aber auch tschechische Segler teil, die zum Training meist ins Ausland reisen müssen. Selbst unter diesen Bedingungen haben sie schon eine Medaille aus dem Salzwasser gefischt, eine silberne. Sie wurde von Lenka Šmídová bei den Spielen in Athen 2004 in der Europaklasse gewonnen.

Fließende Verkehrswege

Aber natürlich betreiben die Tschechen nicht nur Wassersport auf Hochleistungsniveau. Vor allem im Sommer ist der Wassertourismus buchstäblich eine nationale Leidenschaft. Im Sommer verwandeln sich die Moldau, die Sázava, die Lužnice, die Morava sowie viele andere meist ruhig fließende böhmische, mährische und schlesische Flüsse in belebte Verkehrswege voller kleinerer und größerer Kanus, Kajaks, Flöße und anderer Wasserfahrzeuge. Gleichzeitig erwachen Campingplätze und heute auch Pensionen und Hotels an den Ufern zum Leben.

Sommerliche Moldau bei Vyšší Brod. Foto: Kojin, Shutterstock

So hat sich an den Flüssen trotz der trockeneren Jahre und der Wasserknappheit ein Geschäftsfeld entwickelt, das sich dem des beliebtesten tschechi-schen Massenwintersports – dem Skifahren – immer mehr angleicht. Früher fuhren die Bootsfahrer mit dem Zug zum Fluss und die Boote fuhren auf den Schienen mit. Heutzutage fahren alle, mit wenigen Ausnahmen, mit dem Auto und mieten Boote. Die Bootsvermieter erleben gerade ein goldenes Zeitalter, und ihre Zahl hat sich in den letzten dreißig Jahren vervielfacht.

Der meistbefahrene Fluss in der Tschechischen Republik ist souverän die Moldau, die durch den Abfluss vom Stausee Lipno von Vyšší Brod bis České Budějovice durchgehend schiffbar ist und wegen dieser Gewissheit von den Bootsfahrern bevorzugt wird. Viel ruhiger geht es auf der Berounka, Lužnice, Otava oder Ohře zu.

Die Berounka bietet eine wunderschöne Landschaft mit Blick auf zahlreiche Schlösser. Die Lužnice war früher sehr beliebt, aber aufgrund von Dürre und Klimawandel geht das Wasser hier deutlich zurück, und an attraktiven Abschnitten wurden hohe Wehre gebaut, die den lebendigen Fluss auf vielen Kilometern zum Erliegen gebracht haben. Dank des Wassers aus den Quellen im Böhmerwald hält die Otava Wasser und Bootsfahrer. Die Ohře ist für die erste Fahrt von Anfängern geeignet, vor allem ihr erster Abschnitt ist leicht zu befahren.

Auch das Windsurfen erfreut sich in der Tschechischen Republik schon seit vielen Jahren großer Beliebtheit, wofür der Lipno-Stausee oder der Nechranice-Stausee bei Chomutov wohl am besten geeignet sind. In jüngster Zeit erblickt man auf fast allen Wasserflächen Paddleboards, einem massiveren Äquivalent von Surfbrettern, die manchmal aufblasbar sind und im Stehen mit einem langen Paddel fortbewegt werden.

Die Tschechen und der Wassersport haben seit vielen Jahren eine tiefe und leidenschaftliche Beziehung zueinander.

Dieser Artikel erschien in der fünfte Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

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