🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Česko veze do Frankfurtu vzduch
Den Architekturwettbewerb für die Realisierung eines Pavillons im Wert von 13 Millionen Kronen – gemessen an den Ambitionen und der Größe des Proje\kts nahezu erstaunlich bescheiden – gewann das Prager Architekturbüro JinJan mit seinem Entwurf „Schnittstelle der Imagination”.
Wie entstand die Idee, einen Nationalpavillon nahezu vollständig aus Luft zu errichten? Warum schrecken die Architekten auch vor Vergleichen mit einer „Hüpfburg” nicht zurück? Und wie wollen sie sicherstellen, dass trotz aller technologischen Innovationen das eigentliche Medium – das Buch – im Mittelpunkt bleibt? Darüber sprachen wir mit den Urhebern des Siegerentwurfs, den Architekten Jindřich Ráftl und Jan Tůma vom Studio JinJan.

Das Motto des tschechischen Gastlandauftritts in Frankfurt lautet „Tschechien an der Küste“. Ist auch Ihr Pavillon eine Suche nach einer solchen „Küste“ – einer Schnittstelle zwischen Buch und Technologie, Traum und Wirklichkeit, Leichtigkeit und Monumentalität?
Genau so haben wir das Projekt von Anfang an verstanden. Die Küste fasziniert uns, weil sie ein Ort ist, an dem zwei Welten aufeinandertreffen. Sie ist weder Land noch Meer – sondern ein Übergangsraum. Literatur funktioniert aus unserer Sicht ganz ähnlich.
Wie beim Lesen eines Buches tauchen die Besucherinnen und Besucher in einen grenzenlosen Raum der Imagination ein. Deshalb verstehen wir den Pavillon nicht als Objekt, sondern als einen Ort des Übergangs: zwischen Realität und Fantasie, zwischen physischer und imaginärer Welt, zwischen dem traditionellen Medium Buch und zeitgenössischen Technologien. Die Küste steht für Offenheit und für die Möglichkeit, sich auf eine Reise zu begeben. Genau dieses Erlebnis möchten wir unserem Publikum vermitteln.
Ihr Siegerentwurf trägt den Titel „Schnittstelle der Imagination”. In welche Welt soll der Pavillon seine Besucher führen?
In eine Welt, die bewusst nicht eindeutig definiert ist. Wir wollten keine Szenografie mit einer festgelegten Geschichte schaffen, sondern eine Landschaft, die jeder Besucher für sich selbst interpretiert.
Die aufblasbaren Elemente können den einen an Flusssteine erinnern, den anderen an Küstenklippen oder Wolkenformationen. Entscheidend ist, dass sie Raum für die eigene Vorstellungskraft lassen. Wer den Pavillon betritt, soll für einen Moment vergessen, dass er sich in einer Messehalle befindet, und das Gefühl haben, einen Ort ohne klare Grenzen zu betreten – ähnlich wie beim Lesen eines guten Buches, wenn die reale Umgebung in den Hintergrund tritt und man Teil einer anderen Welt wird.
Einen 2.300 Quadratmeter großen Pavillon nahezu vollständig aus Luft zu bauen, klingt eher nach einem Traum als nach einer architektonischen Aufgabenstellung. Wann waren Sie überzeugt, dass diese Idee tatsächlich funktionieren könnte?
In dem Moment, als uns klar wurde, dass gerade die Vergänglichkeit eine der größten Herausforderungen, zugleich aber auch eine der größten Qualitäten dieses Projekts ist. Die Frankfurter Buchmesse dauert nur wenige Tage. Deshalb erschien es uns sinnvoll, nach einer architektonischen Lösung zu suchen, die ein starkes räumliches Erlebnis schafft und sich gleichzeitig vor Ort unkompliziert realisieren lässt.
Luft ist das leichteste Baumaterial, das uns zur Verfügung steht. Sobald wir konsequent in diese Richtung dachten, wurde deutlich, dass es sich keineswegs um eine Utopie handelt, sondern um eine sehr rationale Antwort auf die Aufgabenstellung – insbesondere dann, wenn man den CO₂-Fußabdruck der Installation möglichst gering halten und den Transport großer Materialmengen vermeiden möchte.
Gibt es am Pavillon etwas, das die meisten Besucher gar nicht bewusst wahrnehmen werden, das für Sie als Architekten jedoch von zentraler Bedeutung ist?
Wahrscheinlich ist es vor allem das Licht. Die Besucher werden seine Wirkung eher unbewusst erleben, für uns ist es jedoch ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Konzepts.

Licht dient hier nicht einfach dazu, Objekte zu beleuchten. Es ist ein Medium, das die Atmosphäre des Raumes erzeugt. Gemeinsam mit den weichen Volumen und den Durchblicken schafft es den Eindruck von Unendlichkeit und Wandelbarkeit. Wenn die Besucher am Ende das Gefühl mitnehmen, für einen Moment an einem anderen Ort gewesen zu sein, dann wird das vor allem dem Licht und der szenografischen Gestaltung des Pavillons zu verdanken sein.
Manche Kritiker vergleichen aufblasbare Architektur eher mit einer „Hüpfburg” als mit einem repräsentativen Raum für Literatur. Wie reagieren Sie persönlich auf solche Einwände? Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Leichtigkeit und Beliebigkeit?
Wenn jemand beim ersten Anblick eines aufblasbaren Bauwerks an die Welt der Kinder denkt, stört uns das überhaupt nicht. Literatur bedeutet schließlich ebenfalls Spiel, Entdeckung und die Fähigkeit, die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Die Grenze zur Beliebigkeit liegt aus unserer Sicht nicht im verwendeten Material oder in der Formensprache, sondern darin, ob hinter dem Entwurf eine starke Idee steht. Solange die Architektur eine inhaltliche Aussage transportiert und den literarischen Kontext unterstützt, verliert sie nichts von ihrer Ernsthaftigkeit.
Herzstück des Pavillons soll ein interaktiver Leuchtturm sein, der Künstliche Intelligenz nutzt. Welche Rolle spielt KI tatsächlich – und was bleibt eine genuin menschliche schöpferische Leistung?
Wir verstehen KI in erster Linie als Werkzeug des Dialogs. Sie hilft den Besucherinnen und Besuchern, mit literarischen Texten in einen Austausch zu treten und neue Zusammenhänge zu entdecken.
Das eigentliche Konzept, die Dramaturgie und die Regeln dieser Interaktion sind jedoch das Ergebnis menschlicher Entscheidungen, die auf Erfahrung, Intuition und Emotionen beruhen. Die KI ist hier weder Autorin noch Ersatz für menschliche Kreativität. Sie fungiert vielmehr als Vermittlerin, die den Zugang zur Literatur auf neue Weise eröffnet und zu einer aktiven Auseinandersetzung mit Texten anregt.
Wie wollen Sie verhindern, dass in einem so visuell und technologisch geprägten Raum die Literatur selbst in den Hintergrund gerät?
Alle Elemente des Pavillons sind darauf ausgelegt, die Aufmerksamkeit auf Bücher, Autorinnen und Autoren sowie ihre Geschichten zu lenken. Die Architektur versteht sich als Medium – nicht als Hauptthema.
Wenn die Besucher den Pavillon verlassen und sich vor allem an die tschechische Literatur und ihre Autorinnen und Autoren erinnern, dann haben wir unser Ziel erreicht.
Die Frankfurter Messe gilt als besonders anspruchsvoll, wenn es um Nachhaltigkeit und den Umgang mit Ressourcen geht. Was geschieht nach der Buchmesse mit den aufblasbaren Elementen und den verwendeten Polymermaterialien? Gibt es bereits Pläne für ihre weitere Nutzung?
Von Anfang an haben wir den Entwurf so angelegt, dass nach dem Ende der Buchmesse kein Entsorgungsproblem entsteht, sondern neue Möglichkeiten.
Die aufblasbaren Elemente bestehen aus zertifizierten Leichtbaumaterialien. Sie lassen sich nach dem Abbau auf wenige Taschen zusammenfalten; ihr Gesamtgewicht wird 150 Kilogramm nicht überschreiten.
Unser Ziel ist es, ihre Lebensdauer so weit wie möglich zu verlängern – sei es durch eine erneute Nutzung, eine Anpassung für andere kulturelle Veranstaltungen oder durch das schrittweise Recycling einzelner Komponenten.
Für uns bedeutet Nachhaltigkeit nicht allein die Wahl geeigneter Materialien. Sie beginnt bereits mit der Frage, was aus einem Projekt wird, nachdem es seinen ursprünglichen Zweck erfüllt hat.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal in die Vergangenheit blicken. Wenn Sie eines Ihrer Projekte auswählen müssten, das Sie als Architekten und Gestalter am besten charakterisiert – welches wäre das und warum?
Es fällt uns schwer, ein einziges Projekt herauszugreifen, denn jedes ist in einer anderen Phase entstanden und ging von einer eigenen Fragestellung aus. Wenn es jedoch einen roten Faden gibt, der sich durch unsere Arbeit zieht, dann ist es der Versuch, Architektur, Technologie und Natur miteinander zu verbinden. Für uns sollten diese drei Bereiche nicht im Widerspruch stehen, sondern in einer harmonischen Symbiose zusammenwirken.
Ein Schlüsselprojekt war für uns die multimediale Installation „Laboratorium Silencii”, die wir für den Tschechischen Pavillon auf der EXPO 2015 in Mailand entwickelt haben. Dieses Projekt haben wir nicht nur entworfen, sondern gemeinsam mit unserem Team auch eigenhändig realisiert.
Damals wurde uns bewusst, dass wir in der Lage sind, unsere Ideen und Visionen tatsächlich in gebaute Realität zu übersetzen. Zugleich markierte dieses Projekt den Beginn unseres Weges – weg von der klassischen Architektur hin zu Arbeiten an den Schnittstellen von Raum, Technologie und künstlerischer Inszenierung. In diese Entwicklung reiht sich auch der Pavillon für die Frankfurter Buchmesse ein.
Für uns ist er weit mehr als eine Ausstellung über Bücher. Er ist der Versuch, den Akt des Lesens selbst in ein räumliches Erlebnis zu verwandeln – ein Thema, das unsere Arbeit seit vielen Jahren begleitet und prägt.
