Wie Böhmen ans Meer kam

Auf den ersten Blick ist es unmöglich. Ein Land ohne Meer, das plötzlich an der Küste liegt? Der Satz „Böhmen liegt am Meer“ ist längst nicht mehr nur ein Fehler auf der Landkarte. Er ist zu einem Leitmotiv geworden, zu einem Bild, zu einem Gedicht und zum Titel einer Ausstellung. Vor allem aber zu einem eigentümlichen europäischen Traum von einem Ort, der nicht existiert – und den wir dennoch sehen können.

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Die Geschichte beginnt bei Shakespeare. In seiner Romanze The Winter’s Tale erscheint die Bühnenangabe sea-coast of Bohemia – die Küste Böhmens.

Doch Böhmen hat kein Meer, und hatte auch nie eines. Gerade deshalb wirkt dieses Detail so eigentümlich stark. Ob es sich um einen Irrtum oder eine bewusste Fiktion handelt, werden wir wohl nie erfahren. Vielleicht ist es aber etwas Drittes: der Moment, in dem Literatur aufhört, die Welt nur zu beschreiben, und beginnt, sie umzuschreiben. Böhmen erscheint so erstmals auf einer Karte, die es nicht gibt.

Der Glaube an das Unmögliche

Mehrere Jahrhunderte später kehrt diese Imagination in anderer Form zurück. Bei Ingeborg Bachmann geht es nicht mehr um Geografie, sondern um einen Zustand des Geistes.

In einer Zeit des stürmischen Zerfalls einer Liebesbeziehung schreibt sie einen Text, der beinahe wie ein Rettungsboot wirkt. 1964 entsteht eine der eindrucksvollsten literarischen Therapien: das Gedicht Böhmen liegt am Meer. Nicht als Ort. Sondern als Möglichkeit.

Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

In dieser Version ist das Meer kein Horizont mehr. Es ist ein inneres Gleichgewicht zwischen Vertrauen und Verlust. Und Böhmen wird zu einem Ort, an dem der Mensch wieder lernen kann, der Welt zu vertrauen.

Archiv der Erinnerung

Dann kommt Anselm Kiefer. Seine monumentalen Bilder tragen denselben Titel: Böhmen liegt am Meer. Diesmal geht es jedoch nicht um tröstende Poesie.

Schicht um Schicht – Pigment, Sand, Stroh und organische Reste – formen eine Landschaft, die an eine Welt nach der Katastrophe erinnert. Das Bild wirkt nicht wie ein Fenster zur Realität, sondern eher wie ihr Sediment, wie Überreste von etwas, das zerfallen ist.

Und das Meer? Es erscheint auf der Leinwand kaum. Gerade seine Abwesenheit ist entscheidend. Kiefer zeigt keinen Ort, an dem das Meer ist. Er zeigt eine Welt, in der von ihm nur die Sehnsucht geblieben ist. Böhmen am Meer verwandelt sich so in ein Archiv der Erinnerung – in einen Raum, der zwar niemals Meer sein wird, aber die Möglichkeit der Heilung durch schmerzhaftes Erinnern in sich trägt.

Es existieren zwei Hauptversionen dieses Bildzyklus: Eine befindet sich in den Sammlungen des Metropolitan Museum of Art in New York, die andere im Museum Frieder Burda in Deutschland. Genau dieses Bild ist derzeit in der Reithalle der Prager Burg zu sehen; Kurator der Ausstellung Fragmente der Erinnerung ist Jiří Fajt.

Ein Ort, der nicht auf der Karte steht

Aus einem Satz, der als geografisches Paradox begann, ist allmählich eine Denkweise geworden. Er erinnert daran, dass die Grenze zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen nicht fest ist – wir haben uns nur an sie gewöhnt. Um das Meer zu sehen, brauchen wir keinen Hafen. Es genügt der Mut, es sich vorzustellen.