Wir sind kein Museum, versichert David Stecher vom Prager Literaturhaus

Er ist seit mehr als dreißig Jahren auf dem Gebiet der tschechisch-deutschen Beziehungen tätig. Seit 2012 ist er Direktor des Prager Literaturhauses der deutschsprachigen Autoren. Von dort aus setzt David Stecher das Phänomen der tschechisch-deutsch-jüdischen kulturellen Koexistenz fort.

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Von all seinen bisherigen, nicht minder bedeutenden Berufserfahrungen hat David Stecher die längste Zeit das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren geleitet. So vertrat er beispielsweise den Tschechisch-Deutschen Zukunftsfonds, war Direktor des Tschechischen Zentrums in München und gründete das Tschechische Zentrum in Tel Aviv. Mit dem Prager Literaturhaus ist er seit dessen Gründung verbunden, wo er Mitglied des Aufsichtsrates war. Eine der drei Mitbegründerinnen, Lenka Reinerová, hatte einen großen Einfluss auf seine Entscheidung, Direktor dieser Einrichtung zu werden.

Verbindungen in der Stiftung

Für Stecher stellt das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren die Gelegenheit dar, alle seine bisherigen beruflichen Erfahrungen zur Geltung zu bringen.  “Unsere Einrichtung ist kein Museum. Wir verbinden alle deutschsprachigen Subjekte und verknüpfen Kultur und Literatur”, sagt der Direktor, der schon Erfahrungen in der  Privatwirtschaft, im staatlichen Sektor, wie auch im Non-Profit-Bereich gesammelt hat. Das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren wurde von einer Stiftung gegründet, um ein kulturelles Zentrum zu schaffen, das das einzigartige Phänomen der tschechisch-deutsch-jüdischen kulturellen Koexistenz dokumentiert. Initiatoren waren die letzte deutschsprachige Autorin in Prag, Lenka Reinerová, der ehemalige Botschafter František Černý und der Vorsitzende der Franz-Kafka-Gesellschaft, Kurt Krolop.

Das Erbe des Arco Café

Arco will allen Strömungen Raum geben. “In der Vergangenheit lebten hier Tschechen, Deutsche und Juden in absoluter Harmonie. Im Café Arco trafen sich alle, von Rilke bis Kafka”, sagt Stecher und verweist auf das berühmte Prager Café, das als wichtiges kulturelles Zentrum Prags galt. Es war vor allem ein Treffpunkt für die Prager Literaten und Intellektuellen, die sich schließlich zum Café Arco Verein zusammenschlossen.

(c)PLD
David Stecher, Direktor des Prager Literaturhauses der deutschsprachigen Autoren auf dem Bot Avoid Floating Gallery foto: (c)PLD

Die Erweiterung des Horizonts

Heute treffen sich tschechische und deutsche Autoren sowie Interessengemeinschaften unter der Schirmherrschaft des Prager Literaturhauses, das beispielsweise als einzige Institution in der Tschechischen Republik den so genannten literarischen Austausch, einschließlich Aufenthaltsstipendien, initiiert. “Wir bringen Tschechen nach Deutschland und Österreich und umgekehrt. Wir lassen nicht nur die multikulturellen Traditionen Prags wieder aufleben, sondern unterstützen auch Autoren bei ihrer kreativen Tätigkeit. Ihre Blogs, die sie dann im Ausland schreiben, erfreuen sich großer Beliebtheit. Zum Beispiel der Blog von Alena Ježková aus Bremen oder Ivan Fíla oder Petr Borkovec aus Kassel”, nennt Stecher Beispiele und fügt hinzu, dass sie somit versuchen, andere Metropolen als Berlin oder München für Tschechen zu entdecken.

Vom Deutschen ins Tschechische und umgekehrt

Die deutsche Literatur ist – nach der englischen – das am zweithäufigsten ins Tschechische übersetzte ausländische Buch. Dies ist ein weiterer Grund für die Organisation von Veranstaltungen in Form von Literatur- und Diskussionsabenden, Literaturwettbewerben für Schüler oder literarischen Spaziergängen und interaktiven Kundgebungen in der Hauptstadt.

Nach Ansicht des Direktors des Prager Literaturhauses ist aber auch die umgekehrte Richtung erwähnenswert: Übersetzungen aus dem Tschechischen ins Deutsche. Unter den zeitgenössischen tschechischen Autoren gilt das größte Interesse den Übersetzungen der Werke von Radka Denemarková, Jaroslav Rudiš, Heinrich Manns Enkel Jindřich Mann, aber auch von den beliebten Michal Vieweg, Irena Dousková, Jiří Hájíček, Jakub Katalpa, Kateřina Tučková, Lucie Faulerová und dem Dichter Radek Fridrich.

Vorträge und Veranstaltungen unter freiem Himmel

Wer sich für die Spuren deutschsprachiger Autoren in Tschechien, für den berühmten Prager Kreis um Franz Kafka, Max Brod und Egon Erwin Kisch oder für die Prager Gegenwartsliteratur interessiert, tut gut daran, das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren mit seinem Kabinett der Prager deutschsprachigen Literatur zu kennen. “Wir halten dort regelmäßig Vorträge, aber das Kabinett dient auch als wertvolle Bibliothek und Ausstellungsraum. Freuen Sie sich neben Autorenlesungen auch auf Open-Air-Veranstaltungen wie unser Highlight Literatur im Park, Literatur im Freien oder die literarisch-musikalische Veranstaltung Literatur an der frischen Luft im Sommer und Frühherbst”, lädt Direktor David Stecher zu den geplanten Veranstaltungen ein.

Veranstaltungen des Prager Literaturhauses:

Literarischer Abend über Max Zweig in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum

Donnerstag, 23. Juni um 19 Uhr.

Maisel-Synagoge, Maiselova 10, Prag 1

Utz Rachowski, Petr Placák

Montag, 27. Juni um 20 Uhr.

Avoid Floating Gallery an dem als „Náplavka“ bekannten Teil des Moldauufers bei Výtoň, Prag 2

Tag der offenen Tür in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland

Dienstag, 28. Juni

Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Vlašská 19, Malá Strana

12. Festival Literatur im Park

Sonntag, 18. September ab 14.00 Uhr

Prague central camp, Nad Ohradou 2667/17, Prag 3- Žižkov

David Stecher

David Stecher ist studierter Germanist und war stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Prag. Er vertrat den Tschechisch-Deutschen Zukunftsfonds im Tschechischen Rat für die Opfer des Nazismus und saß auch als Vertreter des Tschechisch-Deutschen Zukunftsfonds im Tschechischen Rat für die Opfer des Nationalsozialismus. Im Jahr 2004 wurde er für vier Jahre Direktor des Tschechischen Zentrums in München. 2009 gründete er das Tschechische Zentrum in Tel Aviv, wo er vier Jahre lang als Direktor tätig war. Ende 2012 wurde er Direktor des Prager Literaturhauses, mit dem er seit seiner Gründung als Mitglied des Aufsichtsrats verbunden ist.

Foto: Kateřina Sýsová

Mit dem Literaturhaus beschäftigt sich auch die neue Ausgabe des N&N Czech-German Bookmag. Das tschechisch-deutsche Buchmagazin können sie ab Ende Juni in den tschechischen Buchläden bzw. bei dem Verlag Albatros Media kaufen.

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