Claudia Bousset: Salons sind ein Hort der Freiheit und der Kunst des Gesprächs

Claudia Bousset pflegt seit 2014 die Kultur der Salontreffen in Deutschland. Unter ihren Fittichen und unterstützt von ihrem 18-köpfigen Team haben bereits mehr als 1 200 Salontreffen stattgefunden.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Salony jsou hájemstvím svobody a umění konverzace

Claudia, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Initiative Salonfestival  zu gründen?

Ich bin seit 20 Jahren in der Salonkultur zu Hause. Die Salonkultur habe ich zunächst in und um Köln entwickelt. Ich habe schnell gemerkt, welche Kraft und Energie der Besuch eines Salons auf die Menschen ausübt. Diese Art, sich in kleinen Gruppen zu treffen und mit einem hohen Maß an Gelehrsamkeit zu debattieren, macht mir auch nach all den Jahren noch Spaß. Unser Ziel ist es, immer mehr Menschen das Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln und für einen gemeinsamen Weg in der Bürgergesellschaft zu begeistern. Der Salon ist ein Ort, an dem Sie neues Wissen erwerben können, aber vor allem ist er eine Gelegenheit, “zusammen zu sein” und Ideen von Angesicht zu Angesicht auszutauschen. Wir leben in einer Zeit, die uns in vielen Bereichen an gewisse Grenzen gebracht hat. Und wir müssen nach neuen Wegen suchen. Die moderne Version des Salons ist – wie die historischen Vorbilder der Salons in den vergangenen Jahrhunderten – ein gewisses Testfeld für neue Ideen und ein Raum zum Nachdenken, eine öffentliche Bühne für die Wissenschaft und auch eine großartige Gelegenheit für Künstler, in einem einzigartigen Rahmen aufzutreten.  

Worin besteht die Exklusivität, die jedem guten Salon eigen ist? 

Die Exklusivität liegt vor allem in der Größe des Salons, d. h. in seinem intimen Raum. Hier begegnen sich die Menschen, sprechen auf Augenhöhe miteinander, nähern sich einander körperlich an. Jeder ist eingeladen, sich zu beteiligen und mitzudenken. Dieser kleine Kreis ist – obwohl er der Öffentlichkeit zugänglich ist – vor allem ein sicherer, bzw. geschützter Raum. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, immer wieder neue Ideen hervorzubringen, ohne uns Gedanken darüber zu machen, was die Öffentlichkeit, was die Massen dazu sagen werden. Der Salon gibt uns den Freiraum, den wir dafür brauchen.

Sie haben vor kurzem auch mit der digitalen Übertragung begonnen und bereits über 200 digitale Salons organisiert… Verliert sich dabei nicht die notwendige persönliche “Aura” des klassischen Salons? 

Auch in der digitalen Version der Treffen behalten wir das Salon-Layout bei, d.h. hier treffen sich etwa 40 Personen zum Gespräch. Und es ist auch immer ein kreativer und inspirierender Impuls von einem Experten notwendig, nach dessen Präsentation die Diskussion beginnt. Die digitale Version ermöglicht es, Kontakte zu knüpfen, die sich in der realen Welt aus zeitlichen oder finanziellen Gründen nur schwer oder gar nicht herstellen ließen.

Danuše Siering und Claudia Bousset beim Tschechisch-Deutschen Salon in Prag. Foto: Tomáš Železný

Viele der Themen, die uns heute beschäftigen, sind globale Probleme – wir sind alle eine große globale Gesellschaft, die mit diesen Problemen konfrontiert ist. Und hier spielen diese “Salons auf Fernzugriff” ihre unverzichtbare Rolle. 

Sie erwägen eine Ausweitung Ihrer Aktivitäten über Deutschland hinaus. Welche Pläne haben Sie diesbezüglich? 

In Europa leben unsere Nationen zusammen, aber oft sozusagen Seite an Seite.  In vielerlei Hinsicht kennen wir uns gegenseitig immer noch nicht sehr gut. Die Salons sind ein äußerst wirksames Instrument, um den  gemeinsamen bürgerlichen, intellektuellen und kulturellen Raum stärker zu verbinden.  Wir haben die Salonkultur bereits in Südtirol, Finnland und sogar außerhalb Europas – in Südafrika – wiederbelebt. Unser Konzept wurde also in drei sehr unterschiedlichen Kulturen getestet und ist überall gut angekommen. Das gibt mir Hoffnung für das Jahr 2023, in dem wir die Salons in ganz Europa entwickeln wollen. Denn Salons sind vor allem ein Ort der Inspiration, der Ermutigung. Ein Ort, an dem Ideen für eine bessere Zukunft geboren werden. 

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