Damit die tschechische Literatur in Deutschland bekannter wird

Nicht nur darüber sprach Danuše Siering mit dem Stuttgarter Verleger Afred Klemm.

Tschechische Literatur ist präsent, aber nicht im Zentrum des deutschsprachigen Buchmarkts. Sie bewegt sich zwischen Sichtbarkeit und Randlage – geschätzt, aber nicht als Mainstream-Segment wahrgenommen.

Vielleicht wird sich daran auch mit unserem Buch über Bücher nichts grundlegend ändern. Dennoch haben wir uns entschieden, dem deutschsprachigen Publikum dreißig Autoren aus hundert Jahren tschechischer Literatur näherzubringen. Keine Enzyklopädie, kein Katalog, sondern eine vielseitige literarische Visitenkarte mit Essays, Texten, Fotostories, Werkauszügen, Illustrationen und Zitaten. Ein Buch, das Lesen zu einem literarischen und visuellen Erlebnis macht.

Damit dieses Projekt Realität werden konnte, brauchte es mehr als eine Idee – einen deutschen Verlag, der daran glaubt. Mit Alfred Klemm aus dem Alfred Kröner Verlag haben wir genau diesen Partner gefunden.

Seit über 125 Jahren steht der Kröner Verlag für Philosophie und Geisteswissenschaften und inzwischen auch für anspruchsvolle Belletristik. Mit Autoren wie Friedrich Nietzsche prägte er früh das kulturelle Denken im deutschsprachigen Raum. Bis heute verbindet er klassische Bildung mit moderner Offenheit – in sorgfältig gestalteten, gut lesbaren Büchern für kulturinteressierte Leser.

Dieses Gespräch markiert den Beginn unserer gemeinsamen Reise. Wir laden Sie ein, seine Gedanken mit uns zu entdecken.

Herr Klemm, was bedeutet es für Sie persönlich, ein solches traditionsreiches Familienunternehmen heute in die Zukunft zu führen?

Regelmäßig kommen Menschen auf mich zu, die Bücher aus dem Kröner Verlag in ihrem Studium und darüber hinaus begleitet haben. Seit wir auch Belletristik verlegen, hat sich der Kreis unserer Leserschaft nochmals vergrößert, und jede dieser positiven Rückmeldungen macht mich sehr glücklich und ist eine Bestätigung für alle, die für den Verlag gearbeitet haben und noch arbeiten.

Sie stehen dem Verlag in vierter Generation vor. Wie hat sich die Rolle des Verlegers in den letzten Jahrzehnten gewandelt?

Der Verleger eines Verlags von der Größe des Kröner Verlags muss heutzutage viel mehr unterschiedliche Aufgaben übernehmen, als dies früher der Fall gewesen ist. Durch die technische Entwicklung im weitesten Sinne gibt es viel mehr Möglichkeiten, die ich als Verleger überblicken muss. Beispielsweise gab es früher eine überschaubare Anzahl an Medien, auf die man sich bei der Pressearbeit konzentriert hat, weil dies der Ort war, an dem sich die Menschen über neue Bücher informiert haben. Inzwischen gibt es unzählbare Kanäle, über die Informationen verbreitet und bezogen werden, und für mich als Verleger ist es eine der größten Herausforderungen, herauszufinden, über welchen Kanal welches Buch die besten Chancen auf Sichtbarkeit hat. Zudem ist es für unabhängige Verlage viel schwieriger geworden, Sichtbarkeit zu erhalten, sowohl im Buchhandel als auch in den Medien.

In Zeiten von Digitalisierung und schnellen Medien: Warum brauchen wir das gedruckte Buch weiterhin?

Inzwischen ist es erwiesen, dass die Aufnahme von Informationen über ein gedrucktes Buch viel effektiver und nachhaltiger ist als über einen Bildschirm. Beim Lesen in einem Buch muss ich blättern, ich sehe, wo auf der Doppelseite die Information verortet ist, ob diese eher am Anfang oder am Ende des Buches oder auch einer Seite zu finden ist. Der Bildschirm hingegen ist immer der gleiche, egal ob ich einen Krimi, ein Fachbuch oder einen Bildband lese. Je mehr Sinne und unterschiedliche Szenarien ich mit einem Inhalt verknüpfen kann, desto mehr verfestigt sich das Gelesene. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass in skandinavischen Schulklassen auf einmal wieder gedruckte Bücher zum Einsatz kommen. Auch haben wir gelernt, dass über die Smartphones das Bildschirmwissen jederzeit abrufbar ist. Warum sollten wir es uns also mühsam einprägen? Wer also Inhalte verinnerlichen möchte, der ist mit einem gedruckten Buch besser beraten. Hinzu kommt natürlich ganz einfach der Lesegenuss, der für mich beim gedruckten Buch bei Weitem überwiegt. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass es keine Felder gibt, auf denen der Einsatz von digitalen Medien nicht sinnvoller wäre, als der eines gedruckten Buches.

Woran erkennen Sie ein „gutes Buch”?

Für mich ist die Sprache, also die Art, wie ein Text geschrieben ist, maßgeblich. Wenn die Sprache nicht passt, dann kann der Inhalt noch so interessant sein. Natürlich reicht eine gute Sprache allein aber nicht aus, sondern der Text muss auch inhaltlich überzeugen. Wenn beides gegeben ist, dann ist es an uns, aus dem guten Text, durch ein sorgfältiges Lektorat, einen passenden Satz und eine passende Produktion, ein gutes Buch zu machen.

Welche Bedeutung hat die Gestaltung eines Buches für Sie – Papier, Einband, Typografie, Haptik?

Wie ich zuvor auch schon gesagt habe, ob der Inhalt eines Buches zur Geltung kommt, hängt maßgeblich davon ab, wie er präsentiert wird. Entsprechend legen wir großen Wert auf die Einbandgestaltung, die Wahl der Materialien und überlegen uns genau, welches Format und welche Typografie zu welchem Inhalt am besten passen. In enger Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren versuchen wir die passendste Lösung für den jeweiligen Text zu finden.

Was hat Sie an unserem Projekt Buch über Bücher überzeugt, dass Sie gesagt haben: „Das machen wir”?

Mich hat sofort die Idee und deren Umsetzung überzeugt. Tschechien ist das Nachbarland, mit dem wir, neben Österreich, die längste gemeinsame Grenze haben. Trotzdem wissen die meisten Deutschen nur wenig über dieses Land und noch weniger über die Tschechische Literatur. Das Buch über Bücher wird aus meiner Sicht seinen Teil dazu beitragen, den Reichtum der literarischen Landschaft Tschechiens in Deutschland bekannter zu machen.

Viele der im Buch porträtierten Autoren – von Čapek über Kafka bis Kundera und Denemarková – sind in Europa bekannt, werden aber oft nur fragmentarisch gelesen. Was kann ein neues Buch über sie leisten?

Die sehr individuell gestalteten Porträts der Autorinnen und Autoren rufen in Erinnerung, machen neugierig und schlicht Lust zu lesen. Besonders reizvoll am Buch über Bücher finde ich aber, dass jenseits der bereits in Europa arrivierten Literaten auch noch zahlreiche weitere vorgestellt werden, die nur darauf warten, auch außerhalb Tschechiens entdeckt zu werden.

Was wünschen Sie sich, dass Leser in Deutschland aus diesem Buch mitnehmen?

Dass wir durch das Buch einen unserer östlichen Nachbarn besser kennenlernen. Literatur ist in der Lage zu verbinden, Verständnis zu schaffen, und das brauchen wir gerade in Europa mehr denn je.

Wenn Sie jungen Menschen heute ein einziges Buch empfehlen müssten – welches wäre es?

Das eine Buch gibt es nicht für mich. Dafür sind wir Menschen zum Glück zu unterschiedlich und gerade in heutigen Zeiten mit AI und Co. ist es wichtiger denn je, dass wir alles dafür tun, den Reichtum der Literatur zu erhalten. Ich habe nur eine Empfehlung an junge Menschen: Lest Bücher, also längere, zusammenhängende Texte, denn diese Art der Bereicherung, die alle Sinne mitnimmt und wirklich leben lässt in anderen Lebenswelten, gibt es im Netz nicht.

Und ganz persönlich: Gibt es ein Buch, das Ihr Leben oder Ihren Blick auf die Welt nachhaltig geprägt hat?

Da muss ich passen. Natürlich gibt es Bücher, die mich schwer beeindruckt haben und noch immer beeindrucken, Bücher, die Denkanstöße oder manchmal sogar Lösungen für Probleme oder Fragen liefern, die mich beschäftigen oder beschäftigt haben. Aber dieses eine Buch gibt es bei mir nicht. Was ich aber sicher sagen kann, ist, dass das Lesen einen großen Einfluss auf mein Sein hat.

Die Herausgeberin Danuše Siering und der Verleger Alfred Klemm