Jakobsweg – nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen

Drei Schwestern auf der Pilgerreise nach Santiago de Compostela
Unsere Beine können vieles aushalten… Was aber treibt Millionen von Menschen dazu, die mehrwöchige oder monatelange Pilgerreise nach Santiago de Compostela zu Fuß anzutreten? Das erfahren Sie im Bericht einer Teilnehmerin.

Erste Schritte, Dreirad fahren, Akrobation auf dem Fahrrad, einen Marathon laufen. Unsere Beine halten vieles aus… Was aber treibt Millionen von Menschen dazu, die mehrwöchige oder monatelange Pilgerreise nach Santiago de Compostela zu Fuß anzutreten, sich dem Wetter, der Natur, den Stimmungen von sich selbst und anderen hinzugeben und dabei mindestens einen zehn Kilogramm schweren Rucksack über Hunderte von Kilometern auf dem Rücken zu tragen? Der Grund dafür ist sicherlich nicht nur das demütige Gefühl des Triumphs, wenn man die majestätische Kathedrale von Santiago de Compostela betritt und hört, wie sein Name bei der Pilgermesse in Gesellschaft vieler Peregrinos aus der ganzen Welt verlesen wird. 

Danuše Siering
Das gelbe Muschel-Emblem ist Wegweiser der Pilger Foto: Danuše Siering

Ich gebe zu, es ist nicht leicht, die Zeit und den Mut zu finden, diese Reise anzutreten. Neben der körperlichen Anstrengung ist es auch notwendig, mit sich selbst und mit eigenen Gedanken bereit allein zu sein, und den subtilen Ereignissen um uns herum und in uns selbst volle Aufmerksamkeit zu schenken. Kein Weg ist für einen Menschen schwerer als der, der ihn zu sich selbst führt (Hermann Hesse). Man muss sich auch mit der Tatsache abfinden, dass sich jetzt sowieso nichts ändern kann, weit weg von zu Hause und oft auch vom Internet. Vielleicht am schwierigsten ist es, zu Beginn alle “Nein-gründe” zu beseitigen, warum die Reise und all dies im Moment nicht möglich ist.


Es gibt drei anerkannte Möglichkeiten, den Pilgerweg zu bewältigen – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder zu Pferd. Noch im Jahr 2019, machten sich rund 350 000 Pilger auf den Jakobsweg, heute sind es nicht einmal halb so viele. Die verwendeten Routen bleiben jedoch gleich. Mehr als die Hälfte der Pilger nimmt den traditionellen französischen camino frances, nur eine Minderheit wagt sich auf den beschwerlichen camino norte und knapp ein Drittel nimmt den portugiesischen camino portugues. Letztere bietet zwei Möglichkeiten: von Lissabon im Landesinneren oder von Porto an der Küste entlang. Und gerade diese ist für zwei Wochen unseres Zuhause gewesen.

Auf dem Weg nach Compostela wurden wir von unvergesslichen Sonnenuntergängen begleitet Foto: Danuše Siering


Am 1. Mai standen wir drei Schwestern in der Kathedrale von Porto und holten unseren Pilgerpass credencial de peregrino ab, in dem wir die Stempel unserer Reiseziele sammeln würden. Die Länge von 240 km ist ideal für diejenigen, die nicht so lange unterwegs sein wollen oder können (für den camino frances sind mindestens zwei Monate erforderlich). Aber auch für Liebhaber der unberührten Natur, der wilden Meeresküste und der frischen Meeresfrüchte in all ihren Variationen. Der Küsten-Camino ist einer der jüngsten Pilgerwege, der erst 2015 offiziell eröffnet wurde, obwohl Teile des Weges in seiner mehr als tausendjährigen Geschichte seit jeher genutzt wurden. Er ist fast das ganze Jahr über begehbar, aber von November bis April muss man mit Starkstürmen rechnen. Und wenn es in Galicien regnet, regnet es viel.

Die majestätische Kathedrale in Santiago de Compostela ist das Ziel aller Pilger

Jeder Pilger hat einen anderen Grund, sich auf den Weg zu machen. Der Camino gibt aber nicht, was du willst, er gibt dir, was du brauchst. Ich weiß nicht, ob ich das Glück gehabt hätte, diese einzigartigen Momente in meinem Leben zu erleben, wenn unsere jüngste Schwester sich vor Jahren zu ihrem runden Geburtstag nicht gewünscht hätte, dass wir diese Pilgerreise gemeinsam gehen würden. Wir erfüllten ihr diesen Wunsch und versprachen uns bei unserer Abreise, dass wir nach Compostela zurückkehren würden.

Corona hat unsere Vorbereitungen 2x verschoben. Nun standen wir endlich in Porto mit unseren Rucksäcken auf dem Rücken (es gibt auch die Möglichkeit, sich das Gepäck fahren zu lassen). Da wir keine Lust hatten, durch den industriellen Teil der Wiege des berühmten Portweins zu laufen, fuhren wir mit der S-Bahn bis hinter den Hafen. Die Luft roch nach Meer, die Holzstege waren in perfektem Zustand, überall blühte gelber Ginster und die Möwen schrien um die Wette. Von nun an war das gelbe Muschel-Emblem unser Wegweiser. Der Mai 2022, mit 20 Grad und wolkenloser Himmel, war für alle Pilger eine ideale Zeit. Und das alles begleitet von einem Lächeln, Grüßen und Wünschen der Einheimischen: Buen camino!

Was bedeutet es für euch den Camino zu gehen? 

– Erlebnisse, Zusammensein, Entspannung.

– Eine Kombination aus körperlicher Anstrengung und Entspannung für Körper und Geist.

– Eine Flucht aus der Welt der Realität, als ob sich die Zeit verlangsamt und doch jeder Moment intensiver ist.

Der Camino ist über tausend Jahre alt. Warum, glaubt ihr, machen die Menschen diese Reise immer noch?

– Das ist das Beste, was die Menschen für sich selbst tun können.

– Was die Menschen suchen, finden viele hier.

– Das ist eine der wenigen Möglichkeiten, für einen Augenblick zu verweilen.

Würdet ihr den Camino alleine gehen?

– Wenn ich eine Lebensentscheidung zu treffen hätte, würde ich es alleine gehen.

– Ich würde es wahrscheinlich nicht tun, weil ich nicht gerne allein bin.

– Wenn ich allein unterwegs wäre, würde ich wahrscheinlich camino frances wählen. Der Weg ist bekannter, es gibt dort mehr Menschen, ist kommunikativer. Man kann wahrscheinlich auf ein Mobiltelefon verzichten; es gibt mehr Unterkünfte und die Beschilderung ist ausreichend.

Ist der Camino bezahlbar?

– Stimmt, auf dem Küsten-Camino hat die Karte ein bisschen geweint. Die Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten ist nicht so groß wie auf der französischen Route, wo es auch eine Reihe von Gemeinschaftsherbergen für “echte” Pilger gibt. Ich würde dort aber nicht mehr schlafen wollen.

– An der Küste gibt es bessere, aber auch teurere Restaurants als im Landesinneren.

– Ich würde sagen, man muss mindestens Tausend Kronen pro Tag einplanen, wenn man auch zumindest einen Grundstandard aufrechterhalten will… ausgezeichneter Wein inklusive.

Foto: Danuše Siering

Erlebnisse, die man nicht vergisst?

– Die ganze Reise ist ein schöner Moment der Überraschung. Zum Beispiel, wenn man abends ein Restaurant sucht und am Ende feststellt, dass das Geräusch von klirrendem Besteck, dem man hungrig hinterherläuft, am Ende die Polizisten sind, die Hunderte von Flaschen in einem Müllcontainer entsorgen.

– Eine abendliche Bootsfahrt in Finestra und die schönsten Sonnenuntergänge.

– Ich bin fasziniert von der Selbstregeneration des Körpers. Abends taten mir manchmal die Füße so weh, dass ich dachte, ich würde die Treppe des Gästehauses nicht mehr hinaufkommen, und ich fiel oft ins Bett, anstatt mich hinzulegen. Und am Morgen bin ich frisch und munter aufgestanden. Der Camino nimmt deine ganze Kraft und gibt sie dir in dreifacher Hinsicht zurück. Das ist ein Phänomen für mich.

Welche Botschaft haben wir für diejenigen, die überlegen, ob sie gehen sollen oder nicht?

Leute, habt Mut, habt Selbstvertrauen und geh los!

Der Moment, in dem die Pilger den Hauptplatz von Santiago de Compostela erreichen und zur Kathedrale hinaufschauen, ist wirklich magisch. Manche schreien, manche weinen, manche kommen schweigend an, andere werden lautstark von ihren Anhängern begrüßt. In diesem Moment mischen sich in uns Gefühle von Freude und Traurigkeit. Denn die Ziellinie zu erreichen, bedeutet auch, wieder einmal einen unserer Wünsche zu begraben. Manuel, über 80 Jahre alt, sitzt auf der Treppe, seine abgetragenen Schuhe liegen ordentlich neben seinem Rucksack und dem Pilgerstab. Tränen stehen ihm in den Augen. “Ich habe 800 Kilometer des camino frances zurückgelegt, ich habe das Ziel erreicht und jetzt bin ich traurig. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll.” Ich fragte ihn, ob er nicht vorhabe, den camino norte zu gehen. Es ist ein anspruchsvoller Weg, vor dem ich selbst Respekt habe… Wo der Camino endet, beginnt ein neuer Weg.

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