Im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse werde ich in Deutschland immer häufiger nach den wichtigsten Meilensteinen der tschechischen Literatur gefragt. Ich habe sie hier vereinfacht und zugleich übersichtlich zusammengefasst – für alle, die sich für die tschechische Literatur im Kontext ihrer Geschichte und Gegenwart interessieren.
Franz Kafka war deutschsprachig, lebte in Prag und war tschechoslowakischer Staatsbürger. Hrabal schrieb unter Zensur, Kundera im Exil. Und heute schreiben junge tschechische Autorinnen über Geschichte, Erinnerung und nationale Mythen. Was verbindet diese so unterschiedlichen literarischen Welten? Vielleicht gerade die Tatsache, dass sich tschechische Literatur nie ganz in eine Schublade stecken ließ.
Wenn man über die tschechische Literatur spricht, denkt man schnell an einzelne große Namen. Interessanter wird es jedoch, wenn man nach den Momenten fragt, in denen sie eine besondere internationale Ausstrahlung entwickelte. Drei solcher Phasen lassen sich erkennen.
Die goldene Zwischenkriegszeit
Prag war in den 1920er und 1930er Jahren ein außergewöhnliches literarisches Zentrum Europas. Hier begegneten sich die tschechische und die deutschsprachige Literatur: Jaroslav Hašek, Karel Čapek und Vítězslav Nezval auf der einen, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel und Max Brod auf der anderen Seite. Und dazwischen Franz Kafka – in Prag geboren und dort fast sein ganzes Leben verbracht, deutsch schreibend, zunächst österreichisch-ungarischer und später tschechoslowakischer Staatsbürger.
Also: Wem gehört Kafka – den Deutschen oder den Tschechen?
Vielleicht liegt die Antwort gerade darin, dass er beiden und keinem ganz gehört. Kafka ist ein Kind des deutschsprachigen Prag, aber ebenso ein Produkt dieser einzigartigen böhmischen, tschechischen, deutschen und jüdischen Kultur. Heute gehört er bei Google zu den meistgesuchten Literaten der Welt. Sein Name allein ist ein Statement.

Literarische Moderne der 1960er und 1970er Jahre
Nach dem Zweiten Weltkrieg gerät die tschechische Literatur zunehmend unter den Druck der politischen Verhältnisse. Die eigentliche literarische Explosion kommt in den 1960er Jahren: mit Bohumil Hrabal, Milan Kundera, Václav Havel und vielen anderen. Nach dem Prager Frühling 1968 wird diese Entwicklung gewaltsam unterbrochen.
Die literarische Landschaft teilt sich in offizielle, verbotene und im Exil entstandene Werke. Gerade im Exil entstehen bedeutende tschechische Werke und neue Verbindungen zum Ausland. Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle – unter anderem durch Michael Krüger, der beim Carl Hanser Verlag zahlreiche tschechische Autoren dem deutschen Publikum zugänglich machte. So wurde aus der politischen Teilung zugleich eine literarische Brücke zwischen Prag und dem Westen. Die tschechische Literatur fand trotz Zensur und Exil ihren Weg in die Welt.
Die Gegenwartsliteratur nach 1989
Die dritte Phase beginnt mit der politischen Freiheit nach 1989. Sie ist befreit von Zensur und den alten ideologischen Lagern – aber keineswegs frei von der Auseinandersetzung mit Geschichte, Erinnerung und nationalen Mythen.
Kateřina Tučková, Radka Denemarková und Alice Horáčková stehen für eine neue Generation von Stimmen, die sich neuen Themen und Perspektiven öffnen und auch international Resonanz finden. Die starke Präsenz weiblicher Stimmen gibt der tschechischen Literatur neue Perspektiven und eine spürbare literarische Erneuerung.
Eine weitere Befreiung liegt auch im Blick auf die eigene Geschichte: weg von einer allzu einfachen Erzählung von Opfern und Tätern. Die Literatur der Gegenwart entdeckt zunehmend die Zwischenräume und hinterfragt die Geschichte neu.
Vielleicht liegt genau darin die interessanteste Entwicklung der tschechischen Literatur heute: Sie muss nicht mehr beweisen, wer zu wem gehört. Sie kann fragen, was zwischen den Grenzen liegt.
Alle genannten Persönlichkeiten aus der Welt der Literatur sind Teil unseres Buches über Bücher, das wir schon bald auf der 78. Internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main vorstellen werden.
