In den Monaten, in denen wir an unserem Buch über Bücher. 30 tschechische Autor:innen, die man lesen sollte, arbeiteten, trieb uns unser Ziel an: Frankfurt am Main. Eine Stadt, die in der Literaturwelt ein Synonym für Bücher ist. Und das gerade im Jahr 2026, wenn sich die Tschechische Republik bei dieser weltberühmten Buchmesse als Ehrengast präsentieren wird.
Die erste Euphorie überkam uns in der H.R.G. Druckerei in Litomyšl, als die Druckmaschinen begannen, frisch gedruckte Seiten des Buches auszugeben. Die nächste Freud stellte sich in dem Moment ein, als wir die fertige Publikation mit unseren Sinnen erlebten: Wir hielten sie in den Händen, rochen daran und blätterten darin. Wir wollten es all jenen zeigen, die daran mitgewirkt haben – den Autoren, Illustratoren, Verlegern, Buchhändlern und natürlich auch der deutschsprachigen Leserschaft. Wir wünschten uns, dass diese Bücherfreunde nach Frankfurt kommen und entdecken würden, was Interessantes die aktuelle tschechische Literatur hervorgebracht hat. Und wir hofften, dass sie dabei auch auf unser Buch über Bücher stoßen würden, dessen unverwechselbares Erscheinungsbild wir dem Grafiker Samuel Kubín verdanken.
Auf nach Frankfurt!
Auf jeden Fall war die 78. Frankfurter Buchmesse ein Erlebnis. Umso mehr für diejenigen unter uns, die noch nie dort waren. Sie ist grandios. Vom Hauptbahnhof aus gelangt man mit den Straßenbahnlinien 16 und 17 in nur wenigen Minuten zum Gebäudekomplex. An der Haltestelle „Festhalle“ ragt neben der Eingangshalle der Messe ein mehrstöckiger Backsteinturm empor, sodass man sich ordentlich nach hinten lehnen muss, um bis zu seiner Spitze zu blicken.
Die luftige Eingangshalle, in der ein großformatiges Plakat mit dem bekannten Slogan „CZECHIA: A COUNTRY ON THE COAST“ stolz prangt, führt über einen langen Gang zur ikonischen Messehalle, der Festhalle Messe Frankfurt, die von Sitzreihen auf den Rängen gesäumt ist. Sie steht hier seit 110 Jahren. Der Bau begann im Juni 1907, und schon nach knapp einem Jahr empfing sie die ersten Messebesucher. Die heutige Multifunktionshalle erhielt 1986 ihr heutiges Aussehen und ist seitdem Schauplatz grandioser Veranstaltungen: Hier traten bereits Chris de Burgh, Prince, die Red Hot Chili Peppers, David Copperfield oder Henry Maske auf. Anfang Oktober füllten jedoch Buchverlage die Halle. Und allen voran die tschechische Literatur.

Shakespeare, Bachmann und Kiefer
Frankfurt gehörte vom 7. bis zum 11. Oktober 2026 zu einem flächenmäßig kleinen Staat mitten in Europa, der jedoch über eine große literarische Tradition verfügt. Ein Land ohne Meer, aber an der Küste der Träume, wie es William Shakespeare – irrtümlich oder absichtlich – in seinem Wintermärchen bezeichnet hat. Diese Metapher tauchte erneut bei der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in ihrem späten Gedicht Böhmen liegt am Meer aus dem Jahr 1964 auf. Im Jahr 1996 griff der deutsche Neoexpressionist Anselm Kiefer sie in seinem großformatigen Gemälde mit dem Titel Böhmen liegt am Meer auf. Anstelle einer friedlichen Küstenlandschaft stellte der Künstler jedoch eine Straße und Felder mit Mohnblumen dar – einem Symbol für Kriegsveteranen – in der Farbe von getrocknetem Blut. Ein Land, das man niemals finden kann, das eine Utopie ist und das nie ein Meer hatte.
Dennoch war Tschechien als „Meer der Bücher“ in Frankfurt sichtbar, hörbar und greifbar. In das hessische Buchmekka kamen in diesem Jahr rund 4.000 Aussteller und 236.000 Besucher aus aller Welt. Tschechien entsandte 75 führende Persönlichkeiten der Literatur, 38 Verlage und rund 200 Buchübersetzungen ins Deutsche. Die Tschechen präsentierten sich im Tschechischen Pavillon auf zwei gegenüberliegenden Bühnen mit einer markanten futuristischen Installation des Studios JinJan, an den Regalen der Buchhandelsstände sowie am Stand der Tschechischen Nationalausstellung. Holztransportkisten erinnerten an einen Hafen. Der Stand bot nicht nur Raum für Gespräche der tschechischen Verlage mit ihren Partnern, sondern war auch ein Ort der Erholung sowie Schauplatz zahlreicher Auftritte und Begegnungen.
So fand hier beispielsweise ein Gespräch zwischen dem Übersetzer und Verleger Ondřej Cikán vom Wiener Verlag Kētos und einer der meistgelesenen zeitgenössischen tschechischen Autorinnen, Alena Mornštajnová, statt, die in Tschechien vom Verlag Host und in Deutschland vom Wieser Verlag vertreten wird. Zu den Diskussionsteilnehmern gehörte auch Danuše Siering von unserem deutsch-tschechischen Verlag Black Swan Media mit Sitz in Prag. Es wurden Fragen rund um literarische Innovation und Tradition erörtert sowie die Frage, welchen Büchern die Leserschaft den Vorzug gibt und welche Schätze der tschechischen Literatur die Verlage den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern anbieten.
Hinter den Messetoren
Neben der weitläufigen Messe erstreckte sich das begleitende Festivalprogramm auch auf weitere Frankfurter Veranstaltungsorte wie die Deutsche Nationalbibliothek oder lokale Buchhandlungen, Cafés, Bars und Clubs.
Zehn Kilometer entfernt fährt ein Zug mit direkter Verbindung vom Hauptbahnhof nach Offenbach am Main. Nur wenige Schritte vom S-Bahn-Ausgang „Offenbach Marktplatz“ entfernt befindet sich das Museum Klingspor. Genau in dieser Einrichtung, die sich seit 1953 mit Buchkunst, Typografie und Kalligrafie befasst und das Erbe deutscher sowie internationaler Künstler bewahrt – von Rudolf Koch über Otto Eckmann und Peter Behrens bis hin zu Pablo Picasso, Henri Matisse und Marc Chagall – findet bis zum 29. November eine Ausstellung statt, die das Museum für Angewandte Kunst in Prag in Zusammenarbeit mit dem Museum Klingspor vorbereitet hat.
Sie trägt den Titel Aus der Mitte Europas. Tschechische Buchkunst von 1900 bis heute
Danuše Siering diskutierte im Museum Klingspor in Offenbach mit Eric Marr und der preisgekrönten tschechischen Schriftstellerin Kateřina Tučková, Autorin der Romane Die Vertreibung der Gerta Schnirch und Weißwasser, darüber, inwieweit tschechische Bücher im Ausland Anklang finden und welche Themen aus der tschechischen Literatur ausländische Leser am meisten ansprechen. Für das Museum Klingspor nahm Martina Weiß an dem Abend teil.

Danke, dass es euch gibt!
Auf der Frankfurter Buchmesse sind nicht nur geschäftliche, sondern vor allem persönliche Begegnungen von großem Wert. Zu den für uns aus der Redaktion des Verlags Black Swan Media unvergesslichen Erlebnissen gehörten die Gespräche mit den Mitgestaltern unseres Buches. Viele von ihnen konnten wir in Frankfurt endlich auch persönlich kennenlernen. Dazu gehört vor allem der Verleger Alfred Klemm vom Stuttgarter Kröner Verlag, der unser Buch über Bücher unterstützt hat und uns ein Kompliment dafür gemacht hat, dass wir in Prag ein deutschsprachiges Buch herausgebracht haben. Heike Birke vom Balaena Verlag aus dem bayerischen Landsberg am Lech konnte in unserer Anthologie zum ersten Mal einen Textauszug aus dem Buch Majnka von Olga Stehlíková einsehen, das durch eindrucksvolle Illustrationen der außergewöhnlichen tschechischen Künstlerin Andrea Tachezy ergänzt wird.
Wir haben uns sehr gefreut, Katrin Kunther vom Karl Rauch Verlag auf der Messe zu treffen. In unserem Buch findet sich neben dem Erfolgstitel Fahr Rad! aus der bewährten Zusammenarbeit zwischen Ondřej Buddeus und Jiří Janíček auch ein Interview mit Eli Beneš über seinen Roman Unmerklicher Verlust der Einsamkeit, der in Tschechien vom Akropolis Verlag herausgegeben wurde. Den Beitrag hat unsere liebe Kollegin Barbora Vojtová verfasst. Ein Stück weiter stießen wir auf die Münchner Verlegerin Veronika Siska und ihren Allee Verlag, der sich auf die Prosa von Michal Ajvaz spezialisiert. Ein Autor, der sich ihrer Meinung nach durch „Out-of-the-Box“-Denken auszeichnet.
Wir haben uns sehr gefreut, Petra Nováková und den Inhaber des Prager Verlags Labyrint, Joachim Dvořák, zu treffen – einen langjährigen Herausgeber der Werke der letzten deutschschreibenden Prager Schriftstellerin Lenka Reinerová sowie der Bücher des weltberühmten Buchillustrators Petr Sís.
Wir konnten es uns nicht entgehen lassen, mit der Kulturbotschafterin der Tschechischen Republik, der am häufigsten übersetzten tschechischen Autorin Radka Denemarková, ins Gespräch zu kommen. Auf der Frankfurter Buchmesse kritisierte sie in ihrer Rede zu Recht die aktuelle Kulturpolitik der Tschechischen Republik, wie sie vom derzeitigen Kulturminister Oto Klempíř umgesetzt wird. Anlass zur Freude waren jedoch vor allem die deutschen Übersetzungen ihrer erfolgreichen Romane Schokoladenblut und Kobold, die im deutschen Verlag Hoffman und Campe erschienen sind. Ein ausführliches Interview mit dieser außergewöhnlichen tschechischen Schriftstellerin, deren sorgfältige Buchgestaltung in Tschechien vom Studio Kapitola und dem Brünner Verlag Host betreut wird, ist natürlich auch in unserem Buch über Bücher enthalten.

Wir haben das Treffen mit der Schriftstellerin und Übersetzerin Monika Zgustová und ihren spanischen Übersetzungen von Werken tschechischer Größen wie Bohumil Hrabal, Milan Kundera oder Václav Havel genossen. Gerne unterhielten wir uns mit dem Schriftsteller, Literaturhistoriker und Journalisten Vratislav Maňák über sein Buch Mit Wittgenstein in der Schwulensauna, das fast zeitgleich auf Tschechisch und Deutsch beim Brünner Verlag Host und beim bereits erwähnten Düsseldorfer Karl Rauch Verlag erschien.
In der Menge der Leser entdeckten wir während der Signierstunde weitere Autoren, die in unserem Buch vertreten sind. Dazu gehören Jaroslav Rudiš mit seinem Roman Winterbergs letzte Reise vom Verlag Labyrint und Lucherhand sowie Alice Horáčková mit ihrer umfangreichen Familiensaga über ihre eigenen tschechisch-deutschen Wurzeln Geteiltes Haus aus dem tschechischen Verlag Argo und dem deutschen Verlag Diogenes.
Unseren Dank gilt ihnen allen. Und selbstverständlich auch der Stadt. Frankfurt, ahoi!

