Michael Krüger: Ein Mann, der die tschechische Literatur nach Deutschland brachte

Wenn in Deutschland von tschechischer Literatur die Rede ist, fallen den meisten Leserinnen und Lesern zwei Namen ein: Milan Kundera und Bohumil Hrabal. Im Hintergrund steht der Mann, der ihren Werken den Weg zum deutschen Publikum ebnete — Michael Krüger.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Michael Krüger — muž, který otevřel Němcům českou literaturu

Über Jahrzehnte hinweg prägte Michael Krüger das literarische Leben und wurde zu einem der wichtigsten Vermittler zwischen der deutschen und der tschechischen Literatur. Er entdeckte diese Literatur in einer Zeit, in der Mitteleuropa von Ideologien und Zensur geprägt war. Besonders faszinierte ihn die Fähigkeit der Autorinnen und Autoren aus der Tschechoslowakei, Tragik mit Humor zu verbinden, Ironie mit existenzieller Tiefe und das Absurde mit der alltäglichen Erfahrung des Menschen.

Nach einer Ausbildung zum Buchhändler ging Krüger für einige Jahre nach London. Ende der 1960er-Jahre trat er in den Münchner Carl Hanser Verlag ein, den er später fast drei Jahrzehnte leitete und zu einem der renommiertesten europäischen Verlage ausbaute. Zugleich stand er der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vor, leitete die literarische Zeitschrift Akzente und veröffentlichte selbst Gedichte, Essays und Prosa. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Peter-Huchel-Preis, den Mörike-Preis und den Joseph-Breitbach-Preis.

„Kundera brachte die Leichtigkeit des Denkens in die Literatur.”

Nach 1968, als viele tschechische Autorinnen und Autoren durch Zensur zum Schweigen gebracht oder ins Exil gedrängt wurden, gehörte Krüger zu jenen, die ihren Stimmen außerhalb der Tschechoslowakei Raum verschafften. Besonders eng verbunden ist sein Name mit Milan Kundera. Krüger zählte zu dessen wichtigsten deutschen Verlegern und trug wesentlich dazu bei, dass Kundera zu den meistgelesenen mitteleuropäischen Autoren in Deutschland wurde. Auch Josef Škvorecký machte er einem breiteren Publikum bekannt, der in seinen Romanen den Konflikt zwischen individueller Freiheit und totalitärer Macht beschreibt, ebenso wie Ivan Klíma, dessen existenziell geprägte Prosa das Leben unter Bedingungen der Unfreiheit thematisiert.

Ein besonderes Verhältnis verband ihn zudem mit dem Werk Ludvík Vaculíks, einer der markantesten Stimmen des tschechischen Dissenses. Langfristig unterstützte er außerdem Jiří Gruša, Pavel Kohout, Arnošt Lustig und Daniela Hodrová.

„Bei Hrabal ist das Tragische nie schwer.”

Eine herausragende Stellung nimmt in Krügers literarischem Kosmos Bohumil Hrabal ein. Als einer der ersten erkannte er, dass die Poetik der Kneipenerzähler, Außenseiter und skurrilen Figuren auch ein westliches Publikum unmittelbar ansprechen kann. Und er sollte recht behalten: Für viele Leser in Deutschland wurde Hrabal zum Symbol Prags — einer Stadt der Ironie, Melancholie und des absurden Humors. Prag war für Krüger jedoch nie bloß Kulisse literarischer Erzählungen. In seinen Essays beschreibt er die Stadt als einen geistigen Raum, in dem sich mitteleuropäische Kultur, Erinnerung, Geschichte und Verlust miteinander verschränken.

Galerie Friese Berlin: Marcela von Kayser, Michael Krüger, Danuše Siering

In seinem jüngsten Gedichtband Die Wiedereinführung der Sanduhr kehrt Krüger in seine Kindheit zurück, in das Berliner Viertel Wilmersdorf. Das Buch stellte er persönlich in der Galerie Friese vor und bestätigte damit erneut, dass seine Beziehung zu Mitteleuropa nicht nur literarischer Natur ist, sondern auf einer tief persönlichen Erfahrung beruht.

„Gedichte sind das Ergebnis eines Lebens, einer bestimmten Erfahrung, einer Akkumulation von Eindrücken”, schreibt Krüger im Nachwort des Bandes. „Wenn ich die Jahre der Entstehung dieser Gedichte rückblickend überschaue, dann treten drei Erfahrungen hervor, die sie wahrscheinlich am stärksten geprägt haben: die ländliche Umgebung, in der ich seit ein paar Jahren lebe, der Tod der engsten und liebsten Freunde – und die Erfahrung des Krieges, die mich besonders getroffenhat: Ich bin ja noch im Krieg geboren und kann mich nur schwer damit abfinden, dass nach all den Versuchen der Kriegsverhütung die Lust an der tödlichen Auseinandersetzung im großen Stil nicht zur Ruhe gekommen ist.”

Für Krüger ist Literatur kein bloßer Kulturbetrieb und nur Geschäft mit Büchern. „Ich wollte vor allem vermitteln, welches Glück das Lesen bedeuten kann”, sagt er in einem Interview. Darin zeigt sich vielleicht der Kern seines Werkes- der Glaube, dass Literatur nicht nur Kunst ist, sondern auch ein Mittel, Erinnerung zu bewahren und Menschlichkeit über Grenzen hinweg zu tragen.

Näheres dazu findet sich in dem Buch Buch über Bücher, zu dem Michael Krüger das Vorwort verfasst hat.