Buchpremiere von „Schokoladenblut“ und Kinderliteraturfestival. Radka Denemarková hat gleich mehrere Gründe zur Freude

Mit Übersetzungen ihrer Bücher in 28 Sprachen und zahlreichen Preisen ist sie hierzulade mit Abstand die erfolgreichste Schriftstellerin. Nur wenige wissen jedoch, dass sie sich jahrelang auch den Kindern widmet.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: „Čokoládová krev“ v němčině a dětský literární festival. Radka Denemarková má hned několik důvodů k radosti

Radka Denemarková ist eine von dreißig zentralen literarischen Persönlichkeiten der deutschsprachigen Publikation „Buch über Bücher“, das der Verlag Black Swan Media im Herbst dieses Jahres auf der Internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main vorstellen wird. In dem ausführlichen Interview „Die Schwalbe von Amrum“ spricht Denemarková mit der Herausgeberin und Autorin dieses Textes über die zentrale Stellung des Wortes in der Literatur sowie über ihr jüngstes Opus, den preisgekrönten Roman „Schokoladenblut.“ Darin verwebt Denemarková die Schicksale dreier Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts: der tschechischen Schriftstellerin aus der Zeit der Nationalen Wiedergeburt und Autorin des berühmten Romans „Babička“, Božena Němcová, der unkonventionellen französischen Aristokratin und Schriftstellerin George Sand sowie des amerikanischen Ölmagnaten John D. Rockefeller. Von Zeit zu Zeit greift auch die Autorin selbst durch Kommentare in der Ich-Form in die Handlung ein.

Die Schriftstellerin Radka Denemarková im tschechisch-deutschen Kindergarten Kids Company Praha

„Es ist das Zeitalter der Eisenbahn, also fährt in meinem Roman ein imaginärer Zug das ganze Jahrhundert über hin und her und der Leser beobachtet parallele Szenen hinter den „Fenstern“ des Zuges in den einzelnen Ländern. In diesem Zug sitzen wir bis heute. Der Roman beleuchtet aktuelle gesellschaftliche Probleme im Kontext historischer Parallelen. Ich habe das 19. Jahrhundert gnadenlos untersucht, damit wir etwas über unser eigenes Jahrhundert erfahren. Alles war schon einmal da. Alles wird irgendwann wieder da sein. Ich verstehe den Roman als Aufruf zur Verteidigung der Menschenrechte, des Humanismus und der Demokratie gegen den Nationalismus, mit dem uns das 19. Jahrhundert überwuchert hat. Auch Europa schleppt ungelöste Traumata vergangener Jahrhunderte mit sich herum, und es wird geformt durch ein Geflecht aus Vergangenheiten, Ungerechtigkeiten, Machtaufteilungen und Kollektivschuld“, so Denemarková.

Den Roman „Schokoladenblut“ von Radka Denemarková veröffentlichte der Brünner Verlag Host 2023. Nun bahnt sich das Buch dank dem Verlag Hoffmann und Campe in der Übersetzung von Eva Profousová seinen Weg durch den deutschsprachigen Raum. Die Schriftstellerin Denemarková hat die deutschsprachige Ausgabe von „Schokoladenblut“ im Rahmen der Reihe „Europa. Literatur“ zum ersten Mal vorgestellt. Und das bezeichnenderweise in der Stadt, in der sie das 600seitige Werk teilweise geschrieben hat und die sich im Werk auch widerspiegelt: in Wien. Eine Lesung der Schriftstellerin aus ausgewählten Kapiteln und eine anschließende Diskussion mit Ludger Hagedorn vom Institut für Geisteswissenschaften (IWM) fand am 10. Juni in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien statt. 

Literaturfestival im Kindergarten

Seit siebzehn Jahren ist Radka Denemarková alljährlich im Juni am selben Ort anzutreffen: Im tschechisch-deutschen Kindergarten Kids Company Prag, den Markéta Frank gegründet hat. „Das internationale Literaturfestival, an dem ich nun schon seit siebzehn Jahren teilnehme, ist etwas absolut Abenteuerliches und Wunderschönes. Aus den Kindern, die ich hier einst kennengelernt habe, sind inzwischen wunderbare junge Menschen geworden. Für viele von ihnen war es ein entscheidender Moment, als ihnen jemand sagte, dass sie Schriftsteller seien“, erklärte Denemarková vor den Kindern und ihren Eltern im Garten der Villa.

„Unser Literaturfestival gehört schon seit Jahren zu den beliebtesten Veranstaltungen unseres Kindergartens. Radka widmet sich jedem Kind individuell und denkt sich gemeinsam mit jedem von ihnen eine eigene Geschichte aus und schreibt sie auf. Im Anschluss daran finden Lesungen für die Eltern aus den Werken der kleinen Autorinnen und Autoren statt. Radka präsentiert und kommentiert die gemeinsam verfassten Geschichten, was einfach großartig ist“, erklärt die Leiterin von Kids Company, Markéta Frank.

Die Schriftstellerin Radka Denemarková mit Markéta Frank im Kindergarten Kids Company Praha

Bemerkenswert ist auch die Geschichte des Gebäudes, in dem sich der zweisprachige Kindergarten befindet: Die Villa wurde 1924 vom Bildhauer Jan Štursa und seiner Frau, der Opernsängerin Božena Štursová-Durasová, errichtet. Auf dem Bürgersteig davor ließ der Kindergarten Stolpersteine verlegen, als Erinnerung an die späteren jüdischen Bewohner, die das Haus vor dem Zweiten Weltkrieg bewohnten. „Unser Kindergarten ist ein Ort, an dem verschiedene Kulturen und Sprachen aufeinandertreffen. Schon früher erklang in diesem Haus Musik, und seine Bewohner sprachen sowohl Tschechisch als auch Deutsch. Ich freue mich sehr, dass wir in gewisser Weise daran anknüpfen können“, betont Markéta Frank.