Brücken

Danuše Siering Herausgeberin von N&N Czech-German Magazine, verließ die Tschechoslowakei während der kommunistischen Ära über den Eisernen Vorhang. Und als der Vorhang fiel, begann sie, Brücken zu bauen. Und das macht sie mit Freude bereits 30 Jahre.

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Schon Isaac Newton stellte fest: „Der Mensch baut zu viele Mauern und zu wenige Brücken.“ Dabei sind es gerade die Brücken, die neue Wege öffnen und es uns ermöglichen, Hindernisse zu überwinden. Brücken dienen vor allem als Botschafter zwischen verschiedenen Ländern, Kulturen, Generationen, zwischen Vorurteilen und Missverständnissen. Somit ist die Brücke eine schöne Metapher für unser Sein.

Der Brückenbau ist eine hohe Kunst, die mehr als 3400 Jahre gute Dienste leisten kann, wie die Brücken von Arkadiko auf dem Peloponnes noch heute beweisen. Aber selbst der beste Fachmann ist nutzlos, wenn es in unseren Köpfen keine Brücken gibt. In der kleinen Gemeinde Marienberg – Kühnhaide gehört beispielsweise eine Hälfte der Brücke zu Deutschland und die andere zu Tschechien. Die Brücke verbindet hier die Ufer des Flüßleins Černá seit mehr als 120 Jahren. Die Reparatur fand Ende 2018 statt, die Kosten wurden vom Bund sowie dem Freistaat Sachsen finanziert. Renoviert wurde die Brücke allerdings nur zur Hälfte, die andere Hälfte wurden von den tschechischen Behörden mit der Begründung abgelehnt, die Brücke sei nicht wichtig. Heute zieht diese Brücke viele Touristen an und das Dorf ist auf berüchtigte Art und Weise berühmt geworden.

Die Brücke ist nicht nur ein funktionales Bauwerk, sondern kann auch einen ästhetischen Wert haben. Sie hat aber auch eine politische und soziale Funktion. Welche strategischen Entscheidungen spielen in Konfliktsituationen eine wichtige Rolle? Die Geschichte der Kriege lässt sich anhand von Brücken erzählen, die gesprengt oder bombardiert wurden und auf die in der Regel der Bau von schwimmenden Brücken folgte, die operativ als Ersatz errichtet wurden.

Seit 30 Jahren leben wir in einem gemeinsamen Europa, in einer friedlichen Nachbarschaft. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Grenzen die Geschichte des letzten Jahrhunderts sind, und manchmal – auch wenn ich einen Grenzübergang mit dem Auto oder zu Fuß passieren kann, ohne anzuhalten, – habe ich den Eindruck, dass Grenzen immer noch existieren. Spielt die Geschichte, die in den Köpfen der Menschen verankert ist, dabei eine entscheidende Rolle? Die Unfähigkeit, im Augenblick zu leben? Oder die Angst vor der Zukunft? Die politische Korrektheit übersieht oft, dass die Menschen mehr brauchen als Regeln, Ordnung und Vorschriften, Entschuldigungen und Händedruck. Das Interesse an den Gemeinsamkeiten, die uns verbinden, der Austausch von Kultur und Traditionen, Reisen und Informationen über das tägliche Leben (nicht nur Horror oder politische Ereignisse) sind im Zeitalter sekundenschneller Nachrichten wichtiger denn je. Damit man nicht mit Hass oder gar Desinteresse konfrontiert wird. „Wir sind für die Deutschen das, was die Bulgaren für uns sind,“ klingt mir der brutale Satz eines tschechischen Geschäftsmannes noch heute in den Ohren.

Jedes Vorurteil beginnt mit Unwissenheit. Das ist einer der Gründe, warum wir dieses unabhängige Buchmagazin herausgeben. Es ist eine der vielen Brücken, die wir überqueren müssen, um das zu lieben, was wir manchmal hassen. So singt Peter Maffay, einer der erfolgreichsten deutschen Musiker, der ursprünglich aus Rumänien stammt:

Manchmal greift man nach der ganzen Welt Manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt Manchmal nimmt man, wo man lieber gibt Manchmal hasst man das, was man doch liebt

Über sieben Brücken musst du geh’n Sieben dunkle Jahre übersteh’n Siebenmal wirst du die Asche sein Aber einmal auch der helle Schein…

In Berlin befindet sich das berühmte Brücke/Most Museum, das den Werken der  gleichnamigen Malergruppe von 1905 gewidmet ist. Mit der Brücke wollten sie zersplitterte künstlerische Strömungen in die Moderne bringen und alte künstlerische Konventionen überwinden. Hier in Berlin sprachen wir mit dem tschechischen Botschafter in Berlin, S.E. Herrn Tomáš Kafka, über die heutigen Brücken. „Ich weiß, dass wir ohne Brücken nicht weiterkommen und dass eine Brücke ohne Menschen sinnlos ist. Aber für mich ist das Wichtigste die Betonung der Menschen, die über diese Brücken gehen und Botschaften überbringen,“ sagte er nachdenklich beim Blick auf Heckels Bild “Roquairol” – das Lieblingsbild von David Bowie, das als Inspiration für das Cover seines Albums „Heroes” diente.

Franz Kafka ging sogar noch weiter. In seinem ProsaRoman Die Brücke, den er an der Wende von 1916 zu 1917 schrieb, ist er selbst die Brücke. Er beginnt lapidar: „Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, ich lag über einem Abgrund.“ Es war einer der ersten Texte, die Kafka in der Prager Alchimistengasse Zlatá ulička schrieb, im Haus Nummer 22, das seine Schwester gemietet hatte. Er wollte die Rolle der Brücke erfüllen, zu der er selbst wurde. Trotz seines tragischen Schicksals (oder vielleicht gerade deswegen?) und dank seines meisterhaften Talents gelang es ihm schließlich, dieses Vermächtnis auf seine Weise zu erfüllen.

Neue Erkenntnisse in den Bereichen Statik, Materialentwicklung und Bauverfahren ermöglichen neue Rekorde in unvorstellbaren Brückenspannweiten, -längen und -höhen. In Niedermähren haben die Bauarbeiten für die längste Hängebrücke der Welt begonnen.

Die 730 Meter lange Brücke wird 95 Meter über dem Boden aufgehängt sein und zwei Kämme des Jeseníky-Gebirges verbinden. Die Brücke soll im nächsten Frühjahr in Betrieb genommen werden und wird sicher Tausende von Touristen anziehen.

Ich stehe gern schweigend auf Brücken und beobachte in der Stille den Fluss. In Berlin habe ich dazu reichlich Gelegenheit – mit 960 Brücken hat Berlin mehr Brücken als Venedig und Prag zusammen. Ich denke oft an die Worte von Drukpa Rinpoche, dass das Leben ein Fluss ist. „Wenn Sie den Fluss genauer betrachten, werden Sie feststellen, dass sich alles in jedem Moment verändert.“ In den letzten Monaten haben wir das sehr deutlich gesehen und am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn sich die Brücken zu unseren engsten Freunden und Familienangehörigen schließen. Wir sollten immer Brücken bauen, die breiter sind als der Fluss.

Dieser Artikel erschien in dem zweisprachigen Heft N&N Czech-German Bookmag, das sich mit faszinierenden Persönlichkeiten auseinandersetzt, die die Tschechen mit deren wichtigsten Nachbar Deutschland verbinden. Das N&N Czech-German Bookmag is bei Albatros Media zu bestellen. 

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