Der neue CZ-DEal oder die tschechisch-deutsche Zusammenarbeit bietet jetzt enorme Möglichkeiten 

Alles Schlechte ist für etwas gut. Die ökologische Krise und der Krieg in der Ukraine veranlassen die Tschechische Republik und Deutschland, nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu suchen. Und eben um neue Impulse in Mitteleuropa ging es auf der Konferenz New CZ-DEal, die Black Swan Media am 12. Dezember mit Unterstützung des deutschen Außenministeriums veranstaltete.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: New CZ-DEal aneb Česko-německá spolupráce má nyní obrovské možnosti 

“Die Zukunft des Energiesektors und die neue wirtschaftliche Realität – tschechisch-deutsche Zusammenarbeit 2022”. So lautete das Thema der Veranstaltung, an der ein breites Spektrum von Experten teilnahm. Es wurden inspirierende Projekte und Visionen diskutiert. Der Veranstalter, das tschechisch-deutsche Medienhaus Black Swan Media, hat bewusst einen positiven Ton für die Konferenz gewählt, denn die vorherrschende Skepsis über die Zukunft der Wirtschaft und Europas lässt ein wenig vergessen, dass wir auch eine Reihe von vielversprechenden Trends erleben. Schließlich ist das tschechisch-deutsche Zusammenleben in den dreiunddreißig Jahren seit dem Fall der Berliner Mauer allseitig zu einem der hellsten Kapitel in der Geschichte Mitteleuropas geworden.    

Energiesektor: Zeit für eine Revolution

Im ersten Panel, das visionären Konzepten im Energiesektor gewidmet war, wurde das vielleicht ehrgeizigste Wirtschaftsprojekt Prags – der Bau des neuen Energiezentrums – vorgestellt. Seine Initiatoren sind insbesondere der Erste Stellvertretende Bürgermeister Petr Hlaváček und Tomáš Voříšek von Seven Energy, der auf der Konferenz erklärte, dass ein Drittel der Prager Einwohner dank des neuen Energiezentrums ihre Häuser künftig mit Abwasserwärme heizen können. Ein System riesiger Wärmepumpen, deren größter Produzent Deutschland ist, wird einen erheblichen Teil der Wärme für tschechische Städte und Gemeinden aus Abwasser oder direkt aus Flüssen gewinnen. Diese umweltfreundliche Technologie wird auch die Abhängigkeit von z. B. russischem Erdgas enorm verringern.

Jakub Mareček von der Tschechischen Technischen Universität Prag stellte anschließend ein weiteres vielversprechendes Energiekonzept –  sog. virtuelle Kraftwerke – vor. Sie arbeiten heute zum Beispiel in der Tesla-Kunden- Gemeinschaft in Kalifornien, aber vor allem in Deutschland, wo das weltweit größte virtuelle Kraftwerk Next Kraftwerke in Betrieb ist. Jakub Mareček sprach über das Konzept, das er kürzlich in seinem Beitrag für Automatica, die renommierteste wissenschaftliche Zeitschrift für Systemmanagement, beschrieben hat. Virtuelle Kraftwerke ermöglichen es unter anderem, dass sich größere und kleinere Produzenten erneuerbarer Energien (Sonne, Wind, Wasser) zusammenschließen und ihre Energie auf dem Markt verkaufen können. Dies fördert die Demokratisierung des Energiesektors und macht neue Technologien für saubere Energie effizienter. Das ganze Konzept kann man sich als ein “Internet der Energie” vorstellen.

Martin Jonáš, ehemaliger langjähriger Korrespondent des Tschechischen Fernsehens in Berlin, sprach in diesem Panel über das wahre Wesen der deutschen Energiestrategie, der sog. Energiewende, und auch darüber, warum sich um sie in Tschechien der Mythos einer “grünen Ideologie” entwickelt hat.  

Zum Erfolg verurteilt

Im zweiten Panel zeigten die Redner den breiteren Kontext der Möglichkeiten für Zusammenarbeit und Inspiration im tschechisch-deutschen Raum auf. Jan Macháček, Direktor einer der größten tschechischen Denkfabriken, des Instituts für Gesellschaft und Politik, sprach darüber, warum die Tschechen und die Deutschen aufgrund ihrer Position im Herzen Europas “zum Erfolg verurteilt” sind, oder darüber, dass die tschechische EU-Ratspräsidentschaft im Westen grundsätzlich als sehr erfolgreich angesehen wird und dass die Tschechische Republik aus europäischer Sicht – im Gegensatz zu Polen oder Ungarn – als “langweiliges” Land wahrgenommen wird, was durchweg als positiv angesehen werden kann, da dies Ausdruck unserer langfristigen Stabilität ist.  

Mehr über die vom Auswärtigen Amt unterstützte Neue CZ-DEal-Konferenz finden Sie hier: Über einen  Zug, in dem junge Tschechen und Deutsche auf Drogen treffen – auf eine ganz andere Art, als man erwarten würdePetra Gümplová: Deutschland ist ein zukunftsorientiertes Land 

Eine weitere Rednerin, Petra Gümplová von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die u.a. das Projekt “The Transformation of global commons and the future of planetary ecosystems” leitet, sprach über die Verflechtung von Wissenschaft und Politik in Deutschland und weshalb sie auch für das tschechische Nachbarland inspirierend ist. Petra Gümplová erläuterte, warum der Begriff “Gerechtigkeit” in Deutschland so wichtig ist – sowohl im Hinblick auf die Chancengleichheit von Frauen, Migranten und Minderheiten als auch im Hinblick auf den Klimawandel. Sie bot Erklärungen dafür an, warum Deutschland heute so “zukunftsorientiert” ist und warum das mächtigste Land Europas Fortschritt in der Politik als Notwendigkeit und nicht als “Kulturkampf” oder “Erosion der nationalen Kultur” ansieht.

Ein weiterer Redner, Jan Lamser, stellte anschließend den sog. Revolution Train vor, ein einzigartiges Anti-Drogen-Programm, das auf einer starken emotionalen Erfahrung mit kritischen Lebenssituationen basiert und bereits 400 000 Jugendlichen in der Tschechischen Republik und Deutschland erfolgreich vermittelt wurde. Jan Lamser hat eine Karriere als prominenter Banker hinter sich, arbeitete in tschechischen und deutschen Finanzinstituten (ČMSS, ČSOB) und wird von den Medien auch häufig als Experte für Blockchain-Technologie angesprochen. Er selbst sieht sich vor allem als Experte für Spieltheorie, und es sind Spielelemente, die er im Konzept des Anti-Drogen-Zugs verwendet, der mit Jugendlichen nicht nur Drogen behandelt, sondern sich auch mit anderen Sucht- und Eskapismus-Phänomenen (Zucker, Fake News usw.) befasst. Jan Lamser bemerkte, dass die Tschechische Republik heute leider ein bedeutender “Exporteur von Methylamphetamin in deutsche Grenzregionen” ist und es schon aus diesem Grund gut sei, dass das innovative tschechische Konzept der Anti-Drogen-Strategie die Aufmerksamkeit der deutschen Partner auf sich gezogen hat. “Bemerkenswert ist auch, dass wir das Vertrauen der tschechischen und der deutschen Jugendlichen gleichermaßen gewinnen konnten, was zeigt, wie nah sich diese jungen Generationen heute sind.”

Stolz auf ihre Arbeit

Das letzte Panel der Konferenz fügte dem Mosaik der tschechisch-deutschen Realität Erfahrungen aus erster Hand von Familien aus dem Grenzgebiet hinzu, die durch ihre gemeinsame Geschichte sowohl bereichert als auch geprägt sind. Tomáš Procházka, Leiter der Auslandsredaktion des Tagesblatts Hospodářské noviny und gebürtig aus der Grenzstadt Stříbro, wies darauf hin, dass es zwischen Plzeň und Regensburg ungeachtet der nationalen Grenzen einen ausgeprägten Wirtschaftsraum gibt, da die Volkswirtschaften auf beiden Seiten der Grenze stark miteinander verflochten sind. “Diese Region ist dank des europäischen Grünen Deals und der allgemeinen Revolution in der Industrie buchstäblich prädestiniert für große Innovationen. Tschechen spielen eine immer wichtigere Rolle in deutschen Unternehmen und ebenso die Tatsache, dass sowohl Regensburg als auch Plzeň über Universitäten verfügen, die für die Entwicklung einer Wirtschaft mit hoher Wertschöpfung von entscheidender Bedeutung sind. Schon lange gilt nicht mehr, dass Westböhmen nur ein Montagewerk ist”.

Zum Abschluss der Konferenz wies Lenka Benetková Lichtblau, Leiterin des Vertriebsteams beim ehemals deutschen Verlag Vltava Labe Presse, auf die markanten Unterschiede in der Wahrnehmung des Verkäuferberufs auf tschechischer und deutscher Seite hin. “Wenn in Deutschland ein Verkäufer mit einem teureren Auto zum Kunden kommt, hat der Kunde das gute Gefühl, dass sich jemand um ihn kümmert, der wirklich gut ist und weiß, wie man sein Geld verdient. In Tschechien zieht es ein solcher Verkäufer hingegen vor, sein Auto um die Ecke zu parken, um den Kunden nicht zu verärgern”, lächelt sie. Die Inhaberin des Beratungsunternehmens The Art of Sales reflektierte auch darüber, wie inspirierend es für die Tschechen ist, zu sehen, wie Deutsche im Geschäftsleben auf ihren Ruf achten: „Ein Deutscher möchte wirklich stolz auf seine Arbeit sein, das ist seine Visitenkarte. In der Tschechischen Republik kommt es oft vor, dass die Menschen einander nicht nach ihrer Arbeit fragen, sondern für wen sie arbeiten. Und das sagt etwas aus.”

Wir werden die Aufzeichnungen der Vorträge aller Redner nach und nach sowohl in tschechischer als auch in deutscher Sprache auf nnmagazine.de veröffentlichen.  

Foto: Tomáš Železný

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