Ein, zwei, tři, čtyři… willkommen im Bilingualis-Kinderclub

Donnerstagnachmittag, kurz vor fünfzehn Uhr: In der Grundschule Korunovační im Prager Stadtteil Letná tobt das Leben. Ein Kauderwelsch aus Deutsch und Tschechisch erfüllt die Gänge. Die Eltern begleiten ihre bilingualen Sprösslinge zum deutschen Sprach- und Kulturunterricht, den der Verein Bilingualis z.s. seit über zehn Jahren organisiert.

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Die Initiative geht auf Barbara Vávra zurück, die diesen Verein gründete und ihn die ersten Jahre leitete: „Ich stamme aus Deutschland, mein Mann ist Tscheche, bei unserer Geschäftsführerin Věra Kirschner, die zum Gründungsteam von Bilingualis gehört und von der ersten Stunde mit dabei ist, ist es genau umgekehrt“, sagt Barbara Vávra lächelnd: „Diese Familienkombinationen sind  in Prag recht oft zu finden und wir haben festgestellt, dass das Deutsche – gerade in sehr jungen Jahren – in Prag leider nicht genügend gefördert wird“, erklärt Vávra. Ihre beiden zweisprachigen Kinder besuchten einen tschechischen Kindergarten und eine tschechische Grundschule. Sie wollte, dass ihre Kinder von klein auf perfekt Tschechisch lernen und die tschechische Kultur kennenlernen. Was den beiden Damen fehlte, waren die deutsche Kultur und die deutschen Rituale, die ein Kinderleben prägen, und später dann das Lesen und Schreiben – und zwar im gemeinsamen Erleben mit anderen deutschsprachigen Kindern. Sie stellten bei ihren deutsch-tschechischen Freunden einen ähnlichen Bedarf fest und erkundigten sich bei den deutschen Institutionen nach Möglichkeiten der frühkindlichen Sprachförderung für bilinguale Kinder. 

Bilingualis für bilinguale Kinder

Da sie nichts Passendes fanden, entwickelten die beiden Damen die Idee zu Bilingualis, die als Initiative gleichgesinnter Eltern begann. Es wurden geeignete Räumlichkeiten  gefunden, weitere Eltern zweisprachiger Kinder angesprochen und eine deutschsprachige Lehrerin gesucht.

Barbara Vávra lebt seit 17 Jahren mit ihrem tschechischen Mann in Prag. Nach der Gründung des Vereins Bilingualis arbeitete sie mehrere Jahre bei der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handels-kammer. Heute leitet sie den Bereich Event-Management CEE für eine amerikanische Computerfirma. Ihr jüngstes ehrenamtliches Projekt ist der Aufbau eines deutschsprachigen Laienchors in Prag. Věra Kirschner arbeitete beim Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Sie ist Ehrenmitglied des Verwaltungsrats der Hans-Krása-Stiftung Terezín sowie Mitbegründerin und langjährige Geschäftsführerin von BILINGUALIS z.s. Sie arbeitet heute hauptberuflich als Deutschlehrerin an einem Prager Gymnasium. Foto: Lucie Roškotová

„Wir haben damals überlegt, wie wir unsere Tätigkeit rechtlich verankern können, da wir einen Raum anmieten und die Lehrkraft bezahlen mussten – so gründeten wir einen Bürgerverein. Begonnen haben wir mit einer jungen Lehrerin aus Deutschland, die unsere zwei Gruppen betreute“, erinnert sich Věra Kirschner. Die Lehrkräfte von Bilingualis sind bis heute ausnahmslos deutsche Muttersprachler. Sie betreuen maximal 12 Kinder pro Gruppe im Alter von 3 bis 13 Jahren. So wird sichergestellt, dass die Kinder während der Unterrichtsstunde viel und aktiv sprechen. Die Lehrer wissen, welche Lieder Kinder in Deutschland singen, welche Bücher aktuell sind und welche Jahresrituale ein Kinderleben in Deutschland begleiten. Diesbezüglich ist die langjährige Lehrerin Ramona Schulz eine Idealbesetzung für den Verein. Die Pianistin und Diplompädagogin ist als Mutter dreier zweisprachiger Kinder mit dem Thema frühkindlicher Mehrsprachlichkeit bestens vertraut. 

Von der Idee zur Umsetzung  

„Wir haben intensiv nach Unterstützungsmöglichkeiten für unser gemeinnütziges Engagement geforscht und festgestellt, dass in Tschechien frühkindlicher deutscher Spracherwerb für bilinguale Kinder eine Nische ist. Die bestehenden Angebote richten sich entweder an die deutsche Minderheit in Tschechien, zielen auf Deutsch als Fremdsprache ab, sind als grenzübergreifende Förderung angesetzt oder es wird erst im jugendlichen Alter mit ihnen begonnen. Natürlich gibt es private Angebote auf dem Markt, die sind aber oft hochpreisig,“ so Barbara Vávra. 

Die ersten Bilingualis-Kurse fanden im internationalen Buchladen Amadito in Prag-Smíchov statt. „Heute besuchen jede Woche 65 Kinder die Bilingualis-Kurse. Der Verein hat mehr als 300 deutschsprachige Prager Familien in ihrem Verteiler und die Gemeinschaft wird immer größer“, berichtet Věra Kirschner.

Die Kinder im Alter von drei bis dreizehn Jahren treffen sich in fünf altersgerechten Gruppen. Sie verbringen  wöchentlich eine Stunde im deutschen Umfeld. „Wir bieten Ergänzungsunterricht an, der schulischen Deutschunterricht natürlich nicht ausgleichen kann. Eine intensive Deutschstunde kann jedoch  viel bewirken und das Verständnis für die eigene Sprache stärken“, betont Barbara Vávra. 

Die Kinder sprechen dank Bilingualis mit Gleichaltrigen grundsätzlich  Deutsch. Zu Hause kommunizieren sie meistens nur mit einem Elternteil Deutsch, wobei Deutsch  für sie  eine Erwachsenensprache ist. „Bei Bilingualis erfahren sie die deutsche Sprache innerhalb einer Kindergruppe, sie spielen, singen, feiern und haben gemeinsame Erlebnisse“, fasst Věra Kirschner zusammen. Einige Familien, beispielsweise die von Veronika, sind von Beginn an mit dabei und schickten alle ihre drei Kinder zu Bilingualis. „Für mich ist das ein klares Zeichen, dass unsere  Kurse positive Ergebnisse zeitigen und wir einen nachhaltigen Beitrag zur Entwicklung der deutschen Sprache in Prag leisten“, so Barbara Vávra. 

Der Verein trug sich von Beginn an selbst, Sonderprojekte werden in Kooperation mit Partnern oder durch Spenden der Eltern finanziert. Um die hohe Qualität des Unterrichts in Kleingruppen zu gewährleisten,  wird Wert auf qualifizierte  Lehrkräfte gelegt und die Tätigkeit des Vereins ist größtenteils durch ehrenamtliches Engagement abgedeckt. „Zu Beginn  war das Engagement der Eltern groß, denn wir waren befreundet  und hatten eine überschaubare Anzahl von Kindern. Mit steigender Zahl nimmt das Engagement ab, sodass  die meisten Eltern Bilingualis nur als reines Kursangebot wahrnehmen. Deshalb haben wir uns vor einige Jahren entschieden, Frau Kirschner als Geschäftsführerin  einzustellen, um  Kontinuität zu gewährleisten. An Ideen und dem Bedarf weiterer Projekte mangelt es nicht, aber wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir mit unseren Mitteln den Status quo halten können, aber keine weiteren Projekte mehr stemmen können,“ erklärt die Gründerin des Vereins Barbara Vávra.

Feste und Freundschaften

Bilingualis organisiert das ganze Jahr über mehrere Feste, wie den Sankt-Martins-Umzug mit Laternen, Weihnachtsliedern und Korbverkäufern im Stro-movka-Park oder die Weihnachtsfeier mit traditionellen deutschen Weihnachtsliedern. Höhepunkt ist das Sommerfest zum Schuljahresende, auf dem die Kinder ihre Zeugnisse erhalten. Für die deutsch-tschechische Unterhaltung sorgt dabei immer der Clown Bill N´ Gualis. Román Horák,  Hochschullehrer und Teilzeit-Unterhaltungskünstler, bereitet zu jedem Fest ein spezielles Programm vor. Er ist das Maskottchen des Vereins und ein wunderbares Beispiel dafür, wie durch persönliches Engagement vielen Kindern ein Lachen ins Gesicht gezaubert. An den Veranstaltungen des Vereins nehmen auch die Familien teil, deren Geschichten  sich oft erstaunlich ähneln. Aus den freundschaftlichen Beziehungen entsteht so ein intensiver persönlicher Austausch über die bilinguale Kindererziehung und das Leben mehrsprachiger Familien im Ausland.

Dieser Artikel erschien in der fünfte Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

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