Mojenka: Ein Buch über den Verlust in der Familie mit den Augen eines Kindes

Das Buch Mojenka der Dichterin und Schriftstellerin Olga Stehlíková ist zwar an junge Leserinnen und Leser gerichtet, spricht aber auch Erwachsene an.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Mojenka: Kniha o ztrátě v rodině dětskýma očima. A nejen pro děti

Heldin ist die zehnjährige Magdalena, eine Bewunderin des Waldes, der Tiere und Pflanzen, die von ihrer Mutter liebevoll „Mojenka“ genannt wird. Als die schwere Krankheit ihrer Mutter plötzlich ihr sorgloses Leben überschattet, wird die Natur zum Therapeuten. Die beeindruckende Geschichte, erzählt von einem Schulmädchen, wird durch die verträumten Illustrationen der Künstlerin Andrea Tachezy untermalt. „Mojenka ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich denke, es ist eher selten, dass Illustratoren beim Lesen eines Manuskripts in Tränen ausbrechen. Deshalb war die Arbeit an den Illustrationen auch so schön für mich. Da sich das Buch an eine ältere Leserschaft richtet als die, für die ich normalerweise arbeite, habe ich auch eine etwas andere Bildsprache gewählt: Die Illustrationen fassen immer Situationen aus dem jeweiligen Abschnitt auf zwei Seiten zu einem Ganzen zusammen,“ sagt die Künstlerin Andrea Tachezy.

Kapitel „Erster Herbst“

„Mojenka,“ beginnt Mama mit eigenartiger Stimme. „Papa und ich möchten dir etwas sagen.“ 

Blitzschnell spule ich in Gedanken ab, was ich wohl angestellt habe. Wo ich etwas verschüttet oder ein vergammeltes Schulbrot hinter der Heizung vergessen habe. Ob ich irgendeine blöde Zensur in Geographie nicht gebeichtet habe. Ob sich die Lehrerin beschwert hat, dass ich mich in der Klasse absondere. Ob meine Eltern denken, ich hätte irgendein Problem. 

Schließlich komme ich drauf: „Ich weiß. Der Müll. Ich hab ihn vergessen rauszubringen,“ erinnere ich mich ziemlich spät. Mama ist mir manchmal böse, weil ich zu Hause nicht helfe, und gerade der Müll ist meine Aufgabe. Ich soll selber merken, wenn der Eimer voll ist und ihn raustragen. Aber sie sitzen da, die Köpfe gesenkt, und schweigen. Also versuche ich was anderes: „Die Drei in Tschechisch? Ich hab mir Mühe gegeben. Aber an zwei Stellen hatte ich keinen Strich über dem ú. Und dann hab ich noch ein kleines p im Wort Prager geschrieben, weil mir das mit einem großen P falsch vorkam, ich dachte, das sei eine Falle. Aber es war keine. Also habe ich eine Drei bekommen, naja.“ 

Papa holt tief Luft: „Madlenka, weißt du, Mama ist krank. In einer Woche muss sie ins Krankenhaus und bleibt da eine Weile. Und danach muss sie sich kurieren.“ 

„Wie, krank? Wie, kurieren? Was fehlt dir, Mami?“, fange ich an zu schniefen, weil ich merke, dass Papas Stimme zittert, also ist es schlimm. „Mami!“, höre ich mich schreien. „Ist es was Ernstes?“ Ich weiß nicht genau, was es Ernstes sein könnte, aber das darf ganz, ganz sicher nicht meiner Mama passieren. Auf keinen Fall was Ernstes! 

„Setz dich her zu mir, Mojenka. Wir wollten es dir erst sagen, wenn es unbedingt notwendig und sicher ist, weißt du. Wir wollten dir aber auch nichts vormachen. In ein paar Tagen gehe ich zur Operation, nichts Schlimmes, und du wirst mich im Krankenhaus besuchen und mir immer Orangen mitbringen, die ich dann nicht esse, ja? 

Und dann werde ich wohl eine Zeitlang zu Hause sein, da schauen wir uns diesen Atlas hier an, den ich dir gekauft hab, sieh mal.“ Mama schaukelt mich auf ihrem Schoß wie ein kleines Mädchen und Papa legt die Hand auf das Buch, das die ganze Zeit neben dem Salz und dem Pfeffer liegt. Die beiden Streuer sind von unseren Händen, die auf dem Tisch nach ihnen greifen, etwas speckig, und ich erwische mich dabei, wie meine Gedanken wieder abschweifen und ich diese fettigen Fingerabdrücke ins Visier nehme. Für eine Weile lässt so die Spannung in der Küche etwas nach. Ich bin einfach nicht da. Mama schiebt diesen herrlichen Atlas über den Tisch zu mir hin: Lexikon des Waldes. Darin ist komplett alles über unseren gewöhnlichen Wald, so wie er heute in Mitteleuropa verbreitet ist. Über die Pflanzen und Kräuter, über Insekten, Vögel und Raubtiere, über großes, also das Großwild des Waldes, das bei uns lebt, über Spinnen und Mäuse, über Raubvögel und Pilze. Eben über alles! Ich bin ganz aus dem Häuschen, blättere wie verzaubert in dem Buch und kann mich nicht sattsehen. Allerdings nur zum Schein. Ich versuche so zu tun, als ob ich mich auf den Atlas konzentriere, um Mama wissen zu lassen, dass ich ihr Spiel mitspiele – dabei weiß ich sehr gut, dass dieses Buch nur meine Aufmerksamkeit ablenken soll, damit ich für eine Weile vergesse, wovon hier die Rede war. Aber dieser Atlas ist wirklich interessant, voller Fotos, Zeichnungen und kleiner Infokästchen über Tiere – alles genau richtig, und dabei behandelt er die Kinder nicht, als wären sie dumm und wüssten überhaupt nichts über die Natur. 590 Seiten hat dieses Lexikon und etwa 900 Bilder, das werde ich mal durchzählen. Es verschlingt mich total. Papa sitzt und Mama erklärt. Papa starrt die ganze Zeit auf eine Stelle im Buch, auch wenn wir die Seiten umblättern. 234, 235, 346. Die Buchstaben, schwarz auf weißem Papier, sind beruhigend. Von Mamas Krankheit sprechen wir nicht mehr.

Deutsche Übersetzung aus dem Tschechischen: Jana Krötzsch

Dieser Artikel erschien in der vierten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

Lucie Drahoňovská

Aktuell auf der deutschen Website

Boeckl und Kokoscha: Eine wahre Rivalität?

       ·   27.02.2024
Albertina Modern, die sich direkt gegenüber der ikonischen Wiener Jugendstil-U-Bahn-Station Karlsplatz von Otto Wagner und Joseph Maria Olbrich befindet, bringt aktuell in ihren Untergeschoss-Sälen die Schau „Herbert Boeckl – Oskar Kokoschka. Eine Rivalität.“ Darin präsentiert

Vergewaltigte Rusalka

       ·   16.02.2024
"Danuš, du weißt, dass ich nicht aggressiv bin. Aber wenn der Regisseur jetzt vor mir stünde, wüsste ich nicht, was ich mit ihm machen würde", erklärte Johanna zehn Minuten nach Beginn der Premiere von Rusalka

Aktuell auf der tschechischen Website

Boeckl a Kokoscha: skutečná rivalita?

       ·   27.02.2024
Albertina Modern, stojící naproti ikonické vídeňské secesní stanici metra Karlsplatz Otto Wagnera a Josepha Marii Olbricha, přichází aktuálně s výstavou „Herbert Boeckl – Oskar Kokoschka. Rivalita”. Nabízí přibližně stovku děl na papíře ze sbírek Albertiny.

Zrnko, které spojuje svět

       ·   20.02.2024
To je káva Dallmayr, synonym pro kvalitu a nadstandardní servis. Milovníky kávy spojuje tento lahodný nápoj po celém světě více než 300 let.

Znásilněná Rusalka

       ·   16.02.2024
"Danuš, víš že já agresivní nejsem. Ale kdyby přede mnou teď stál režisér, nevím, co bych s ním udělala," vyhlásila Johanna deset minut po začátku premíéry Rusalky ve Státní opeře Unter den Linden v Berlíně.