Vergewaltigte Rusalka

“Danuš, du weißt, dass ich nicht aggressiv bin. Aber wenn der Regisseur jetzt vor mir stünde, wüsste ich nicht, was ich mit ihm machen würde”, erklärte Johanna zehn Minuten nach Beginn der Premiere von Rusalka an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Mit wenigen Ausnahmen saß sie die nächsten drei Stunden mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen da und lauschte nur der Musik.

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Rusalka hat eine Glatze, der Wassermann kotzt in die Toilette, der Prinz läuft in Unterhosen herum, die Jezinki sind Studentinnen in Berlin. Regisseur Kornél Mundruczó verlegt Rusalka radikal in die Gegenwart. Er macht daraus ein Sozialdrama in der deutschen Metropole – alle leben in einem engen Haushalt, nur der Prinz hat in seiner luxuriösen Wohnung wenigstens einen Blick auf den Berliner Fernsehturm.

Mundruczó scheut sich nicht, die drogensüchtige Rusalka in ein enges schwarzes Kleid zu kleiden, das wie ein Outfit für einen Besuch in einer Sado/Maso Show wirkt. Sie erweckt eher den Eindruck einer Psychopathin als einer verliebten Frau, und so ist es kein Wunder, dass der zunächst verliebte Prinz seine Aufmerksamkeit auf die feurige Fürstin richtet.

Christiane Karg (Rusalka), Pavel Černoch (Prinz), Clara Nadeshdin (Küchenjunge) und Ensemble. Foto: Gianmarco Bresadola

Die Übersetzung des Librettos von Kvapil ist nicht nur unzureichend, sondern oft irreführend. Kvapil selbst sprach vom “böhmischen Charakter des Stoffes”, betonte die Anknüpfung an die Erben-Tradition und bemühte sich, sich nicht von Motiven aus der deutschen Sprache leiten zu lassen. Während es bei der echten Rusalka um die Schnittstelle zwischen Leben und Tod geht: “Ich kann weder Frau noch Fee sein, ich kann nicht sterben, ich kann nicht leben”, ist Rusalka in der Berliner Aufführung berauscht von Gold und Reichtum.  

Dieses philosophisch-symbolische Werk bietet auch heute noch zentrale Themen, die mehr als aktuell sind: das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, die Fallstricke von Schuld und Reue, der Zusammenhang von Freundschaft und Familie. Und natürlich spielt die Liebe eine zentrale Rolle, die sich dem Tod und der Selbstzerstörung hingibt, in der Hoffnung, die Vorurteile der unterschiedlichen Herkunft und der persönlichen Empfindlichkeit zu überwinden. 

Ekaterina Chayka-Rubinstein (Dritte Elfe), Rebecka Wallroth (Zweite Elfe), Regina Koncz (Erste Elfe) und Mika Kares (Wassermann). Foto: Gianmarco Bresadola

Es ist wenig überraschend, dass die Aufführung nach dem ersten Akt einige Buuh Schreie und verlassene Sitze zur Folge hatte. Am Ende erhielt der Regisseur jedoch einen anständigen Applaus. Den hatte vor allem die WG-Nachbarin Ježibaba verdient, aber Lob fällt mir nicht leicht – ich habe sie immer noch vor Augen in einem verblichenen Trainingsanzug mit einer Bauchtasche um die Taille. Der Bariton, Prinz Pavel Černoch, stellte das Publikum zufrieden. Ebenso wie der Wassermann des Finnen Mike Kares. Aber es ist nicht leicht, einen Ersatz für ihn zu finden, wenn man seit Kindheit Eduard Haken als die Messlatte hat.

Als Antonín Dvořák im Jahr 1900 Rusalka, eine romantische Oper über ein Wasserwesen, komponierte, ahnte er wahrscheinlich nicht, welche Wellen die Reflexion über einen Aspekt seines Werks heute schlagen würde. Da die Musikrechte es erlauben, das komplette Libretto und die Musik einer Oper oder Operette getrennt zu verwenden, gibt dies jedem Regisseur die Freiheit, mit dem künstlerischen Erbe eines jeden Komponisten auf seine Weise umzugehen. Er kann es zerstören, ergänzen, zerreißen – das ist die künstlerische Freiheit von heute. Aber sie muss nicht immer mit billiger Effekthascherei einhergehen. 

Christiane Karg (Rusalka) und Pavel Černoch (Prinz). Foto: Gianmarco Bresadola

Bereits 1982 inszenierte David Pountney an der English National Opera Rusalka mit freudschen Untertönen als Verstümmelung des Realitätssinns. Martin Kusej sorgte 2010 an der Bayerischen Staatsoper für einen Skandal, als er aus Rusalka ein Inzestdrama machte und einen Hirsch auf der Bühne häuten ließ. Barrie Köske an der Komischen Oper Berlin hingegen wählte für die Inszenierung einen hermetischen, einheitlichen Raum und häutete Rusalkas Fischschwanz. Doch all diese Aufführungen taten der Würde der Oper keinen Abbruch, wozu auch das hervorragende Solistenensemble beitrug.

Jede Produktion wird von der Atmosphäre der jeweiligen Zeit und der gesellschaftlichen Situation beeinflusst. Das aktuelle Geschehen ist nicht einfach, trotzdem gibt es gewisse Grenzen, die nicht überschritten werden sollten. Auch nicht im Namen der Kunst.

Der Artikel wurde in der Zeitschrift Lidové noviny veröffentlicht.

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