Die führende deutsche Sammlerin Katerina Boros über Kunst im Bunker 

Interview mit Kunstsammlerin Karen Boros über Berlin als Kunstlabor, über das neue Leben eines Bunkers und die Expansion der Kunst in den öffentlichen Raum.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Přední německá sběratelka Kateřina Boros o umění v bunkru 

Der imposante Bau des ehemaligen Reichsbahnbunkers an der Ecke Albrechtstraße/Reinhardtstraße in Berlin-Mitte ist voll von Kunst. Kein Schild deutet von außen darauf hin, dass sich hinter den meterdicken Mauern in 80 Räumen auf mehr als 3.000 Quadratmetern eine der weltweit bemerkenswertesten Sammlungen zeitgenössischer Kunst verbirgt. Gegründet wurde sie von den Sammlern Karen und Christian Boros, die sich im fünften Stock ein spektakuläres Penthouse mit Blick auf die Stadt ausgebaut haben. Nach einer kostspieligen und manchmal nervenaufreibenden Renovierung wurde der Bunker 2008 eröffnet. Seitdem gibt es wechselnde Sammlungspräsentationen, die nach Anmeldung zu besuchen sind. 

Christian Boros sammelt seit den 1990er Jahren Kunst. Gemeinsam mit seiner Frau Karen Boros, Kunsthistorikerin und eine der VIP Repräsentanten bei ART Basel Messe, haben sie eine Sammlung von über 800 Werken aufgebaut. Die Boros Foundation hatte im Jahr 2021, im während der Pandemie vorübergehend geschlossenen Club Berghain, die Ausstellung STUDIO BERLIN mit Werken von Künstlern, die in der Hauptstadt leben und arbeiten, mitorganisiert.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in einem Tanzclub auszustellen?

Sie entstand aus dem Lockdown, der jegliches soziales Leben erstickte, eine Situation, die sich niemand vorher hätte vorstellen können. Im April 2020 schlossen sich die Boros Foundation und der Berghain Club zusammen, um ein bis dahin undenkbares Projekt zu realisieren. Gemeinsam beschlossen wir zu erforschen, wie sich Eindrücke und Erfahrungen aus der jüngsten Vergangenheit in zeitgenössischen Werken von Berliner Künstlern widerspiegeln. Ziel war es, die weitläufigen Räume des Berghains in diesem Ausnahmezustand für ein breiteres Publikum zu öffnen.

Während der Pandemie waren viele hier lebenden Künstler in Berlin, sie konnten nicht reisen und mussten Ausstellungen absagen. So konnten Juliet Kothe, Direktorin der Boros Foundation, und ich viele Künstler spontan in ihren Ateliers besuchen, (was normalerweise lange vorher geplant sein muss). Unser Dialog mit ihnen mündete in der Ausstellung STUDIO BERLIN im Herbst 2021. In einer Kooperation zwischen Boros und dem Club Berghain, präsentierte Foundation Boros dort die künstlerische Produktion Berlins der Gegenwart. Zu sehen waren 100 Werke von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die in Berlin leben und ihre Ateliers haben. 

Karen und Christian Boros

Was bedeutet es für Sie, Kunst zu besitzen? Welche Kunstobjekte gelangen in Ihre Sammlung?

Dadurch wurde der kreative Raum vieler Künstler, das Atelier, ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Das Atelier ist nicht nur eine Werkstatt, sondern auch ein Labor und ein geschützter Raum zum Denken und zur Inspiration. Berlin ist einzigartig in der Anzahl solcher Labore. Die Stadt hat die höchste Dichte an Ateliers und Kunstwerkstätten in Europa, und Künstler aus der ganzen Welt ziehen hierher, um zu arbeiten und zu leben. Unser Dialog mit ihnen mündete in der Ausstellung Studio Berlin. 

Man kann sich lange Zeit mit Kunst beschäftigen, ohne sie besitzen zu wollen. Das erste Mal, dass ich ein solches Verlangen verspürte, war, als ich als Galeristin arbeitete. Einer der ersten Künstler, von dem ich unbedingt ein Bild besitzen wollte, war John Baldessari, aber ich hatte nicht genug Geld für ihn. Bevor ich meinen Mann kennenlernte, hatte ich einige Werke erworben, wie die Fotoserie Airports von Peter Fischli und David Weiss. Die großformatigen Bilder von unscheinbaren und banalen Reisezielen unter dem forschenden Blick der Autoren faszinierten mich. Von ihnen ging das Gefühl aus, dass ich mit der Kunst leben wollte.

Für mich ist der Kauf von Kunstwerken wie das Eingehen einer Beziehung. In dem Moment, in dem ich ein Werk kaufe, entscheide ich mich, Zeit mit ihm zu verbringen, mich mit ihm zu beschäftigen. Der Wunsch, etwas zu besitzen, ist nicht wichtig, es ist ein Dialog mit dem Künstler. Wie in einer Beziehung hat man auch beim Sammeln eine Verantwortung für das Werk. Man muss es gut aufbewahren und idealerweise auch installieren und zur Schau stellen. 

 Boros-Sammlung im Bunkergebäude in der Reinhardstraße in Berlin.

Wenn mein Mann und ich ein Werk erwerben, debattieren wir meist tagelang zu Hause darüber. Wir fragen uns: Arbeitet der Künstler an einem relevanten Thema? Wird es uns lange Zeit begleiten? Oder ist es nur ein flüchtiger Gedanke? Hat es Tiefe und Komplexität, die nicht schnell zu erfassen ist? Oder wird das Thema mit der Zeit langweilig?

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Einkaufen und Sammeln? Wann wird man ein Kunstsammler?

Der Begriff Kunstsammler wird leider überstrapaziert, und ich fühle mich nicht wohl dabei, ihn zu verwenden. Das ist bei jedem anders. Es gibt kleine Sammlungen, die sich auf ganz bestimmte Serien konzentrieren. Und es gibt Sammlungen, die vor allem große Namen sammeln. Bei uns fing das Sammeln an, als wir keinen Platz mehr im Haus hatten, um neue Sammlungsstücke aufzuhängen. Wir kauften Dinge, die wir gar nicht mehr auspackten, und brachten sie direkt ins Lager. Und dann haben wir uns irgendwann gefragt: Warum machen wir das? Wohin wird es führen, wenn wir die Werke nicht mehr sehen und erleben können?

Für viele private Sammler spielt der Wunsch, die Sammlung zu erhalten, eine entscheidende Rolle bei der Gründung eines Museums. Was war Ihre Motivation?

Im Jahr 2001 hatten wir die Möglichkeit, einen Teil unserer Sammlung im Museum Morsbroich bei Köln auszustellen. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung, die Werke in anderen Räumen zu erleben und gemeinsam mit dem Kurator Entscheidungen zu treffen. Vor allem hat uns das Interesse der Besucher und der Dialog mit ihnen gefreut. Wir mussten erklären, was die Werke für uns bedeuten und warum wir sie gekauft haben. Und gleichzeitig erfuhren wir, wie sie auf andere Menschen wirken und was sie über sie denken. Als dann die Ausstellung abgebaut wurde und alles nach Hause ging, fühlten wir uns leer. Da wurde die Idee geboren, einen Ort zu finden, an dem wir die Sammlung einem größeren Publikum zeigen können.

Haben Sie das eigene Museum nach irgendeinem Muster aufgebaut?

Aus dem Rheinland kannten wir Erika und Rolf Hoffmann, die seit den 1960er Jahren eine fantas-tische Sammlung zeitgenössischer Kunst aus aller Welt aufgebaut hatten. Ende der 1990er Jahre zogen die Hoffmanns in eine ehemalige Nähmaschinenfabrik in Berlin-Mitte, wo sie ihre Sammlung abwechselnd in Wohnräumen installierten und mit anderen Menschen teilten. Sie nannten es eine „Einrichtung“ und öffneten die privaten Räume nach
Vereinbarung jeden Samstag für die Öffentlichkeit. Dieses Konzept war ein großes Vorbild für uns. Es musste nicht unbedingt ein Museum sein, sondern ein besonderer Ort, den man mit Gästen teilen konnte.

Sie sammeln nun schon seit fast 30 Jahren. Wie unterscheidet sich die Kunst früherer Jahrzehnte von der heutigen?

In den 1990er Jahren war die Globalisierung noch nicht angekommen und es gab weniger Künstler in unserem Blickfeld. Es war eine Zeit vor dem Aufkommen des Internets, das nach 2000 die Welt mit Bildern überschwemmte. Die künstlerische Tätigkeit versuchte, die Struktur und die Mechanismen der sozialen Systeme zu beleuchten.

Viele Künstler setzten sich mit sozialen Phänomenen auseinander und gestalteten den Museumsraum neu. Rirkrit Tiravanija kochte in einer temporären Architektur Mahlzeiten für das Publikum, die durch den Austausch von Informationen während des Essens selbst Teil des Kunstwerks wurden. Künstler wie Tracey Emin a Sarah Lucas zeigten ein neues Verständnis von Sexualität. Wolfgang Tillmans brachte das Alltägliche, die Schönheit.

Die Malerei dehnt sich in den Raum aus und wird selbst zur Installation, zum Beispiel bei Katharina Grosse oder Franz Ackermann. Michael Majerus experimentierte mit seinen oft unvollendet wirkenden Leinwänden. Er schuf seine großen, oft unvollendeten Leinwände mit einer Art Sampling-Technik aus Zeichnungen, Inschriften, Logos, Mangafiguren und Alltagsgegenständen. Die Malerei hingegen war nicht so sehr im Trend, es wurde hauptsächlich mit Fotografie und Video experimentiert.

Heute ist die Zahl der Künstler gewachsen und ihre Arbeiten sind vielfältiger geworden. Die Welt hat sich vergrößert und damit auch die Themen, die uns beschäftigen. Ökologie und Umwelt, Sexualität und Queerness, Feminismus, künstliche Intelligenz, Kolonialismus, Trauma, Surrealismus, usw. Es gibt keine künstlerischen Strömungen. Es gibt eine stärkere Ausrichtung auf die Malerei. 

Ihr Bestand an Kunst muss riesig sein. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Kunst aus, die Sie im „Bunker“ zeigen wollen?

Die Ausstellung basiert in der Regel auf einer ersten Auswahl von Werken. Wir beginnen mit dem, was wir kürzlich erworben haben, auch weil wir diese Werke endlich sehen möchten. Dann überlegen wir, welchen thematischen Faden wir daraus ableiten. In unserer aktuellen Installation geht es um die Zerbrechlichkeit des Körpers, seine Veränderung durch die moderne Technologie.

Bedauern Sie, dass Sie bisher etwas verpasst haben?

Es gibt immer etwas zu bedauern, dafür ist das Leben zu kurz. 

Dieser Artikel erschien in der vierten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

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