Das erste Auto der Welt? Mercedes, natürlich…

Wir sprachen mit Marcus Breitschwerdt, Leiter Mercedes-Benz Heritage, über den Spagat zwischen Luxus und Nachhaltigkeit, die legendären Modelle der Marke und darüber, wie man 137 Jahre Erfahrung für die Zukunft bewahren kann.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: První auto světa? Samozřejmě Mercedes…

Als Leiter von Mercedes‑Benz Heritage sind Sie unter anderem für ein Museum mit einer Fahrzeugsammlung von 160 Fahrzeugen auf 16.500 Quadrat-metern Fläche, zu der auch das erste patentierte Automobil der Welt gehört, verantwortlich. Wie kamen überhaupt diese Fahrzeuge zusammen – wird systematisch von jedem bedeutenden Modell ein Exemplar beiseitegestellt oder werden sie auch aus privatem Besitz abgekauft?

Das Museum ist ein Teil von Mercedes-Benz Heritage. Es präsentiert rund 160 Fahrzeuge, aber wir haben deutlich über 1000 Fahrzeuge in der offiziellen Sammlung von Mercedes-Benz. Wir haben eine Sammlung, die unsere Historie seit ihrem Beginn dokumentiert, wobei bereits seit 1900 systematisch gesammelt wird. Dabei ist es unser Anspruch, dass wir von jedem Kernmodell mindestens ein Exemplar zu unserer Sammlung hinzufügen. 

So ist es Tradition, dass wir sogenannte Bandabläufer – also die letzten Vertreter jedes Modells zu unserer Sammlung hinzufügen. Dabei handelt es sich in der Regel um repräsentativ ausgestattete Fahrzeuge. Aus Sicherheitsgründen ist unsere Sammlung in unscheinbaren Hallen – den sogenannten „Heilligen Hallen“ untergebracht, die sich in der Stuttgarter Umgebung befinden. In 30, 40 oder 50 Jahren werden dann auch diese Fahrzeuge zu Klassikern. 

Wir sind mit Sicherheit die einzigen, die 137 Jahre Automobilgeschichte einer Marke und eines nach wie vor existierenden Unternehmens auf diese Weise dokumentieren können. 

Eine der Ikonen der Marke ist der C111. Ein Auto, das auch nach 50 Jahren modern aussieht und auf der Straße mit einem Konzeptfahrzeug verwechselt wird. Jay Leno meinte, es fährt sich sogar wie ein modernes Auto. Hatten Sie auch die Chance eines der wenigen existierenden Exemplare zu fahren?

Dieses Fahrzeug – in meiner Kindheit ein Star des Autoquartett-Kartenspiels – ist mit Sicherheit eine Ikone der Karosseriegestaltung, aber auch was die Technik betrifft. Es ist ja ein Entwicklungsträger, es gibt nur Prototypen. Von den 19 produzierten existieren noch 16, alle sind in unserem Eigentum. 

Mercedes-Luxus. „Es geht nicht darum, fünf Diamanten statt einem zu haben, sondern um unser Engagement für kontinuierliche Verbesserung“, sagt Marcus Breitschwerdt.

Ich hatte immer wieder die Möglichkeit dieses besondere Fahrzeug zu fahren. Im letzen Jahr sogar sehr ausführlich durch Los Angeles und entlang der amerikanischen Westküste. Immer wieder wurde man angehalten, Menschen riefen an der Ampel ´Oh, it´s a Mercedes!‘ und dann die Frage, wann denn dieses Fahrzeug zu kaufen sei. Dabei wurde dieser Prototyp bereits 1969 gebaut. Wenn dann tatsächlich mehr als 50 Jahre später die Menschen dich fragen, wann das Auto in den Markt eingeführt wird, dann kann man sagen, dass die Design-Sprache von damals wirklich visionär war. Vor 50 Jahren wurde eine Form gefunden, die heute noch als zukunftsweisend gilt, und zwar nicht nur von Experten, sondern auch von ganz normalen Menschen in einer Lifestyle-Stadt wie Los Angeles. Das macht uns natürlich stolz.  

Mit dem C111 sind wir in dem Bereich Supersport, und, wie schon gesagt, außerhalb der Serienproduktion. Was wäre Ihr Favorit im Limousinen-Bereich? Die S-Klasse gilt in der Automobilbranche schon seit langem als Inbegriff für Luxus. 

Mein Favorit aus dem Limousinenbereich sind tatsächlich die „Klassiker von morgen“, und dabei immer die aktuelle S-Klasse. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich schon seit vielen Jahren eine große Auswahl von Fahrzeugen zum Testen zur Verfügung hatte. Ich bin immer davon überzeugt, dass in jeder beliebigen Zeit die jeweilige S-Klasse das beste Fahrzeug ist, das auf dem Markt ist. Das Auto eignet sich zudem bestens auch für große Familien. Wir haben drei Kinder und auch für eine fünfköpfige Familie ist die S-Klasse ein wunderbares Fahrzeug. 

Wenn ich alleine sportlich unterwegs sein will, dann ist es immer der aktuelle SL. Privat habe ich mir eine Pagode gekauft, die nach meiner Ansicht ein wunderbares äußeres Design besitzt. Eingeführt vor 60 Jahren, ist dieser SL ein leichtes, elegantes Fahrzeug, ein wunderbarer Sportwagen, der sowohl in Großbritannien wie in Italien, aber auch in Nord-amerika immer einen guten Aufschlag macht. 

Das Erbe von Mercedes-Benz liegt im Pioniergeist, betonten Sie schon früher, und Sie meinten damit die Fähigkeit, herausragende Durchbruchslösungen zu jeder Zeit und in jeder Epoche zu finden. Auf welche Lösungen würden Sie in diesem Zusammenhang gerne aufmerksammachen?

Man hat sehr aufwendige Versuche zum Crash-Verhalten gemacht, der gerade angesprochene W113 – die Pagode – war der weltweit erste Sportwagen mit einer Crash Zone und einer Sicherheitskarosserie. Durch unsere Initiative ist auch der Airbag entstanden. Wir waren entschlossen, die Menschen besser zu schützen als nur durch Gurte. Das sind elementare Aspekte, die entscheidend zur Insassensicherheit beitragen, das ist einfach ein Gebot. 

Und so ist es auch jetzt mit der Vollelektrifizierung. Das Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit und Privatheit in der Mobilität muss ermöglicht und so sichergestellt werden, dass es klimaneutral funktionieren kann. 

Wir sind ein Unternehmen, das zutiefst davon überzeugt ist, dass Technik das Leben besser machen kann. Dieser Pioniergeist, der ständige Antrieb immer weiter zu gehen – und zwar nicht nur im Sinne individueller Bedürfnisse, sondern auch gesellschaftlicher Bedürfnisse wie Klimaschutz, das macht uns aus. 

Und wie definiert der erste Automobilhersteller der Welt Luxus?

Luxus hat immer eine Komponente des Überflusses. Unser „Überfluss“ – hier aus dem deutschen Süden kommend, früher eine arme Gegend – ist kein Überfluss im Sinne „fünf Diamanten statt einem Diamanten“ oder Platin statt Gold oder Silber. Unser „Überfluss“ ist ein Überfluss an Konzeptstärke, an Mühe, an ständiger Verbesserung. Es ist auch ein Überfluss an Durchdachtheit: Was muss ein Produkt können? Was muss es aushalten? Unser „Luxus“ ist eben auch ein ideeller Anspruch, der materialisiert dann zu wahrem Luxus wird. Der Ursprung dieses Gedankens liegt in einer Zeit, in der die Menschen wussten, dass sie zu arm sind, um etwas Billiges zu kaufen. Diese Einstellung führte dazu, dass jeder, der etwas produzierte, das beste Material verwendete, die beste Verarbeitung gewährleistete und die besten technischen Möglichkeiten nutzte. Produkte, die so hergestellt werden, überdauern – und das wurde später von anderen als Luxus verstanden. So entstand hier bei uns eine gesellschaftlich akzeptierte und hochgradig respektierte Form des Luxus, und dafür kann man sich auch im Sinne der Nachhaltigkeit begeistern.  

Eines Ihrer Ziele ist es, mit dem Classic Center zu einem führenden Restaurateur für Flügeltürer und jede beliebige andere Baureihe der Marke zu werden. Ist das von dem direkten Geschäftspotenzial dieses Bereichs motiviert oder ist dies von der Vision getrieben, möglichst viele einzigartige Oldtimer und Klassiker der Marke bestmöglich zu erhalten? 

Wir wollen nicht nur sammeln und nach innen wie nach außen erklären, dass unsere Verpflichtung  auch darin besteht, die Fahrzeuge in Gang zu halten. Das tun wir für unsere Museums- und Sammlungsfahrzeuge, künftig wollen wir dies aber auch verstärkt für private Fahrzeuge im Markt tun. Von Vorkriegsfahrzeugen über 300 SL und 190SL, Pagoden, die Baureihe W111 bis hin zu dem was heute als Young Classics (Youngtimer) verstanden wird. In diesem Geschäft werden wir uns zukünftig verstärkt engagieren und Werks-Klassikrestaurierungen am freien Markt als eigener Anbieter anbieten. Erstens wünschen es viele Kunden und zweitens hilft es uns auch, das Wissen zu erhalten und bei unseren Spezialisten im Classic Center an die nächste Generation weiterzugeben. 

Der Prototyp des C111 wurde 1969 hergestellt. Auch nach mehr als 50 Jahren fragen die Leute immer noch, wann das Auto auf den Markt kommt…

Dazu haben wir den exklusiven Zugang zum Mercedes-Benz Archiv – einem weltweit einzigartigen Schatz, der beispielsweise Konstruktionszeichnungen oder Aufzeichnungen zur ursprünglichen Fahrzeugausstattung umfasst. Außerdem wollen wir damit auch Fähigkeiten erhalten und wieder eine größere Fertigungstiefe zur Verfügung stellen, beispielsweise was Sattlerei oder Feinblecharbeiten angeht. Außerdem wollen wir auch Fahrzeuge mit Holzrahmen wieder selbst instandsetzen können. Das wird den Markt weiter befruchten und wir freuen uns, wenn eine starke Präsenz von kompetenten Menschen sich um 137 Jahre Mercedes-Benz Bestand und natürlich auch um den Bestand der kommenden 137 Jahre kümmert.

Wie schwer ist es, seltene und komplizierte Ersatzteile neu herzustellen – technisch dürfte für sie alles möglich sein. Wie schwer ist es aber, eine solche Nachfertigung im Hause durchzusetzen? 

Das ist nicht schwer – im Gegenteil. Unser Vorstandsvorsitzender, wie auch der gesamte Vorstand sind tiefst davon überzeugt, dass das Heritage unser Alleinstellungsmerkmal ist und deswegen haben wir seit Januar letzten Jahres den gesamten Bereich umstrukturiert und verantworten nun auch das Geschäft mit Originalersatzteilen. Dieses bauen wir im Rahmen unserer neuen Strategie künftig weiter aus. Zukünftig soll so eine möglichst große Zahl an Ersatzteilen für klassische Mercedes-Benz Fahrzeuge als zertifizierte und neue Originalersatzteile zu Verfügung stehen. Wir haben die Geschäftsverantwortung und es ist für uns sehr wichtig, dass Mercedes-Benz Kunden darauf vertrauen können, dass ihre Klassikfahrzeuge nicht dadurch außer Gefecht gesetzt werden, dass keine Teile mehr verfügbar sind. 

Inwiefern ist heute die Versorgung mit Ersatzteilen beispielsweise für einen Flügeltürer aus den 50iger Jahren gesichert?

Bei solch wertvollen seltenen Fahrzeugen haben wir strategische Reserven. Wir raten ganz klar davon ab, sich irgendwo irgendein Teil zu besorgen.

Wenn die Teile nicht verfügbar sind, dann wollen wir dafür sorgen, dass sie originalgetreu wieder hergestellt werden. Nur so ist eine vollständige Originalität gewährleistet – technisch, wie historisch – und damit auch die Werthaltigkeit des Fahrzeuges. 

Das große Thema nicht nur in der Automobilindustrie ist heutzutage die Nachhaltigkeit und die Elektromobilität. Inwiefern sind von Ihrer Perspektive her, als Chef von Mercedes-Benz Heritage, diese mächtigen Änderungen im Einklang mit der Philosophie und Tradition der Marke und wie tragen Sie mit Ihrem Bereich zur Positionierung der Marke bei?                

 Wir stehen aktuell vor einer dreifachen Herausforderung, die wir gerade bewältigen: wir wollen die Marke wieder scharf als Luxusmarke positionieren. Dabei geht es um den zuvor beschriebenen Konzeptions- und Ausführungsluxus. 

Damit können auch wir als Mercedes-Benz Heritage erklären, weshalb auch eine Batterie wirklicher Luxus ist. Diese ist nicht nur sehr teuer, sie erfüllt aber vor allem sämtliche Bedingungen, die an sie gestellt werden, und erfüllt diese in Zukunft sogar besser als es ein Verbrennungsmotor kann.

Unser eigentliches Heritage, der Kern unseres Erbes sind nicht 1 Zylinder, dann 4, 6, 8 und 12 Zylinder, unser eigentliches Heritage ist Pioniergeist und immer neue Konzeptionskraft. Die Stärke dieses Unternehmens lag immer schon darin, immer wieder aufs Neue zu schauen, wie wir den Anforderungen unserer natürlichen Umwelt, unseres Marktumfelds und unserer individuellen Kunden am besten genügen können. Und dafür treiben wir uns gegenseitig an, um technisch das Beste zu erreichen. Dieser Durchbruchsgeist, dieser unbedingter Wille, einen guten Beitrag zu leisten, dieser Optimismus, dass Technik das kann, und dieses hohe Verantwortungsbewusstsein, das ist unser Heritage. Das ist auch das, wovon wir uns wünschen, dass es sich als wohlverstandener, gesellschaftlich akzeptierter Luxus etabliert.

Dieser Artikel erschien in der vierten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

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