Graf Johann Nepomuk Anna Maria Hypolit Podstatzky-Lichtenstein zur Zeit der Zeitenwende

Sein Großvater saß mit Ferdinand d´Este in dem Wagen in Sarajevo, als der Erzherzog und seine Frau von tödlichen Schüssen getroffen wurden. Der erste Weltkrieg stand unmittelbar bevor…  Der Enkel, Graf Johann Nepomuk Anna Maria Hypolit Podstatzky-Lichtenstein, bereiste in seinem Leben die Welt, bevor er an seinen Geburtsort, in das Familienschloss in Velké Meziříčí in Südmähren, zurückkehrte. Im erhabenen Familiensitz sprachen wir über sein kosmopolitisches Leben, seine Zusammenarbeit mit Otto von Habsburg, die Bedeutung der Europäischen Union und darüber, weshalb ihm das Leben im Schloss gefällt.

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Ihr bewegtes Leben ließe sich anhand der vielen Länder beschreiben, in denen  Sie gelebt haben. Sie  sagen, dass Sie sich als Europäer fühlen. Wo überall haben Sie gelebt und was waren die wichtigsten Stationen in Ihrem Leben?

Bis 1948, als meine Familie und ich nach Chile flohen, wo ich auch meine Jugend verbrachte, lebte ich in der damaligen Tschechoslowakei. Nach meiner Rückkehr nach Europa arbeitete ich im Europäischen Dokumentations- und Informationszentrum (CEDI) in Paris, von dort wurde ich dann nach Madrid versetzt. Es folgten Liechtenstein,  München und schließlich Denia in Spanien.

In den 1960er Jahren arbeiteten Sie ganze zehn Jahre für Otto von Habsburg, der damals Präsident der Paneuropa-Union war. Ihren eigenen Worten nach haben Sie damals verstanden, was  Politik ist. Welche Lehre haben Sie aus dieser Erfahrung gezogen?

Otto von Habsburg waren die christlichen Wurzeln in Europa wichtig. Er setzte sich dafür ein, dass die traditionellen Werte an die nächste Generation weitergegeben werden.

Wie waren die Beziehungen in Europa in den 1960er Jahren, als Sie mit Otto von Habsburg zusammengearbeitet haben?

Für Europa war es zu dieser Zeit von essentieller Bedeutung, zwei Länder zu vereinen, die sich in der Vergangenheit feindselig gesinnt waren: Frankreich und Deutschland. Der erste in diesem Sinn von CEDI eingeleitete Schritt war das Treffen zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Damals wurde der Grundstein für den gesamten europäischen Gedanken gelegt. Hätten diese beiden Länder keinen Weg gefunden, sich zu einigen, wäre Europa verloren gewesen.

Wie hat sich die Situation weiterentwickelt?

1957 wurde in Rom der Vertrag zur Gründung der  Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) unterzeichnet. Aber wir  wollten in Europa nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische Union haben. Daran haben Otto von Habsburg und ich zehn Jahre lang gearbeitet. Unsere Aktivitäten wurden von München und dann von Paris aus gesteuert. Durch den Zusammenschluss der EWG mit der EKGS im Jahr 1967 entstand die Europäische Gemeinschaft (EG), die zur Grundlage der EU wurde. 

Wie ist Ihr Verhältnis zur EU heute?

Die EU ist grundsätzlich eine richtige Sache, doch die Richtung muss stimmen. Ich halte es für ein großes Plus, dass der ungarische Präsident Orbán etwas erreicht hat, was schon fast in Vergessenheit geraten ist, und zwar, dass 2019 nicht Frans Timmermans an die Spitze der EU gewählt wurde, sondern Ursula von der Leyen, die recht konservativ ist. Denn Timmermans war damals eine unsichere, zu stark links orientierte Person, auch wenn er heute halbwegs anders auftritt.

Graf Podstatzky-Lichtenstein auf dem Schloss in Velké Meziříčí Foto: Tomáš Železný

Wie sehen Sie die aktuelle Lage der  EU?

Leider gibt es auch heute noch einen ständigen Kampf zwischen Sozialisten und Konservativen in Europa. Die Situation ist derzeit schlecht und meines Erachtens ist das Vorherrschen sozialistischen Denkens in der EU eine Bedrohung für das konservative Europa. Ich denke, die Spaltung begann mit dem Brexit, aber wir haben uns wirklich dafür eingesetzt, dass England an Europa angeschlossen wird. De Gaulle wollte das  damals absolut nicht, und wie wir heute sehen, hatte er in gewisser Weise Recht.

In welche Richtung wird sich die EU Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?

Es ist für mich unverständlich, dass ein Kontinent mit 500 Millionen Einwohnern von einem Kontinent mit 300 Millionen Menschen in Amerika abhängig ist! Wir müssen versuchen, die richtigen Leute an die richtigen Stellen zu setzen. Europa kann ohne Mächte wie Russland, China und Indien überleben, aber es muss sich vereinen. Deshalb wird alles, was spaltet, mit voller Kraft von Übersee  unterstützt.

Ist Paneuropa heute noch stark?

Paneuropa ist die älteste noch existierende europäische Einigungsbewegung und bildet die Grundlage der heutigen EU. Sie wurde 1922 von  Graf Richard Coudenhove-Kalergi ins Leben gerufen. Die Paneuropa-Union hat eine gewisse Macht, weil sie bis heute in fast jedem Land in Europa präsent ist.

Ihre Familie floh 1948 aus der ehemaligen Tschechoslowakei. Das wirft die Frage auf:
Was bedeutet Heimat für Sie?

Ich war selbst ein Flüchtling. Aber ich habe mich in Chile nicht schlecht gefühlt, auch wenn es in den ersten Jahren schwierig für mich war. Ich war nicht einmal zwölf Jahre alt, ich sprach kein Spanisch. Kinder gehen ja nicht immer freundlich miteinander um, und ich konnte mich nicht verbal verteidigen. Das änderte sich, nachdem ich ihre  Sprache erlernt hatte. Als ich auf einem Amt in Chile  den vollen Namen meiner Mutter, Harrach,  schreiben sollte, fragte mich der Beamte, ob ich Pole, Jude oder Araber sei. Wenn ich hier Podstatzky sage, versteht mich jeder. Ich bin in meinem Land. Der Name verpflichtet.

Wie sehen Sie diejenigen, die ihre Heimat verlassen oder verlassen müssen?

Ich denke, dass die Flüchtlinge  nach drei Jahren keine Flüchtlinge mehr sein dürften. Bis dahin sollten sie sich an das Leben in ihrem neuen Land angepasst haben.Wenn ich nach Europa komme, bin ich doch ein Europäer. Wenn ich in Tschechien bin, bin ich ein Tscheche. Aber man kann  nach zehn Jahren kein Flüchtling mehr sein und immer noch jammern wie am Anfang! Nach drei Jahren muss man die Sprache erlernt haben, sonst kann man zurückkehren.

Ihr Sohn sagt, das Schloss sei Ihr Lieblingsspielzeug. Das klingt  unbeschwert und abenteuerlich, bringt  aber  eine große Verantwortung für die Umwelt und die nächste  Generation mit sich. Wie sieht der Alltag auf dem Schloss aus?

Ich gebe zu, dass mein Sohn in einigen Dingen Recht hat. Wenn man nicht investiert und das Schloss verfallen lassen würde, hätte man Mittel, die man anderweitig nutzen könnte, zum Beispiel für eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer. Ein Schloss ist ein großer Luxus. Aber ich bin hier aufgewachsen, es ist mein Zuhause. Es ist daher nicht nur ein Hobby, sondern gleichzeitig eine Verpflichtung gegenüber der Stadt und dem Land, denen man etwas zurückgeben möchte. Und somit ist das in Ordnung. Das Leben im Schloss ist sehr angenehm. Das Besondere sind seine Räumlichkeiten und die Geschichte, von der es umwoben ist. Ich hoffe, dass die finanziellen Möglichkeiten  meinen Kindern erlauben werden, diese Tradition in der Zukunft fortzusetzen.

Gestatten Sie mir zum Schluss eine persönliche Frage. Wie kam es, dass Ihr Großvater beim Attentat in Sarajevo mit dem Erzherzog im Auto saß?

Das ist ganz einfach. Das Auto gehörte ihm. Es war ein Wagen von Gräf & Stift, der sich heute in den Sammlungen des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien befindet. 

Dieser Artikel erschien in der vierten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

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