Ilka Grüneberg: Ich recherchiere über Hintergründe in der Fotografie, auch in der Tschechischen Republik

1987 schloss ich mein Studium der Malerei an der Pariser Kunsthochschule ab. Als Studentin habe ich eine Anfrage von einem Fotografen bekommen, ob ich für seine Arbeit einen gemalten Hintergrund entwerfen könnte, und so entstand nach einer Woche Arbeit mein erster Hintergrund. Die Geschäftsidee war geboren!

Ilka beim Malen eines fotografischen Hintergrunds. Auf dem Titelbild sehen Sie ihr Gemälde Brücke, das sie speziell für unsere Publikation N&N Czech-German Bookmag geschaffen hat. Foto: Atelier Grüneberg

Nach dem Studium eröffnete ich ein Fotostudio in Hamburg, später in Berlin und fing an, meine gemalten Hintergründe zu vermieten, was riesigen Anklang fand. Erstens war ich die Einzige in Deutschland, die diesen Service angeboten hat, zweitens waren die Fotografen froh, dass sie keine Hintergründe mehr kaufen mussten; sie sind sehr teuer und man kann sie nicht mehr als zwei- oder dreimal verwenden. Bis heute bin ich die Einzige in Deutschland, die den Service in dieser Form anbietet. Inzwischen habe ich über 180 Hintergründe gemalt, die hauptsächlich für Modefotografie und Porträts eingesetzt werden. Sie werden, wir leihen sie aus europaweit, oder man kann sie im Berliner Fotostudio für Foto – und ilmproduktionen mieten. Sie sind bereits auf den Titelseiten aller führenden Zeitschriften erschienen, und für alle bekannten commercial Produktionen eingesetzt worden.

Ilka, wie sind die Fotografen eigentlich auf die Idee gekommen, gemalte Hintergründe im Atelier zu verwenden?

Die erste Fotografie war zeitaufwendig und kostspielig. Man musste fast eine Stunde lang stillsitzen, um das Foto zu belichten; das war so teuer wie Malen. So liessen sich zuerst nur Adlige und Reichen fotografieren. Als 1854 die Glasplatte erfunden wurde, mit der 4 – 8 Belichtungen in wenigen Minuten erstellt werden konnten, wurde die Fotografie günstiger. So kamen nun ließen Leute aus der Mittelschicht, die sich porträtieren lassen, aber reich aussehen wollten!

So fing man an gemalte Hintergründe zu verwenden, die „reiche“ Motive darstellten: einen Schlossgarten, Jagdszenen, die Treppe zum herrschaftlichen Haus und in jedem Atelier waren teuere Möbel und Acessoires vorhanden. Dadurch wurde der Eindruck erweckt, diese Familien seien reich und hoch angesehen.

Ilka zählt unter den Herausgebern zu den gefragtesten Autoren. Foto: Atelier Grüneberg

Jetzt schreibst Du ein Buch über fotografische Hintergründe. Warum?

Vor allem gibt es keine Dokumentation zu diesem Thema. Es wird über die Geschichte der Fotografie geschrieben, aber nicht über die Hintergründe. Dabei ist beides wichtig; kein Foto kommt ohne einen Hintergrund aus – ob echt oder gemalt. Und außerdem ist die Geschichte der Hintergründe wirklich spannend. Alles begann 1839 mit der Entdeckung der Fotografie. Es fasziniert mich, eine Dokumentation zu erstellen, die die Geschichte der Entstehung einer bilnerisch komponierten Illusion erzählt, die bestimmte Sehnsüchte in uns weckt.

Wo suchst Du nach Unterlagen für Dein Buch?

Sicher hauptsächlich in den Ländern, in denen die Fotografie sehr weit entwickelt war. Ich recherchiere in der Wiege der Fotografie, in Frankreich, dann in England und Deutschland. Besonders interessiert mich aber die Fotografie in der Tschechoslowakei, die in der Geschichte eine Vorreiterrolle spielte. Das Land hat interessante und berühmte Fotografen hervorgebracht, die heute jedem Kunsthistoriker bekannt sind. Ich bin auf der Suche nach Ateliers und Fotografen, die alte Hintergründe aus dem 19. bis 20. Jahrhundert haben könnten und die ich gern im Buch dokumentieren möchte. 

Malerei als fotografischer Hintergrund wird hauptsächlich für Modefotografie und Porträts, oder auf Zeitschriften-Covers eingesetzt. Foto: Atelier Grüneberg

Fotografie ist aber auch eine Illusion und der Mensch liebt sie.

Mir ist aufgefallen, wie viele Menschen, auch solche, die Welt nüchtern betrachten, sich von kreierter Schönheit angezogen fühlen. Schau Dir den letzten Auftritt von Marlene Dietrich an, sie war 75 Jahre alt, als sie zum letzten Mal auf der Bühne stand. Sie sah hervorragend aus in ihrem prächtigen, mit Diamanten bestickten goldenen Kleid mit weißem Pelzmantel und blonder Mähne. Die Welt wird diesen emotionalen Moment des Abschieds nie vergessen. Und es war auch nur eine reine Inszenierung, der wir völlig erlegen sind. Es wurde eine Illusion geschaffen, die sich schnell auflöste. Und doch ist die Illusion Teil unseres Lebens, wir wollen gar nicht mehr ohne sie leben. Wir alle lassen uns gerne verführen. 

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