Tschechisch-deutsche musikalische Amphibie Joe Kučera

Geboren im Prager Stadtviertel Vinohrady, zog er 1969 nach der sowjetischen Besetzung jedoch nach West-Berlin, wo er sich dauerhaft niederließ. Heute ist Joe (Josef) Kučera überall nicht nur als Saxophone Joe bekannt.

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Wir sprachen mit dem Musiker und Gründer der internationalen Musikfestivals Jazz Meeting Berlin und Europe Blues Train Festival, auf seiner Tournee, die ihn in tschechische und mährische Städte führte, in denen er zwanzig Konzerte gab. 

Eines der Konzerte war auch in Prag zu hören, wo Sie vor achtzig Jahren geboren wurden. Wie hat Ihnen der Auftritt in Prag gefallen?

Das Prager Konzert im Rahmen unseres Europe Blues Train Festivals, das Birgit Bogner und ihre Agentur Art. e. m. jahrelang mit mir veranstaltet, fand im Písek-Tor nahe der Prager Burg statt. Wir haben es zu dritt mit Jesse Ballard und dem tschechischen Geiger Jan Hrubý, einzigartigen Musikern, gegeben. Ich habe ganze zwölf Jahre lang das Musikfestival Jazz Meeting Berlin organisiert, bei dem alle bekannten Jazzer der westdeutschen Szene auftraten. Ich bin ein Amphibienmensch, natürlich kenne ich auch die hiesigen Blues-, Jazz- und Folkmusiker. Anstatt nur zu spielen und zu komponieren, organisiere ich verschiedene internationale Projekte und bringe gern deutsche und tschechische Künstler zusammen. 

Welche tschechischen Musiker haben Sie angesprochen?

Es gibt in der Tschechischen Republik und in Deutschland Bands, die nur lokal bekannt sind. Zum Beispiel sind Vladimír Mišík oder Michal Prokop, die schöne Texte haben, in Deutschland praktisch unbekannt, weil sie nur tschechisch singen. Das ist sehr schade. Es wäre gut, sie zum Beispiel in einem Doppelkonzert mit Musikern, die das Publikum bereits kennt, vorzustellen. Das war bei Jan Spálený oder Luboš Andršt der Fall. Bei ihren Auftritten jubelte das Publikum und das bestätigte mich in meiner Überzeugung, an dieser Idee festzuhalten. Dabei begann das völlig spontan, als ich 1993 auf dem Festival in Karlovy Vary die westdeutsche Szene in ihrer ganzen Breite präsentierte und Musiker aus Süd- und Nordamerika, Frankreich und der Schweiz zusammenspielten. Damals kam mein langjähriger Freund, Musiker und Sänger von Framus Five und damaliger stellvertretender Kulturminister Michal Prokop zu mir und lobte diese sozusagen „meine“ Band. An Berlin gefällt mir, dass die Künstler dort zusammenarbeiten und sich nicht gegen andere Einflüsse wehren. Das potenziert die Schönheit der Musik, aber gleichzeitig geht es um Empathie, weil ein Musiker den anderen nicht übertönt. Auch das zeigt, wie wichtig die Symbiose auf künstlerischer Ebene ist. 

Joe tritt häufig mit dem legendären tschechischen Geiger Jan Hrubý auf. Mit dem kalifornischen Gitarristen Jesse Ballard spielt er schon fünfzig Jahre zusammen. Foto: Jindřich Oplt

Sie haben den kalifornischen Musiker Jesse Ballard erwähnt, mit dem Sie schon seit fünfzig Jahren zusammenspielen. Aber Sie haben sich damals auf eine eher ungewöhnliche Weise kennengelernt…

Jesse und ich lernten uns 1973 in London kennen, wo ich damals für zwei Jahre lebte. Ich besuchte sein Konzert und nahm vorsichtshalber meine Flöte mit. Er kannte mich zwar nicht, aber ich habe ihn zu jener Zeit schon in West-Berlin spielen sehen. Als ich ihn dort hörte, hat mich irgendetwas gepackt und ich habe mich spontan aus dem Publikum zu ihm gesellt. Ich glaube, er war ziemlich wütend, denn er rief mir im Dunkeln zu: „Du Feigling, komm raus und lass dich sehen!“ Ich gab nicht nach! Aber dann fingen wir an, den zweiten und dritten Song zu spielen… und seitdem spielen wir zusammen. Wir beide sind durch ganz England gereist und haben mit allen möglichen Bands gespielt.

Eine Kollegin, mit der Sie regelmäßig spielen, ist auch die preisgekrönte Berliner Sängerin Simone Reifegerste…

Mit Simone spielen wir schon fünfzehn Jahren zusammen. Sie hat eine wundervolle Stimme, komponiert und produziert Musik ausgezeichnet. Mit ihr und der tschechischen Musiklegende Martin Kratochvil und seiner Druppe Jazz Q haben wir am 18. November beim Europe Blues Train Festival 2023 im Berliner Club Quasimodo unsere neue LP As Time Goes By vorgestellt.

Mit Simone singen Sie Ihr Lied Just now, but forever zu dem Sie in Prag auch einen überaus beeindruckenden Videoclip gedreht haben…

Offiziell ist das meine erste CD, auf der ich singe, und noch dazu auf Tschechisch. Die Antwort auf Englisch, gesungen von Simone, wurde von meinem großartigen amerikanischen Freund John Vaughan komponiert. Es ist eine Reminiszenz an die guten Zeiten, die ich erlebt habe, und an die Tatsache, dass ich manchmal jemanden enttäuscht habe. Dennoch hoffe ich, dass es jemanden gibt, der mir bestätigt, dass ich manchmal auch gute Dinge getan habe. Leider starb John, bevor wir mit der Aufnahme des Songs begonnen haben, aber Simone singt seinen Text, als wären es ihre eigenen Worte. Dieser Song wird wahrscheinlich nie ein Hit werden, aber wir alle, die daran beteiligt waren, sind stolz darauf. Außerdem entstand er in der Zeit der Pandemie, als das Reisen plötzlich unmöglich war. Wir haben exzellente Musiker aus Berlin und Prag angesprochen, und so wurden in beiden Städten  die Grundsteine gelegt. Dazu haben wir dann mit Simone den Saxophonpart und ihren Gesang in einem Studio bei Köln aufgenommen. Am Ende wurde es eine größere Produktion, als wir ursprünglich geplant hatten. Aber so ist das manchmal im Leben.. 

Sie haben ständig einen vollen Terminkalender. Womit entspannen Sie sich?

Ich habe einen Grundsatz: Wenn etwas gelingt, bekommt man Energie zurück. Wenn man nichts tut, gibt es nichts, woraus man Energie schöpfen kann. Aber wenn ich wirklich den Kopf frei bekommen will, setze ich mich in den Garten meiner Berliner Wohnung, in der ich seit 1979 wohne. Auf unserer kleinen grünen Insel mitten in Berlin ruhe ich mich sehr gern aus.

Dieser Artikel erschien in der fünfte Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

Mehr unter: blues-train-festival.com

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