Arndt Freytag von Loringhoven: Drei Pfeiler Europas

Tschechien und Deutschland sind sich heute näher als je zuvor, behauptet im Gespräch mit der N&N-Verlegerin, Danuše Siering, Arndt Freytag von Loringhoven, der während seiner Diplomatie-Karriere seinerzeit auch als deutscher Botschafter in Prag und Warschau tätig war. Außerdem erklärt er, warum er Jugendliche schätzt, die sich engagieren und kommentiert die Beziehung von deutschen Kanzlern zu Osteuropa. 

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Arndt Freytag von Loringhoven gehört zu den erfahrensten deutschen Diplomaten. Er studierte am New College in Oxford und promovierte 1984 am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried. Seine ersten Stationen waren die deutschen Botschaften in Paris und Moskau, danach war er Vizepräsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes. Er wirkte als  deutscher Botschafter in Prag, danach wurde er Beigeordneter des NATO-Generalsekretär für Nachrichtendienste und Sicherheit. Er beendete seine aktive Laufbahn als deutscher Botschafter in Polen im Jahr 2022. Unterhalten kann man sich mit ihm neben Deutsch auch fließend auf Englisch, Französisch und Russisch. 

Ihr westfälisches Uradelsgeschlecht Freytag (auch Frydag) geht auf das 12. Jahrhundert zurück und ist damit eines der ältesten Adelsgeschlechter in Deutschland. Sehen Sie den Adel immer noch als ‚Brückenbauer‘? Inwieweit kann der Adel, gerade in der heutigen Zeit, durch die Bewahrung seiner Traditionen und Werte zum europäischen Miteinander und Zusammenhalt beitragen?

Der Adel steht für alte Werte wie Familie, Ehre und Treue, Ritterlichkeit gegenüber Frauen und natürlich den Glauben an das Christentum. Zu ihrer Bewahrung trägt der Adel weiterhin bei. Allerdings sind solche Werte im Hier und Heute, in einer multikulturellen, multiethnischen, egalitären Gesellschaft vielfach nicht mehr anschlussfähig, jedenfalls nicht in althergebrachter Form. Auch gibt es immer weniger Adlige in Führungspositionen. Daher sehe ich keine signifikante Rolle des Adels als ‚Brückenbauer‘.

Im Laufe der Geschichte waren Adlige häufig Diplomaten, die für all ihre  Ausgaben selbst aufkommen mussten, um überhaupt einen der großen Posten in London, Paris, Wien oder Sankt Petersburg  besetzen zu können. Wie sind Sie auf den diplomatischen Lebensweg gekommen?

Ich wuchs in Bonn, der alten Bundeshauptstadt, auf, weshalb ich dort viele Diplomaten kannte. Ihre Weltoffenheit, allseitige Bildung und Toleranz gegenüber anderen Völkern und Kulturen haben mich beeindruckt und geprägt. Ich wollte raus aus der kleinen Stadt in die weite Welt, aber auch etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft tun, einen Beitrag zu Völkerverständigung und Frieden leisten. Konkret hat mich Mitte der achtziger Jahre die auf die Überwindung der europäischen und deutschen Teilung gerichtete Politik von Außenminister Hans-Dietrich Genscher motiviert, Diplomat zu werden. 

Während Ihrer langen und erfolgreichen diplomatischen Karriere bekleideten Sie viele Posten, deren Bedeutung heute als wichtig eingeschätzt werden kann. Wie sehen Sie diese Zeit heute  angesichts Ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen?

So bereichernd es war, andere Länder und Menschen gut kennenlernen und an der Formulierung der deutschen Außenpolitik mitwirken zu können, so gemischt ist heute meine politische Bilanz. Die roten Fäden meiner Laufbahn waren europäische Sicherheit und europäische Integration. Beide sind heute bedroht, durch den imperialistischen Revanchismus Moskaus einerseits und den Rechtsruck von immer mehr EU-Staaten andererseits. Wir brauchen klare Strategien für die Einschränkung des Einflusses von Russland, den Aufbau einer neuen Sicherheitsordnung und den Erhalt eines starken gemeinsamen Europas. Davon sind wir weit entfernt.

Arndt Freytag von Loringhoven war in den Jahren 2014–2016 Deutschlands Botschafter in Prag. Die deutsch-tschechische Zusammenarbeit ist für den erfahrenen Diplomaten sehr wichtig.

Was war die größte Errungenschaft in Ihrer diplomatischen Laufbahn?

Hervorheben würde ich den Aufbau einer Abteilung für nachrichtendienstliche Zusammenarbeit im NATO-Hauptquartier. Deren Aufgabe ist die Erarbeitung eines gemeinsamen Lagebilds der Verbündeten, z. B. bezüglich Russland oder des internationalen Terrorismus. Eine gemeinsame Lagebewertung ist die Grundlage für eine gemeinsame Politik. Es freut mich sehr zu sehen, dass meine frühere Abteilung heute in der NATO nach der russischen Invasion der Ukraine eine  entscheidende Rolle spielt.

Gerade heutzutage ist es wichtig, alle Verbin-dungen zu nutzen, um Frieden in Europa zu schaffen. Die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen, gilt traditionell als höchste Kunst der Diplomatie. Glauben Sie, dass dies auch heute der Fall ist, in einer Zeit, in der die politische Kultur von der Eskalation der Konflikte  und der Unfähigkeit, grundlegende Entscheidungen selbst zu treffen, dominiert wird?

Grundsätzlich ja. Die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen, ist eine Kernkompetenz der Diplomatie. Ich habe erfolgreiche Beispiele erlebt, wie den Friedensschluss in Bosnien oder das Nuklearabkommen mit dem Iran. Allerdings sind Kompromiss und Ausgleich nicht immer der richtige Weg. Es gibt Zeiten, in denen Staaten ihre Interessen mit Härte, notfalls mit militärischer Gewalt durchsetzen müssen. Denken Sie an das Münchener Abkommen 1938. Putin jetzt entgegenzukommen, ihm Land für Frieden anzubieten, würde ihn nur ermutigen, den Westen für schwach zu halten und bei nächster Gelegenheit seine Aggression fortzusetzen. Ein ungerechter Frieden könnte zudem China oder andere autoritäre Staaten auf falsche Gedanken bringen. Nein, jetzt muss für uns erst einmal ein militärischer Sieg der Ukraine im Vordergrund stehen. Frieden um jeden Preis ist nicht die richtige Lektion aus der Geschichte. 

Um den Krieg zu beenden, ist eine klare Strategie dringend erforderlich. Bietet die derzeitige deutsche Regierung eine tragfähige Orientierung und Strategie, die zum gewünschten Ziel führt? Unter welchen Konditionen ist es möglich, in Europa wieder Frieden zu schaffen? 

Die Zeitenwende-Rede von Olaf Scholz hat die außenpolitischen Weichen Deutschlands völlig neu gestellt. „Russia first“, NordStream, die Verzwergung der Bundeswehr – das ist zum Glück alles Geschichte. Dennoch würde ich noch nicht von einer klaren Gesamtstrategie sprechen. Wir brauchen gegenüber Russland eine neue, umfassende Eindämmungsstrategie und müssen andererseits die Ukraine so rasch wie möglich in die NATO und die EU aufnehmen. Drittens müssen wir ein starkes Europa der Verteidigung aufbauen, nicht zuletzt für den Fall einer Rückkehr von Donald Trump. Dauerhafter Frieden in Europa wird nur auf der Grundlage dieser drei Bedingungen möglich sein.

Die Stimmen der Osteuropäer werden immer noch nicht genug gehört. Dabei sind es gerade die osteuropäischen Länder, die mit der russischen Invasion eine unmittelbare Erfahrung gemacht haben. Wo sehen Sie einen sinnvollen Schnittpunkt, wie sich west- und osteuropäische Politik treffen können?

Richtig, wir haben zu wenig auf die Osteuropäer gehört. Dies wird zwar heute von deutschen Politikern rhetorisch eingeräumt, aber noch zu wenig beherzigt. Einen sinnvollen Schnittpunkt für West- und Osteuropäer sehe ich beim Aufbau einer neuen europäischen Friedensordnung sowie beim Wiederaufbau der Ukraine und ihrer Heranführung an die euroatlantischen Institutionen. Bei diesen Fragen braucht es eine gemeinsame Führung Deutschlands mit den Staaten Mittel- und Osteuropas. Den dafür erforderlichen Gleichklang sehe ich besonders zwischen Deutschland und Tschechien.

Was ist grundsätzlich positiv für Deutsche an der Tschechischen Republik und was stellt im Gegenteil ein Problem dar? 

Deutschland und Tschechien sind sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich heute näher als je zuvor. Dies gilt etwa für das Verhältnis zu Russland, der Ukraine oder die Zukunft der Europäischen Union. Themen, die uns jahrzehntelang belastet haben, wie die Vertreibungen nach dem Krieg, stehen heute nicht mehr im Vordergrund. Tschechien ist ein sehr enger Partner für Deutschland. Wir sollten aus dieser Nähe noch viel mehr machen. Der deutsch-tschechische strategische Dialog ist dafür ein hervorragender Rahmen.

Welche Rolle spielt heute immer noch das deutsche Erbe des Zweiten Weltkriegs, auch in Bezug auf die Ukraine, auf die EU und auf die zentristischen Tendenzen in den heutigen zwischenstaatlichen Beziehungen? Aber nicht nur in politischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf Kultur und Gesellschaft?

Das Erbe des Zweiten Weltkriegs spielt auch heute eine überragende Rolle für Deutschland und sein Verhältnis zu seinen Nachbarn. Es ist gut und wichtig, dass wir endlich unseren „Russia first“-Kurs korrigiert haben und uns heute viel stärker für die Ukraine einsetzen, denn diese hat unter den Nazis genauso gelitten wie Russland. Für das Verhältnis zu Polen ist die Realisierung eines Denkmals für das Gedenken an die polnischen Opfer nach 1939 ein Schlüsselprojekt.

Nicht selten wird beklagt, dass die Ära der großen politischen Persönlichkeiten vorbei ist und dass das heutige Verständnis von Politik nicht geeignet ist, starke und charismatische Persönlichkeiten wieder auf die große Bühne zu bringen. Es scheint wichtiger zu sein, kurze Soundbites zu produzieren und die sozialen Medien und die eigene Fan-Agenda immer wieder zu füttern, als durchdachte und zielgerichtete Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. Stimmen Sie dieser Meinung zu?

Große Herausforderungen wie Kriege oder Katastro-phen begünstigen den Aufstieg großer Persönlichkeiten. Uns wird gerade bewusst, dass wir wieder in einer solchen Zeit leben, nachdem wir uns nach 1989 zu lange in einer trügerischen „End of history“- oder Friedensdividende-Phase wähnten. Allerdings, und hier stimme ich Ihnen zu, machen es die Bedingungen der heutigen Demokratie enorm schwierig, eine langfristig und strategisch angelegte Politik zu betreiben. Deutschland wählt statistisch einmal im Quartal, wenn man die Landtagswahlen. Ein Preis für die Demokratie wird von Populisten und Nationalisten gnadenlos ausgenützt. 

Wie beurteilen Sie rückblickend die Ära der drei großen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel?

Helmut Kohl war für mich der größte von ihnen. Er ist 1989 über sich hinausgewachsen. Kohl hat das Fenster für die Wiedervereinigung klar erkannt und entschlossen genutzt. Zugleich hat er verstanden, dass die deutsche Vereinigung von einem starken Impuls für die europäische Integration begleitet werden musste, um nicht Gefahr zu laufen, in eine Ära der Nationalstaatlichkeit zurückzufallen. Das führte damals zum Euro. Schröder hatte ebenfalls große Verdienste. Er hat die soziale Marktwirtschaft in Deutschland reformiert und unsere mittelosteuropäischen Nachbarn bei der Heranführung an die EU massiv unterstützt. Aber seine Russlandpolitik ist katastrophal entgleist. Bis heute betätigt er sich als Lobbyist und Apologet Wladimir Putins. Angela Merkel war eine hocheffiziente Krisenmanagerin, die Europa von der Eurokrise bis zur Pandemie in schweren Wassern zusammengehalten hat. Aber sie war keine Visionärin. Sie muss noch erklären, weshalb sie Putin besser als jede andere durchschaute, aber hieraus nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen hat. Damit meine ich die Verringerung der Energieabhängigkeit und die Stärkung der Bundeswehr.

Teilen Sie die Ansicht, dass junge Europäer Angst vor der nahen Zukunft haben, was wirtschaftliche Probleme, kriegerische Konflikte oder die so genannte Klimakrise angeht? Was kann man dagegen tun?

Ich kann diese Ängste gut verstehen und teile viele von ihnen. Allerdings muss man auch sehen, dass die Geschichte oft ganz anders verläuft als erwartet. So war es beispielsweise 1989. Zukunftsängste sind nicht neu, auch in meiner Jugend gab es apokalyptische Voraussagen, wie einen Atomkrieg in der Mitte Europas. Mein Ratschlag ist: Engagieren Sie sich politisch! Jugendliche, die sich heute für die Integration Europas einsetzen oder Klimaschutz sind für mich ein Vorbild.

Der vornehme Geist der Tradition, der kon-servativen Werte und der Familie, der nicht nur beim Adel oft im Vordergrund steht, ist  in vielen Bereichen der Gesellschaft immer noch prägend. Worin sehen Sie die Bedeutung von alten Eliten für die Zukunft und welche Eigenschaften haben Sie Ihren beiden Söhnen mit auf den Lebensweg gegeben?

Wichtig ist, dass wir uns politisch nicht nur für unsere Interessen, sondern auch für unsere Werte einsetzen. Ohne gemeinsame Werte hat Europa keine Zukunft. Aber es müssen zeitgemäße Werte sein. Meinen Söhnen habe ich versucht, folgende Eigenschaften  mitzugeben: Toleranz und Respekt gegenüber Andersdenkenden und Verantwortung für die Gemeinschaft. Beide setzen sich seit Jahren für Behinderte und sozial Schwächere ein. Das macht mich glücklich und stolz. 

Dieser Artikel erschien in der fünfte Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag

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