Sammler Tomáš Ciba: Wie das Auspacken von Bonbons

Er stammt aus Cheb und lebt heute in Nürnberg. Ein Software-Experte, der junge tschechische und deutsche Maler sammelt. Tomáš Ciba verbindet verschiedene Welten. Kein Wunder, dass das Thema seiner Sammlung „Der Weg“ lautet.

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Jak rozbalit bonbon

Tomáš, Sie haben schon in relativ jungen Jahren mit Ihrer Sammlung begonnen. Bereits in der Zeit Ihres Wirtschaftsstudiums an der Universität Prag haben Sie sich intensiv für Kunst interessiert. Aber was hat Sie zu den Ateliers zeitgenössischer Künstler geführt?

Als ich 2005 das erste Jahr die Universität besuchte, war das Studium in Prag, auch wenn es vielleicht nicht den Anschein hat, für mich eine große Herausforderung, denn ich kam aus einer kleinen westböhmischen Stadt und hatte keine Ausbildung an einem mehrjährigen Gymnasium genossen. Ich  suchte also nach einer Art geistiger und vielleicht sogar intellektueller Flucht,  einer gewissen Entspannung vom universitären Umfeld. Und so habe ich schließlich die Kunst entdeckt. Ganz sicher war auch allerhand Neugier dabei.

Sie stehen oft in persönlichem Kontakt mit den Künstlern, deren Werke in Ihrer Sammlung vertreten sind. Sie besuchen sie regelmäßig, Sie sind befreundet, aber helfen auch als Mäzen. Wie kommen Sie eigentlich zu neuen Künstlern und ihren Werken?

Entweder durch Empfehlungen von Künstlern, die ich bereits gut kenne, oder durch Klausuren, Vernissagen,  diverse Kunstpreise und Ausstellungen. Neuerdings aber auch durch soziale Netzwerke, wie zum Beispiel Instagram.

An dieser Stelle möchte ich aber betonen, dass der gesamte Prozess wichtig ist – von der ersten Idee bis zum Kennenlernen des Künstlers und seiner Arbeit. Das ist für mich immer, als würde ich einen Bonbon  auspacken (lacht). Haben mich seine Verpackung und die gesamte Aufmachung fasziniert, oder nicht? Werde ich letztlich den Mut aufbringen, ihn auszupacken? Was erwartet mich im Inneren – süße Belohnung, Bitterkeit oder Leere? Ich bin von Natur aus neugierig, also packe ich ihn schließlich immer aus und gebe ihm eine Chance. Manchmal geht es sehr schnell, manchmal muss ich mich gedulden, weil es so viele verschiedene Verpackungsschichten gibt. Deshalb nehme ich mir Zeit und konzentriere mich auf das Auspacken, bis ich mein Ziel erreiche.

Wen und was finden wir also in Ihrer Sammlung und welches Medium bevorzugen Sie?

Ich sammle ausschließlich zeitgenössische Gemälde und Zeichnungen. Diese Medien sind mir am nächsten. In meiner Sammlung habe ich Werke von Künstlern der Jahrgänge 1980 bis 2000. Die meisten sind Arbeiten professioneller tschechischer Künstler, wie Radka Bodzewicz, Václav Buchtelík oder Tomáš Predka, aber ich habe auch einige Werke von jüngeren slowakischen und deutschen Künstlern, zum Beispiel von Dušan Mravec und Ján Valík oder Anna Maria Schönrock und Manuel Rumpf. Zeitlich betrachtet gibt es auch Ausnahmen in der Sammlung – einige wenige  Werke von Autodidakten.

Mit vielen dieser Maler haben Sie im Laufe der Jahre eine Beziehung aufgebaut, die Ihre Sammlung  vertieft. Mit dem Maler Matěj Macháček zum Beispiel entstanden dank Ihrer regen Kommunikation die sogenannten „Reflektionen“. Können Sie erklären, worum es dabei geht?

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, handelt es sich um eine Art kleines Sammlermaterial, vielleicht schon um einen Teilfonds meiner monothematischen Sammlung in diesem Stadium. Mit diesem Projekt archiviere ich ausgewählte Aktivitäten meines Lieblingsmalers Matěj Macháček mittels gedruckter Fotos von diversen Reisen. Das ist eine sehr intuitive Sache, die aus der Korrespondenz mit Matěj seit seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Prag entstanden ist. Wenn ich das Gefühl habe, dass es sich um einen bestimmten Meilenstein in seinem Leben und in seiner beruflichen Laufbahn handelt, drucke ich das Foto aus. Dann bitte ich Matěj,  mir auf der Rückseite  des Papiers zu schildern, was er erlebt, entdeckt hat und was ihn das gelehrt oder wie ihn das bereichert hat.

Das Thema Ihrer Sammlung ist das Motiv des Weges. Warum gerade dieses Thema?

Das Motiv des Weges halte ich  für  ein sehr wichtiges persönliches Symbol. Es geht definitiv um meinen eigenen Weg durchs Leben. Es geht um die einzelnen Phasen meiner Lebensreise und wie ich das Leben im Allgemeinen betrachte. Gleichzeitig kann es auch um einen bestimmten Prozess gehen, nämlich dass ich, wenn ich von irgendwo nach irgendwohin gelangen will, vorab meine Gedanken ordnen muss,  wo ich jetzt bin und wie ich dorthin gelangt bin. Von da an kann ich dann weiter darüber nachdenken, welchen Weg ich als nächstes einschlagen will, und habe so festen Boden unter den Füßen.

Hängt das auch mit Ihrem Auslandsaufenthalt zusammen?

Ja, das Leben als Ausländer in einem anderen Land ist in vielerlei Hinsicht eine bereichernde Manifestation des Lebenswegs.

Sie kommen aus dem Gebiet des ehemaligen Sudetenlandes und kehren regelmäßig in Ihre Heimat Cheb zurück. Wie haben Sie die Beziehungen  der tschechisch-deutschen Grenzregion auf Ihrem bisherigen Weg beeinflusst? Ist Ihre Familiengeschichte mit den Sudetendeutschen verbunden?

Nur meine Urgroßmutter stammt aus dem nordwestlichen Sudetenland. Ansonsten prägte mich meine Großmutter, die Tochter meiner Urgroßmutter, die perfekt Deutsch sprach und meiner Schwester und mir von klein auf Deutsch beibrachte. Dafür bin ich heute sehr dankbar, denn dank meiner guten Fremdsprachenkenntnisse, verbunden mit meinem persönlichen Interesse an der Geschichte Deutschlands und der Tschechischen Republik, habe ich nach und nach viele wichtige Zusammenhänge zwischen den beiden Nationen verstanden.

Das Leben im Grenzgebiet hat mich auch viel über die andere Nation jenseits der Grenze gelehrt, ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen besser zu verstehen. Und das trage ich immer in mir. 

Der Sammler und Absolvent der Wirtschaftsuniversität  Prag Tomáš Ciba (* 1985) ist beruflich in der Softwareberatung und im Prozessmanagement von Unternehmen tätig. Seit über zehn Jahren trägt er die Werke seiner Kunstsammlung zusammen, deren Hauptthema das Motiv des Weges ist und die sich vornehmlich auf klassische Malerei und Zeichnung konzentriert. Obwohl er keine formale Ausbildung in bildender Kunst hat, interessiert er sich seit seiner Jugend für klassische Musik (er spielte jahrelang Cello), Architektur und bildende Kunst. Tomáš Ciba, geboren in Cheb, lebt und arbeitet in Deutschland, in der Nähe von Nürnberg.

Sie selbst leben schon mehrere Jahre in Deutschland in der Nähe von Nürnberg. Weshalb haben Sie diesen Ort gewählt?

Ja, das ist mein fünftes Jahr hier. Das lag vor allem daran, dass ein Teil meiner Familie seit einigen Jahren in Nürnberg lebt. Ein weiterer Grund war, dass ich diese Stadt schon seit meiner Kindheit kenne und ich sie wegen ihrer wunderbaren Atmosphäre und auch wegen ihrer guten Verkehrsanbindung liebe. Von Nürnberg aus kann man mit dem Auto, dem Zug, dem Flugzeug und sogar mit dem Schiff auf dem Kanal problemlos überall hin in Europa gelangen.

Auch aus pragmatischen Gründen fiel die Wahl auf Deutschland. Ich wollte die deutsche Sprache täglich gebrauchen, und zudem ist Deutschland der größte Wirtschaftspartner der Tschechischen Republik. Nicht zuletzt liegen mir diverse tschechisch-deutsche grenzüberschreitende Synergien und Initiativen am Herzen, und Nürnberg kann dabei als gewisser Ausgangspunkt dienen.

Äußern  sich die tschechisch-deutschen Bindungen in irgendeiner Weise in Ihrer Sammlung?

Ja sicher, am deutlichsten wohl darin, dass in meiner Sammlung auch mehrere Werke jüngerer deutscher Maler vertreten sind. Vor allem aus Nürnberg und Umgebung, wie die schon erwähnte deutsche Malerin Anna Maria Schönrock oder die im Nürnberger Raum lebende Zeichnerin Lena Müller, und natürlich auch der zuvor genannte Münchner Maler Manuel Rumpf.

Darüber hinaus  mag sich das in meinem teilweisen Mäzenatentum für diese Künstler und meiner Verbindung zur Prager Galerienszene widerspiegeln. So ist es mir zum Beispiel gelungen, eine prominente Prager Privatgaleristin auf die Arbeit der Nürnbergerin Anna Maria Schönrock aufmerksam zu machen.

Was gefällt Ihnen an der deutschen Mentalität? Gibt es etwas, das Sie vermissen?

Ich bin seit jeher ein systematischer Mensch, daher schätze ich an den Deutschen ihre Präzision und die Einhaltung von Regeln. Persönlich vermisse ich mehr Offenheit und die Kontaktbereitschaft der hiesigen Menschen.  

Dieser Artikel erschien in der vierten Ausgabe des Printmagazins N&N Czech-German Bookmag


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