Wien feiert Gabriele Münter

Das Leopold Museum in Wien ist die erste Institution in Österreich, die Gabriele Münter (1877–1962) mit einer Einzelausstellung preist. Dass das Interesse an ihrem Werk stets ansteigt, haben Ausstellungen in Hamburg und Bern bewiesen. Nächstes Jahr ist Madrid an der Reihe.

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Mehr als 130 Exponate aus öffentlichen und privaten internationalen Sammlungen, darunter Ölgemälde, Druckgrafiken, Zeichnungen, Fotografien und kunsthandwerkliche Objekte, geben einen Einblick ins facettenreiche Werk einer Künstlerin, die bisher meist als „Frau an der Seite Kandinskys” aufgefasst wurde. Die Ausstellung zeichnet verschiedene Lebensetappen nach, in denen sich Enthusiasmus und Desillusionierung, Neugier und Resignation abwechselten. Münters unermüdliche Suche nach einem reinen Malausdruck stand in einer Linie mit den Vertretern des deutschen Expressionismus. Zu diesem Zweck wurden äußerst qualitative Werke für die umfassende Präsentation ausgeliehen.

Kandinskys Porträt von Gabriele Münter aus dem Jahr 1903. © Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München 

Malerin und Fotografin

Gabriele Münter wurde 1877 in Berlin als jüngstes Kind deutscher Eltern geboren, die nach ihrer Auswanderung in die Vereinigten Staaten nach Deutschland zurückkehrten. Ihr künstlerisches Talent wurde schon früh erkannt und gefördert. Ab 1897 nahm sie privaten Malunterricht in Düsseldorf. Ihren Sinn für Landschaftsdetails schärfte sie auch als Fotografin während ihrer zweijährigen Reise durch die Vereinigten Staaten, wovon 400 erhaltene Aufnahmen zeugen. Der mächtige Mississippi faszinierte sie ebenso wie die weite texanische Prärie. Neben Landschaften malte sie auch unscheinbare Alltagsszenen und Porträts berühmter und zufällig begegneten Menschen. Ihre späteren Gemälde zeigen einfache Landschaftsszenen und Straßenbeobachtungen, bei denen sie die Perspektive stark verkürzte.

Begegnung mit Kandinsky

1901 kam sie zum Studium nach München, wo sie Kandinsky kennenlernte. Ihr impressionistischer Malstil während ihrer gemeinsamen Reisen und ihr intensives Interesse an der Druckgrafik gingen ihrem Durchbruch zu Klarheit und Reduktion voraus. Dieser gelang ihr 1908 in der bayerischen Stadt Murnau. Sie beschrieb es als Übergang „vom Malen der Natur” zur „Wiedergabe des Ausschnitts”. Dächer, Hausfassaden und Wiesen wurden zu kompositorischen Elementen aus ungebrochenen Farben. Ihre Auseinandersetzung mit Jawlensky und ihre Affinität zur naiven und volkstümlichen Kunst, insbesondere zur bayerischen Untermalung auf Glas, führten bald zur besonderen Form des Fauvismus. Im weniger produktiven Jahr 1912 unternimmt sie als Expressionistin erste Schritte in Richtung Abstraktion, wobei sie vor allem ihre früheren Interieurszenen und Stillleben paraphrasiert. Ihr kriegsbedingtes Exil im neutralen Schweden, das sie im Juli 1915 verließ, bedeutete Ausstellungserfolge, Reisen und eine neue künstlerische Ausrichtung, aber auch Bitterkeit nach dem Bruch mit Kandinsky. Die 1920er Jahre sind mit einer Schaffenskrise und einem anschließenden Gastspiel in der Gruppe Neue Sachlichkeit verbunden.

Wassily Kandinsky, 1906 © Franz Marc Museum, Kochel am See; Dauerleihgabe ahlers collection 

Zuflucht in Murnau

In den 1930er Jahren sah sich Gabriele Münter mit schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert, aber sie überprüfte auch ihren Stil. Obwohl sie vom NS-Regime nicht als Künstlerin der sogenannten Entarteten Kunst abgestempelt wurde und kein Berufsverbot erhielt, war sie nicht sehr erfolgreich. Das Haus in Murnau, in dem sie mit ihrem zweiten Lebensgefährten, dem Kunsthistoriker Johann Eichner lebte, wurde zu einem sicheren Hafen für die Moderne. Während des Krieges gelang es ihnen, viele Frühwerke Kandinskys sowie die umfangreiche Dokumentation der Gruppe Der Blaue Reiter zu retten. Die sämtliche Kollektion, darunter zahlreiche Werke Kandinskys aus der Zeit vor 1914, schenkte Münter anlässlich ihres 80. Geburtstages 1957 der Galerie im Münchner Lenbachhaus.

Baukran, 1930 © Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München


Nachdem der Kunsthistoriker Ludwig Grote 1949 im Münchner Haus der Kunst eine große Gruppenretrospektive des im Nationalsozialismus verfemten Blauen Reiters organisierte, wandte sich das Interesse von Sammlern und Galeristen Münter immer mehr zu. Die Künstlerin starb 1962 in ihrem Haus in Murnau. Ihr Zitat „Je größer die Verwirrung im Leben, desto größer das Bedürfnis nach Klarheit in der Kunst” kann man als die wohl größte Verwirrung ihres Lebens deuten: die kurze, aber erfüllende Liebe in Murnau.

Weltweit gefragte Künstlerin

Viele Jahre stand Munter im Schatten, doch im Laufe der Zeit wurde ihr Vermächtnis in großen Retrospektivausstellungen gefeiert. Ihr Werk ist gefragt wie nie zuvor, wie umfangreiche Retrospektiven in Hamburg und Bern zeigen. Für nächstes Jahr ist eine repräsentative Werkschau dieser bemerkenswerten Künstlerin in Madrid geplant. Allerdings ist ihr Werk als Ganzes nicht allzu überzeugend. Es verliert sich in den Wirren von zwei Weltkriegen, Exil und Wirtschaftskrisen. In ihrem Frühwerk ist Gabriele Münter jedoch außergewöhnlich stark.

Die Ausstellung von Gabriele Münter im Leopold Museum in Wien. Foto: Lisa Rastl

Die Ausstellung ist bis zum 18. Februar 2024 zu sehen. 

Mehr unter www.leopoldmuseum.org

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