Für ein Särglein  zum Friedhof

Vor den Fenstern auf der einen Seite die belebte Greifswalder Straße, vor dem Fenster auf der anderen Seite die Stille des Friedhofs. Wir sitzen im Café Nonna Café & Co mit seiner Inhaberin, der tschechischen Architektin Anna Vohlídalová, und sprechen über diesen sonderbaren Ort zwischen der Welt der Lebenden und der Toten.

    

🇨🇿 Tento článek si můžete přečíst i v češtině: Na rakvičku ke hřbitovu

Das einzige tschechische Café in Berlin lockt seine Kunden mit Gaumenfreuden, wie den „Särglein“ (Rakvičky – ein Baisergebäck) und „Ertrunkenen“ (Utopenci – in Marinade eingelegte Wurst). Wie auch nicht, ist es gewissermaßen doch ein Friedhofscafé. Aber keinesfalls ein düsteres! Es ist ein heller, angenehmer, gemütlicher Raum mit Desserts wie von der Großmutter – schließlich bedeutet Nonna italienisch Großmutter. „Ich stand meinen beiden Großmüttern sehr nahe“, sagt Anna, während sie meiner Tochter Anna den Kinderwagen mit ihrem Baby anvertraut, das nach dem Stillen über die Friedhofswege spazieren fahren wird. 

Lädt der Friedhof im zentralen Berliner Stadtteil Friedrichshain, in dem sich Nonna befindet, doch zu Spaziergängen ein. Es ist eher ein Park oder ein Wald, viele der Grabsteine sind wie Pilze im Gestrüpp verschwunden. Die neuen Gräber sind wie ein Rad aus Steinen gestaltet, das einem Blumenbeet ähnelt, in der Mitte mit Blumen und einer bescheidenen Inschrift. 

Anna und ihr Freund sind Architekten, weshalb der Weg zu solch einem merkwürdigen Café vorbestimmt war. „Ich lebe jetzt schon zehn Jahre in Berlin und habe die ganze Zeit über in einem Architekturbüro gearbeitet. Eben durch meine Arbeit bin ich auf dieses Gebäude gestoßen, das ich anderthalb Jahre lang renoviert und in ein Café umgebaut habe. Es geht eigentlich um einen ehemaligen Blumenladen am evangelischen Friedhof, deren Räume mich mit ihrer Atmosphäre sofort fasziniert haben.“ Anna berichtet, wie der Blumenladen 2005 geschlossen wurde, als der damalige Geschäftsführer in den Ruhestand ging, und das Gebäude seitdem langsam verfiel. Also entwarf sie ein Konzept für das Café und schlug dem Eigentümer vor, ihr die Räumlichkeiten anzuvertrauen. Sie und ihr Freund arbeiteten den ganzen Sommer 2021 an der Inneneinrichtung und eröffneten im Oktober. Ja, Sie haben richtig gerechnet – einen Monat vor dem Covid-Lockdown.

Anna Vohlidalova hat sechs Leute im Team, ausschließlich Tschechen und einen amerikanischen Barista. Foto: Ivy E. Morwen

Doch trotz der schwierigen Zeiten floriert Annas Café, denn die Berliner haben ihre süßen Leckereien liebgewonnen. Der Hit ist angeblich „Medovník“ – ein Kuchen mit viel Honig aus Lebkuchenteig. „Außerdem ist unser Familienrezept für Käsekuchen sehr beliebt, das ich etwas abgewandelt habe und den wir als Torte unter dem Namen Oma‘s Käsekuchen mit Kakaokruste servieren. Ein weiterer Dauerbrenner ist der klassische tschechische Lebkuchen, ein einfacher Gusskuchen auf einem Backblech. Natürlich bietet Nonna auch eine Vielzahl tschechischer Produkte an – Eis am Stiel der Marke Lunar, Vincentka-Mineralwasser, Kofola und Naturweine aus Mähren.

Anna hat sechs Leute im Team, ausschließlich Tschechen und einen amerikanischen Barista. „Ich denke, es ist ideal, überwiegend tschechische Kollegen zu haben. Das ist authentisch, sie haben einen Bezug zu unseren Produkten, kommen selbst mit neuen Ideen, backen auch selbst und wissen somit, was sie verkaufen.“ 

Aber sie dürfen keine Angst haben. Denn abends und in den Wintermonaten ist die Dunkelheit von der Seite des Friedhofs aus undurchdringlich, und die Arbeit so nahe am Reich der Verstorbenen ist nicht jedermanns Sache. Überdies finden im Nonna Café auch Beerdigungsfeiern statt. „Einmal hatten wir hier die Beerdigung eines Mannes aus der alternativen Kultur, eben solche Punks. Genau zu seiner Beerdigung wütete ein richtig schöner Schneesturm. Es kamen viele Leute, wir haben ihnen Sauersuppe (Kulajda) serviert, dazu wurden Schnäpse getrunken und draußen konnte man auch Gras riechen. Jede Beerdigung hat eben eine ganz spezielle Atmosphäre“, lächelt Anna und fügt abschließend hinzu: „Mir gefällt, dass wegen des Friedhofs diverse Zielgruppen zu uns kommen, die man ansprechen kann. So gibt es die Gemeinschaft von Leuten, die die Gräber besuchen, Leute aus der Nachbarschaft, aber durch die Nähe zum Stadtzentrum und die Straßenbahnhaltestelle direkt vor der Tür kommen auch Besucher von überall hierher“.

Dieser Artikel erschien im Printmagazin N&N Czech-German Bookmag

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