Tomáš Kafka und Bernhard Schlink schrieben ein Theaterstück zu diesem Thema: Mitteleuropa

Tomáš Kafka, tschechischer Diplomat, Dichter, Übersetzer und Bernhard Schlink, Jurist, Schriftsteller. Zwei Männer, zwei unterschiedliche Welten, die bereits vor 25 Jahren die gemeinsame Liebe zur Literatur und zu Menschengeschichten sowie das Interesse für die Vergangenheit und Gegenwart Europas zusammengeführt hat. Seitdem sind beide in Freundschaft verbunden.

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Was hat Sie zusammengeführt, wie war Ihr erstes Treffen?

TK Am Anfang unserer Freundschaft stand Bernhards Roman „Der Vorleser“; ich war gleich so begeistert, dass ich darüber eine Abhandlung für ein tschechisches Wochenblatt schrieb. Offensichtlich war meine Begeisterung ansteckend, denn unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung rief mich der Inhaber eines angesehenen Prager Verlags an und ohne Näheres über den Roman zu wissen, bot er mir einen Vertrag für die Übersetzung an. Das war mein erster Roman, den ich je übersetzt hatte. Im breiteren Sinne war Bernhard Schlink daher meine Eintrittskarte in die Welt der Übersetzung. 

Ich erinnere mich sehr wohl an unsere ersten Gespräche, die wir in Prag geführt haben. Bernhard war schon damals eine Koryphäe für mich und er war sehr an Mitteleuropa interessiert. Er sprach lieber über Milan Kundera, als über sich selbst. Wir fingen an, uns zu schreiben. Dass wir etwas gemeinsam schreiben könnten, erschien mir damals zu schön, um wahr sein zu können. 

BS So war es. Tomáš war Beamter im Auswärtigen Amt, gebildet, belesen, witzig – und ich war erstaunt und erfreut, dass er sich nicht zu schade war, mein Buch zu übersetzen. Ich erinnere mich besonders an unsere Gespräche auf einem langen Spaziergang durch Prag, auf dem ich viel über Prag, über die Vergangenheit der Tschechoslowakei, über die junge Tschechische Republik und über Mitteleuropa erfuhr. Auf diesem Spaziergang bemerkte und bewunderte ich, wie Tomáš den nüchternen Blick für das Politische mit seinem leidenschaftlichen Engagement für sein Land, für Europa und für die besondere Bedeutung, die der Mitte Europas zukommt, verbindet. 

Tomáš Kafka (geb. 1965), Botschafter der Tschechischen Republik in Deutschland seit 2020, 2008 – 2013 Botschafter in Irland. Träger des deutschen Bundesverdienstkreuzes. Übersetzer und Autor mehrerer Gedichtsammlungen.

Vor meiner damaligen Reise wurde mir gesagt, ich solle auf den Groll der Tschechen gegenüber Deutschland und ihre Antipathie gegenüber Deutschen vorbereitet sein, und angesichts der deutsch-tschechischen Vergangenheit leuchtete mir das ein. Ablehnender Haltung bin ich nicht begegnet. Und in Tomáš erlebte ich einen tschechischen Europäer, für den die Vergangenheit präsent ist, ohne ein Trauma zu sein; sie nimmt uns auf verschiedene Weise in die Verantwortung und stellt uns gemeinsame Aufgaben. 

Sie haben sich viele Jahre lang geschrieben, Gespräche über Politik und Bücher geführt, gelegentlich haben Sie sich getroffen, doch nie zusammengearbeitet. Bis vor kurzem, als Sie gemeinsam ein Theaterstück geschrieben haben. Worum geht es in ihm und wie entstand die Idee, gemeinsam zu schreiben? 

BS Das Thema ist Mitteleuropa, und die Idee entstand bei einem gemeinsamen Abendessen. Mitteleuropa wurde in den 1980er-Jahren ein Thema, als der Gegensatz zwischen Ost und West an Schärfe verlor. Das lud zum Nachsinnen darüber ein, ob die Länder an den Rändern des Ostens und Westens nicht eine Identität haben, die sie weder zu Ost noch zu West macht. Mitteleuropa als eigenes politisches Terrain, als Zentrum und Vermittler Europas in Ost und West – das waren die Träume der Zeit. Sie waren eher liebenswert als realistisch, und wir erinnerten uns beim Abendessen mit viel Nostalgie an sie. Daraus entstand die Idee, ihnen in einem Theaterstück ein Denkmal zu setzen – in einem Stück, in dem es um ein Denkmal für Mitteleuropa geht. 

TK Ich erinnere mich gut an diesen entscheidenden Moment. Wir sprachen über Rechtstaatlichkeit, und Bernhard wollte wissen, ob ich eine Erklärung dafür habe, weshalb es Polen und Ungarn so schwer fällt, ihre Streitigkeiten mit der Europäischen Kommission über eine gemeinsame, sagen wir, Rechtskultur beizulegen. Da ich selbst kein Jurist bin, dafür aber Experte für Mitteleuropa, zog ich es vor, Bernhard meine eigene kleine Interpretation dessen zu geben, warum sich Mitteleuropa von Westeuropa unterscheidet, ganz gleich, wie sehr Mitteleuropa, bzw. seine Länder und Bürger, einst versuchten, aus wirtschaftlichen und Sicherheitsgründen zu Westeuropa zu gehören. So stellte sich heraus, dass meine Interpretation – ob nun richtig oder falsch – Stoff für ein Drama bot. 

Wie schreibt man eigentlich ein Theaterstück zu zweit? Gab es Momente, in denen es ein wenig gehapert hat? Schließlich arbeitet jeder von Ihnen anders mit dem Text. 

BS Manchmal hatten wir anfangs unterschiedliche Meinungen darüber, wie wir vorgehen sollten, in welche Richtung das Stück gehen sollte. Aber immer wenn wir unsere Meinungen austauschten, gab ich entweder Tomáš recht oder Tomáš gab mir recht. 

TK Es gibt vielleicht nur eine anekdotische Szene, die ich hinzufügen möchte. Die erste Fassung des Stücks war bereits fertig. Ich war erleichtert und nahezu euphorisch. Bernhard sagte mir jedoch, dass es ihm leid tue, aber das Stück sei zu brav und passe irgendwie nicht in die heutige Zeit. Mir müssten ein wenig härter, wenn nicht gar hässlich sein. Ich antwortete, dass ich es versuchen könnte, aber nicht wüsste, ob ich das kann. Dann wollte ich wissen, ob er das kann. Daraufhin sagte Bernhard, dass er es auch nicht kann, aber wir müssten uns gegenseitig ermutigen, das zu tun. Und so kam es dann auch. 

Wir erleben eine Energiekrise, die erheblichen Auswirkungen des Krieges auf die Wirtschaft, aber was noch schlimmer ist, unweit unserer Grenzen wird heftig gekämpft. Kann Europa dieser Situation standhalten? 

TK In den 90er Jahren lief ein deutscher Film über die chaotische Situation in den neuen Bundesländern mit dem Titel „Wir können auch anders“. Auf Englisch hieß der Film allerdings „No More Mr. Nice Guy“. Ich denke, dass die große Spanne zwischen dem deutschen und dem englischen Titel diese äußerst komplizierte Frage recht gut beantworten kann. Ich glaube – im Gegensatz zum deutschen Titel „Wir können auch anders“ – , dass die EU bzw. Europa im Zuge des Konflikts mit Russland der Versuchung, einen Pakt mit dem Teufel in Bezug auf die eigenen Werte und den eigenen Lebensstil zu schließen, widerstehen und stolz erklären wird: Nein, wir können nicht anders. Um diesen Standpunkt jedoch nicht nur deklarieren, sondern auch glaubwürdig anwenden zu können, müssen wir gegenüber Russland den englischen Titel übernehmen: Schluss mit Herr Oberfreundlich! Die andere Kombination der beiden Titel wäre verheerend. 

Bernhard Schlink (geb. 1944). Professor für Rechtsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, Richter am Verfassungsgerichtshof des Landes Nordrhein-Westfalen. Als Autor zahlreicher Bücher erlangte er weltweiten Ruhm durch seinen Roman Der Vorleser.

BS Wenn die Situation klar ist, kann sie Europa bewältigen. Im Moment ist die Lage klar: Russland ist in die Ukraine eingedrungen, es hat die Grundlagen und Prinzipien der internationalen Politik verletzt, die Ukraine braucht und verdient unsere Unterstützung. Wie die Situation in Zukunft sein wird, ist unklar. Was ist, wenn weder Russland noch die Ukraine siegen können? Was aber, wenn beide auf den Sieg als Ziel des Krieges beharren? Wenn das Töten und Sterben weitergeht? Wie Europa damit umgehen soll, weiß es noch nicht. 

Wie sieht das künftige Verhältnis Europas zu Russland aus und inwieweit ist der gegenwärtige Krieg eine Folge der imperialistischen Ambitionen des heutigen Russlands und der einstigen Sowjetunion? 

TK: Im Moment müssen wir alles tun, um sicherzustellen, dass wir es uns in Zukunft leisten können, Russland und seine Interessen zu ignorieren, so wie es Russland uns gegenüber schon lange Zeit getan hat. Und ja, die Bemerkung zu den imperialistischen Bestrebungen Russlands bzw. der Sowjetunion ist nicht fehl am Platz. Die alte russische Politik, oder besser gesagt, die reflexartige Methode, die eigenen Probleme auf Kosten anderer zu lösen, stand am Anfang dieses Krieges. Im Prinzip hat Russland schon immer den Sieg und die Vorherrschaft – zu welchem Preis auch immer – dem Aufbau vorgezogen. Die russische Führung hat seit eh und je inbrünstig von Frieden gesprochen, doch oft hatte sie dabei ihren eigenen Frieden im Sinn, der paradoxerweise nur dann erreicht wird, wenn sie jemanden besigt. 

BS Russland hatte und hat nicht nur eine Seele. Es gab immer ein Russland, das sich Europa zuwandte und das sich von Europa abwandte, das sich als Nation unter Nationen betrachtete und das sich als etwas Besonderes sah, als eine Art drittes Reich, als Hüter des christlichen Erbes, das der Westen verraten hatte. Europa hat Einfluss darauf, welche Seele in Russland stark ist. Wir tun gut daran, offen zu bleiben für die russische Hinwendung zu Europa und für Kontakte und Austausch zwischen unseren Völkern – Russland hat uns viel zu geben, wie wir ihm viel zu geben haben. Zugleich müssen wir den imperialistischen Forderungen, die es erhebt, entschieden entgegentreten. Die Kunst besteht darin, ebenso entschlossen wie offen zu sein. 

Vor zwei Jahren wurden Sie, Tomáš, zum Botschafter der Tschechischen Republik in Berlin ernannt, einer Stadt, die Sie schon vor 30 Jahren bezaubert hatte, als Sie dort Ihre erste Mission antraten. Wie würden Sie die Diplomatie und die deutsch-tschechischen Beziehungen damals und heute beschreiben? 

TK Vor dreißig Jahren war alles unglaublich neu für mich, nicht nur in Berlin, sondern auch in der Welt der Diplomatie. Als junger Vertreter der gerade erst wiederhergestellten tschechoslowakischen und später tschechischen Demokratie konnte ich mich allerdings immer auf die Unterstützung und die guten Ratschläge meiner älteren Kollegen verlassen, insbesondere des Botschafters und meines Patenonkels Frantisek Černý. Darüber hinaus begleitete mich fast überall die unglaubliche, ja nahezu wunderwirkende Aura von Präsident Vaclav Havel. Heute, dreißig Jahre später, muss ich die Tatsache respektieren, dass ich kein junger Vertreter einer jungen Demokratie mehr bin und dass auch die Aura von Václav Havel verschwunden ist. Aber natürlich beschwere ich mich nicht! Ich habe diese Stadt lieben gelernt und habe das Glück, in Deutschland viele Freunde zu haben, denen ich vertrauen kann. Für mich verkörpern sie auch den aktuellen Stand der tschechisch-deutschen Beziehungen. Ihnen verdanke ich auch meine optimistische Einstellung, dass alles gut ist und auch so bleiben wird. 

Was macht Sie in diesen schwierigen Zeiten glücklich? 

TK In der heutigen Zeit kann ein Mensch zu Recht schnell in Depressionen verfallen, wenn man zu lange Nachrichten sieht und dann auch noch allein ist. Daher scheint es mir ein Luxus zu sein, passiv auf gute Nachrichten zu warten. Ja, ein unerwarteter Fußballsieg oder eine gelungene Theateraufführung heben immer die Stimmung. Aber die Wahrheit ist, dass es nichts Besseres gibt als das Glück, vorzugsweise das Familienglück, wenn man Menschen um sich hat, die einen ermutigen, die Freude am Leben nicht aufzugeben.

BS Ich bin nicht glücklich über die Welt als solche, aber ich finde immer noch Gründe, um in der Welt glücklich zu sein. Liebe, Freundschaft, Kinder, Literatur, Musik, Natur – der Klimawandel, die Erstarkung des Autoritarismus, Kriege, Naturkatastrophen und Hungersnöte können uns die Freude an all dem nicht nehmen. Adorno sagte, dass ein gutes und ehrliches Leben in einer unmenschlichen Gesellschaft unmöglich ist. Aber vielleicht ist es das schlechte Leben, in dem wir das finden, was wirklich richtig ist.

Dieser Artikel erschien im Printmagazin N&N Czech-German Bookmag

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